20. April 2007 Am Tattag, morgens um 5 Uhr, begegnete Karan Grewal seinem Mitbewohner Cho in dem gemeinsamen Appartement, das die beiden Studenten in dem Wohnheim Harper Hall mit vier anderen Kommilitonen teilten. Grewal hatte die Nacht durchgearbeitet, da er eine Arbeit abliefern musste, und traf Cho, als dieser auf dem Weg ins Badezimmer war. Dieser wirkte auf Grewal wie immer: schweigend, ausdruckslos und distanziert.
Gut zwei Stunden später, um 7.15 Uhr, ging ein Notruf bei der Universitätspolizei ein. In dem Wohnheim West Ambler Johnston Residence Hall sei es zu einer Schießerei gekommen. In einem Appartement im vierten Stock fanden die Beamten zwei Tote. Chos erstes Opfer war die 19 Jahre alte Emily Hilscher, auf deren Freund Cho angeblich eifersüchtig gewesen sein soll. Kurze Zeit später erschoss er den 22 Jahre alten Ryan Clark, als dieser Emily Hilscher zu Hilfe eilte. Die Polizei riegelte das Wohnheim, in dem knapp 900 Studenten leben, ab.
Die Polizei denkt, dass es ein privater Streit war
Gegen 7.30 Uhr befragen Beamte Studenten zu dem Vorfall. Eine Mitbewohnerin der getöteten Studentin gibt an, dass diese einen Freund gehabt habe, der Waffen besitze. Gegen Kurt Thornhill, der an einer nahe gelegnen Universität studiert, wird ermittelt. Gegen 9 Uhr berät die Universitätsleitung darüber, wie weiter vorzugehen sei. Die Polizei nimmt an, dass die Schießerei in dem Wohnheim Folge privater Streitigkeiten gewesen sei und dass anderen Studenten keine Gefahr drohe.
Während die Polizei sich auf den Weg macht, um Kurt Thornhill zu verhören, geht Cho in sein Appartement zurück und setzt ein wirres Schreiben auf, in dem es unter anderem heißt, ihr habt mich veranlasst, dies zu tun. Das Schreiben wird nach dem Amoklauf in seinem Zimmer gefunden. Erst zwei Tage nach der Bluttat wird bekannt, das Cho nach dem Mord an Emily Hilscher und Ryan Clark außerdem zur Post gegangen war und ein Paket mit Fotos, Videoclips und einem Schreiben für den Fernsehsender NBC auf den Weg gebracht hatte.
Niemand ahnt etwas
Während Cho sein Abschiedsmanifest vorbereitet, verschickt die Universitätsleitung um 9.26 Uhr eine erste elektronische Postsendung, in der sie über die Schießerei in dem Wohnheim informiert und mitteilt, es werde ermittelt. Die Polizei ahnt nicht, dass der Täter im Begriff ist, den schlimmsten Amoklauf in der amerikanischen Geschichte zu begehen. Cho verlässt, bewaffnet mit zwei Pistolen und mehreren Magazinen Muntion, sein Appartement und macht sich auf den Weg zur Norris Hall. Er betritt das Gebäude der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät, verschließt den Haupteingang mit einer Kette und begibt sich in den zweiten Stock. Seine ersten Opfer sind in Raum 206 versammelt. Wortlos tritt Cho ein und beginnt zu schießen. Von den 14 Studenten, von denen viele aus dem Ausland kommen, sterben zehn. Auch der unterrichtende Professor wird tödlich verletzt.
Cho begibt sich zum Raum 207, wo ein Deutschkurs stattfindet. Er schießt mit beiden Pistolen zugleich, auch auf Studenten, die sich durch Sprünge aus dem Fenster zu retten versuchen. Nach etwa eineinhalb Minuten verläßt er den Raum. Überlebende Studenten verbarrikadieren die Tür. Mit vier Schüssen versucht Cho vergeblich, nochmals in den Unterrichtsraum einzudringen. Seine tödliche Runde im zweiten Stock endet in Raum 204, wo er zuerst den 76 Jahre alten Mathematikprofessor Liviu Librescu erschießt, der versucht, die Tür zuzuhalten.
Der letzte Schuss ist für Cho selbst
Um 9.45 geht der erste Notruf aus der Norris Hall bei der Universitätspolizei ein. Minuten später stürmen Beamte das Gebäude. Um 9.50 Uhr verschickt die Universität eine zweite E-Mail, in der vor einem Schützen auf dem Campus gewarnt wird. Um 10.15 Uhr wird die dritte E-Mail versandt . Sie enthält die Aufforderung, Türen zu verschließen und sich von den Fenstern fern zu halten. Zu diesem Zeitpunkt haben die Schüsse in der Norris Hall aufgehört. Den letzten Schuss hat Cho auf sich selbst abgefeuert.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS