Amoklauf

„Einzelgänger aus Überzeugung“

Selbststilisierung per Video: Gewalttäter Sebastian B.

Selbststilisierung per Video: Gewalttäter Sebastian B.

21. November 2006 Er war nicht zum Amokläufer geboren. Sebastian B., der in Emsdetten als Sohn eines Postboten und einer Hausfrau aufwuchs, war ein aufgewecktes und fröhliches Kind. Er war in seiner frühen Kindheit sogar sprachlich und geistig anderen Kindern überlegen, wie man sich in der Kleinstadt nördlich von Münster erinnert. War gerade das sein Schicksal? Oder warum entwickelte sich Bastian zu einem jungen Mann, der seinen Haß dadurch auslebte, daß er am Montag morgen in seine ehemalige Schule eindrang, Schüler und Lehrer im schwarzen Aufzug erschreckte, mit gekürzten Perkussionswaffen um sich schoß, fünf Menschen traf, mit Rauchbomben Dutzende verletzte, um schließlich am Ende, als die Polizei die Geschwister-Scholl-Realschule stürmte, seinem Leben ein Ende zu setzen?

Man muß sich seine Geschichte wohl als langsam fortschreitende Radikalisierung vorstellen, die mit schulischem Mißerfolg, sozialer Ausgrenzung, einer Bindungsstörung, Pech bei den Mädchen, der Flucht in eine virtuelle Parallelwelt und dem Zugang zu Waffen zu tun hatte. Der Junge, der in behüteten Verhältnissen mit einer um drei Jahre jüngeren Schwester und einem um zwei Jahre jüngeren Bruder aufwuchs, die beide ebenfalls die Realschule besuchten, wurde immer stärker zu einem isolierten Jugendlichen, dem wohlmeinende Ratschläge und dringende Bitten nicht mehr helfen konnten. In der Abschlußzeitung der Geschwister-Scholl-Realschule bekommt er den Titel „Einzelgänger aus Überzeugung“.

„Angst schlägt so langsam in Wut um“

Die mißglückte Schulkarriere wird dabei ihren Anteil an der Entwicklung gehabt haben. Sebastian mußte die siebte und die achte Klasse wiederholen. Von seinen Mitschülern gehänselt, in der Schule mit Mißerfolgen konfrontiert, schreibt er sogar einen Hilferuf auf die Seite www.das-beratungsnetz.de, der allerdings kurz nach der Tat gelöscht wird. Darin beschwert er sich im Juni 2004 über Schule und Mitschüler und kündigt einen Amoklauf an: „Diese Angst schlägt so langsam in Wut um, um sie irgendwann auf einmal rauszulassen.“ Ein anderer Chat-Teilnehmer verweist ihn auf Hilfsangebote. Erst im Januar 2006 meldet sich Sebastian wieder: „Ich denke, ich habe damals wohl etwas übertrieben.“

Zuletzt arbeitete er als Minijobber in einem Baumarkt - unauffällig, wie sein Arbeitgeber sagt. Gleichzeitig lebte er aber in der Parallelwelt der Computerspiele. Er spielte Counterstrike und Doom 3, Kampf- und Ballerspiele, die in unheilvoller Mischung mit sozialer Isolation und dem Zugang zu Waffen explosive Dynamik entfalten können. Es gibt Hinweise, so Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer am Dienstag, daß der Täter die Waffen und den Sprengstoff über das Internet bezog. B. besaß einen Kleinen Waffenschein für Gas- und Schreckschußwafen.

Amoklauf ähnelte Schießereien in Computerspielen

Mit Kameraden erging er sich in Kriegsspielen im Wald. Im Sommer fiel er bei einer Open-Air-Veranstaltung mit einer Gaspistole auf. Zeugen verständigten die Polizei. Die Waffe wurde beschlagnahmt. B. sollte sich am Dienstag vor dem Jugendgericht Rheine wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten. Es handelte sich um ein recht geringfügiges Vergehen, das wohl nur mit einer Ermahnung oder einer geringen Geldbuße geahndet worden wäre.

Was auch immer der Auslöser für die Tat war - sein Amoklauf ähnelte den Schießereien in Computerspielen. Sebastian B. fuhr mit dem Wagen zur Schule, schnallte sich drei selbstgebaute Rohrbomben um den Körper und hatte im Rucksack fünf weitere Rohrbomben dabei; im Auto fand man später vier weitere Rohrbomben und drei Molotow-Cocktails sowie eine Machete. Auf dem Weg zum oberen Schulhof zündete er den ersten Explosionskörper. Eine Lehrerin bewarf er mit einer Rauchbombe, die sie im Gesicht verletzte. Vom oberen Schulhof aus feuerte er auf Schüler im unteren Teil des Pausenhofs. Auf dem Weg zum Haupteingang der Schule schoß er auf den Hausmeister. Im Schulgebäude schoß er weiter und verletzte mehrere Schüler. Als die ersten Polizisten am Tatort eintrafen, verschanzte er sich in einem leeren Klassenraum im zweiten Stock und zündete mehrere Rauchtöpfe. Die starke Rauchentwicklung erschwerte der Polizei die Annäherung.

Mit Sprengstoff im Jugendzimmer experimentiert

Drei Waffen führte B. am Montag mit sich, zwei Vorderlader und ein Kleinkalibergewehr. Die beiden Perkussionswaffen wurden früher gern zur Jagd genutzt. Für den Besitz solcher einschüssigen Vorderlader ist kein Waffenschein erforderlich. Man kann sie vom Alter von 18 Jahren an frei erwerben. Es sind historische Waffen, die über die Laufmündung mit Treibladung und Geschoß geladen werden. Dann wird ein Zündhütchen aufgesetzt.

Als ein Spezialeinsatzkommando um 10.39 Uhr das Klassenzimmer erreichte, hatte sich Sebastian B. schon mit einer Bleikugel ins Gesicht geschossen. Durch die Verbrennung des Schwarzpulvers erlitt er schwere Verletzungen - was die Identifizierung erschwerte. Für das Kleinkalibergewehr wäre ein Waffenschein erforderlich gewesen. In seinem Zimmer im Elternhaus fand man Hinweise darauf, daß er mit Chemikalien zur Herstellung von Sprengkörpern experimentiert hatte. Zudem stellte man dort eine Gaspistole (“Softair“) und ein Luftgewehr sicher.

Die Eltern des Täters befanden sich am Dienstag in ärztlicher Behandlung. Die beiden Geschwister waren bei Verwandten, die von Psychologen unterstützt wurden. Die knapp 700 Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule hatten unterrichtsfrei und wurden von Psychologen, Pädagogen und Seelsorgern betreut.

Text: F.A.Z., 22.11.2006, Nr. 272 / Seite 11
Bildmaterial: ddp

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