Geständnis im Holzklotz-Fall

Tatmotiv: „Allgemeiner Frust“

Der Tatort: Gedenkstätte an der Autobahnbrücke

Der Tatort: Gedenkstätte an der Autobahnbrücke

22. Mai 2008 Die tödliche Holzklotz-Attacke hat vor gut zwei Monaten bundesweit Entsetzen ausgelöst. Am Ostersonntag war die 33 Jahre alte Olga K. vor den Augen ihres Mannes und ihrer beiden Kinder auf dem Beifahrersitz von einem rund sechs Kilogramm schweren Pappel-Stück erschlagen worden. Rund acht Wochen und knapp 700 Hinweise später hat die Polizei jetzt den Täter gefasst. Der 30 Jahre alte Nikolai H. aus der Gemeinde Rastede hat die Tat gestanden.

„Wir sind sehr froh, erleichtert“, sagte der Leitende Polizeidirektor der Oldenburger Polizei, Johann Kühme, am Mittwochabend auf einer Pressekonferenz. Gut neun Stunden nach der Verhaftung des Verdächtigen stellten die Ermittler ihre bisherigen Ergebnisse vor. Der mutmaßliche Täter kam mit seiner Familie vor 16 Jahren als Aussiedler aus Kasachstan nach Deutschland und lebt seit zehn Jahren in Rastede. „Er ist hart drogenabhängig und der Polizei bekannt, auch wegen Eigentumsdelikten“, sagte der Leiter der Sonderkommission „Brücke“, Reiner Gerke. Der Verdächtige habe keinen Schulabschluss, sei als Arbeiter in diversen Betrieben beschäftigt, lebe allein. Auch die Tat habe er allein begangen, sagte Gerke weiter. „Allgemeiner Frust“ habe er als Motiv der Tat angegeben.

„Ein Knall, den ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme“

Die Tat geschah am 23. März gegen 20 Uhr auf der A29 zwischen dem Autobahnkreuz Nord und der Abfahrt Ohmstede. Die im westfälischen Telgte lebende Familie war aus Wilhelmshaven kommend auf dem Heimweg. Im Auto waren Mutter Olga, Vater Alexander, der neun Jahre alte Sohn und die siebenjährige Tochter. Plötzlich „ein Knall, den ich einfach nicht mehr aus meinem Kopf bekomme“, wie Ehemann Alexander O. vor rund vier Wochen in einem Interview sagte.

Ein rund sechs Kilogramm schwerer Klotz aus Pappelholz hatte die Windschutzscheibe des Pkw durchschlagen und seine Frau getroffen. Jemand hatte ihn von einer Autobahnbrücke geworfen. Erst nach dem Anhalten habe K. gesehen, dass seine Frau getroffen war, machte noch im Auto eine Mund-zu-Mund-Beatmung und eine Herzmassage. „Doch da war alles so weich, ganz eingedrückt“, berichtete er.

Die Polizei richtete am nächsten Tag die Sonderkommission „Brücke“ ein und begann ihre Ermittlungen wegen Mordes. Schnell meldeten sich Autofahrer, die kurz vor dem Verbrechen eine Personengruppe auf der Brücke gesehen haben wollten. „Diesen Zeugenaussagen mussten wir natürlich nachkommen“, sagte Johann Kühme von der Polizeiinspektion Oldenburg am Mittwoch. So suchte die Polizei verstärkt nach der besagten Gruppe von vier bis fünf Jugendlichen und jungen Erwachsenen - mit einer Phantomzeichnung, Fahndungsplakaten und auch in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“.

Wendung nach Berichten über Massengentest

Eine Wendung brachte den Ermittlern zufolge die Berichterstattung der Medien über einen möglichen Massengentest, die am 3. April einsetzte. Schon am 5. April habe sich der heute Festgenommene von sich aus bei der Polizei gemeldet und zugegeben, an dem Tattag auf der Brücke gewesen zu sein. Er sei mit dem Fahrrad auf dem Weg zu einem Dealer gewesen, habe den Holzklotz auf dem Radweg liegen sehen und ihn an die Seite gestellt. Deshalb seien seine Fingerabdrücke darauf. Damals gab Nikolai H. auch ein Fernseh-Interview, bei dem er vor dem Holzstapel auf seinem Grundstück stand und immer nervöser wirkte.

Die Polizei wurde daraufhin misstrauisch. Dass ein stark und lange Drogenabhängiger auf dem Weg zu seinem Dealer einen herumliegenden Klotz zur Seite räumen sollte, erschien den Ermittlern verdächtig. Die Angaben des 30-Jährigen ließen „von Anfang an den Verdacht aufkommen, dass er mit der Tat zu tun haben könnte“, sagte Gerke. Die Sonderkommission ermittelte daher weiter und untersuchte auch das Grundstück des Mannes. Dort fand sie unter anderem Pappelholzstücke, ganz ähnlich dem tödlichen Wurfgeschoss. Auch wurden Bodenproben genommen. Diese ergaben, dass die Sandanhaftungen an dem tödlichen Holzklotz sehr wahrscheinlich vom Grundstück stammen.

Am Mittwoch wurde der 30-Jährige aufgrund der zahlreichen Indizien verhaftet. Er legte ein Geständnis ab. Nun steht fest, dass der gebürtige Kasache das Leben von Landsleuten zerstörte: Olga K. und ihr Mann sind ebenfalls Spätaussiedler aus Kasachstan. Doch nicht nur deswegen trifft die Äußerung des Witwers im Interview zu: „Es ist doch unmenschlich, so etwas zu tun.“

Text: FAZ.NET mit AP
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, reuters

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