Vorwürfe gegen Jugendamt

„Kevins Tod hätte verhindert werden können“

Die Bremer trauern um Kevin

Die Bremer trauern um Kevin

01. November 2006 Im Fall des vor drei Wochen tot aufgefundenen zweijährigen Kevin aus Bremen erhebt der Senat schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt der Stadt. Der von Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) mit der Untersuchung der Ereignisse beauftragte Justizstaatsrat Ulrich Mäurer kommt zu dem Schluß, daß der Tod des Jungen hätte verhindert werden können, wenn das Amt für Soziale Dienste die Vorschriften für den Umgang mit Kindern drogenabhängiger Eltern eingehalten hätte.

Aus dem Bericht Mäurers geht zudem hervor, daß Kevin bereits seit Anfang Juli tot ist. Bernd K., in dessen Kühlschrank der Junge gefunden wurde und der im Verdacht steht, Kevin getötet zu haben, ist überdies nicht der Vater des Kindes. Mäurer warf dem Jugendamt am Dienstag massive Versäumnisse vor. Der verantwortliche Sachbearbeiter habe sich immer wieder vehement dafür eingesetzt, daß Kevin bei seinem als gewaltbereit bekannten vermeintlichen Vater blieb. Dabei habe er sich vor allem auf Aussagen des Arztes des drogenabhängigen Mannes gestützt, der diesen mit Methadon und Medikamenten versorgte. „Er war der zentrale Mittelsmann zwischen dem Vater und dem Amt“, betonte Mäurer. Eine kritische Distanz des Amtes zu den Auffassungen des Arztes habe es nicht gegeben. Das Kindeswohl sei dabei nicht beachtet worden.

Vorrang des Kindeswohls mißachtet

Mäurer: “Tod des Jungen hätte verhindert werden können“

Mäurer: "Tod des Jungen hätte verhindert werden können"

Dabei gebe es klare Vorgaben für den Vorrang des Kindeswohls gegenüber den Interessen der drogenabhängigen Eltern, sagte Mäurer. Es habe immer wieder Hinweise unterschiedlicher Stellen gegeben, daß Kevin in Gefahr gewesen sei. Diese Hinweise seien aber vom Jugendamt zum Teil barsch zurückgewiesen worden. Dabei habe Bernd K. sich nicht einmal an Auflagen gehalten, die ihm gemacht wurden. Dennoch hätten sich daraus für ihn keine Konsequenzen ergeben (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Tödliches Versagen im Fall Kevin).

Der Sachbearbeiter des Jugendamtes habe Kevin nur ein einziges Mal auf einer so genannten Fallkonferenz gesehen, stellte Mäurer fest. In der Folge sei die Gefährdungslage nicht erkannt oder falsch eingeschätzt worden. Es gebe aber keine Hinweise darauf, daß Kevin aus Kostengründen so lange bei Bernd K. bleiben sollte und nicht in ein Heim kam.

Bernd K. nicht der Vater

Die Todesursache ist unterdessen noch immer unklar. Kevins Leichnam sei inzwischen für „ergänzende Untersuchungen“ ins Gerichtsmedizinische Institut der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf gebracht worden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Kevins verweste Leiche war am 10. Oktober mit mehreren Knochenbrüchen und einem Bluterguß am Schädel gefunden worden. Die Verletzungen haben nach Angaben der Staatsanwaltschaft aber nicht zum Tod des Jungen geführt.

Nach Angaben Mäurers ergab eine DNA-Analyse, daß der in Untersuchungshaft sitzende Bernd K. nicht der Vater von Kevin ist. Der Mann habe auch zu Lebzeiten der Mutter nie die Vaterschaft anerkannt. Es gebe aber keine Hinweise darauf, daß er tatsächlich wußte, nicht der Vater zu sein. Nach dem Tod der ebenfalls drogenabhängigen Mutter im November 2005 hatte das Amt für Soziale Dienste die Vormundschaft von Kevin übernommen. Die unverheiratete Mutter hatte zuvor das alleinige Sorgerecht.

Der Verdacht, daß Bernd K. seine Lebensgefährtin getötet hat, ist nach Angaben Mäurers vom Tisch. Das Verfahren wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge werde demnächst eingestellt. Böhrnsen will nun das gesamte System der Jugendhilfe auf den Prüfstand stellen. Es gebe unübersehbar eine Reihe von Fragen zu der bisherigen Praxis des Jugendamtes zumindest im Fall Kevin. Das werde eine der großen Aufgaben der neuen Sozialsenatorin Ingelore Rosenkötter (SPD) sein, die am Donnerstag gewählt und vereidigt werden soll. Sie wird Nachfolgerin von Karin Röpke (SPD), die die politische Verantwortung für den Tod von Kevin übernommen hatte.

Im Auftrag von Bremens Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) hat Justizstaatsrat Ulrich Mäurer in der Hansestadt eine 60-seitige detaillierte Dokumentation zum Fall Kevin vorgestellt. Darin werden die Abläufe und Zusammenhänge zwischen den Behörden, der Mutter von Kevin und dem drogensüchtigen Freund der Mutter aufgelistet. Im Ergebnis stellt Mäurer gravierende Fehler fest.

Unter anderem hat:

- der behandelnde Arzt des Drogensüchtigen sowie die Drogenbetreuerin der Mutter den Standpunkt vertreten, die Eltern könnten ihr Kind versorgen und betreuen,

- der Vertreter des Jugendamtes sich nicht dagegen ausgesprochen,

- es keine Überprüfung der Angaben der Eltern über den Umgang mit ihrem Kind gegeben.

Zudem habe das Jugendamt nicht reagiert, als Zweifel an der Eignung der Eltern bekannt wurden. Beispiele dafür seien:

- zwei polizeiliche Notlagenberichte,

- Feststellungen einer Kinderklinik über Kindesmisshandlung und diverse Knochenbrüche,

- der Hinweis des Kinderarztes auf den dramatisch schlechten Zustand von Kevin,

- der Hinweis des drogensüchtigen Freundes, wonach die Mutter das Kind vernachlässige und der Prostitution nachgehe, um sich Drogen zu beschaffen,

- Hinweise der Familienhebamme, die das Kind nicht den Eltern überlassen wollte.

Das Fehlverhalten der Eltern sei nicht sanktioniert worden, obwohl:

- Termine für ärztliche Untersuchungen versäumt und bewilligte Hilfen nur kurz in Anspruch genommen wurden,

- der drogensüchtige Freund gegen Absprachen mit dem Amt handelte und unter anderem eine Tagespflegemutter mit einer abwegigen Begründung abgelehnt habe.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: ddp

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