Von Martin Wittmann
08. Mai 2008 Ich habe versucht, so gut wie möglich für meine Familie im Keller zu sorgen. Wenn ich in den Keller ging, brachte ich meiner Tochter Blumen und den Kindern Bücher und Stofftiere mit, ich sah mit ihnen per Videorecorder Abenteuerfilme an, während Elisabeth unsere Lieblingsspeisen kochte. Und dann haben wir uns alle an den Küchentisch gesetzt und miteinander gegessen.
Josef F. meldet sich zu Wort. Über seinen Anwalt Rudolf Mayer allerdings, und genauso lesen sich die meisten Aussagen des 73 Jahre alten Amstetteners: F., der seine Tochter Elisabeth 24 Jahre im Keller seines Hauses eingesperrt, sie dort vergewaltigt und mit ihr sieben Kinder gezeugt haben soll, stellt sich der von der einseitigen Berichterstattung aufgewiegelten Öffentlichkeit als treu sorgendes Familienoberhaupt vor.
Josef F. hält sich für nicht zurechnungsfähig
Er belässt es nicht bei der Euphemisierung der Verbrechen. Er gesteht jene Taten, die abzustreiten ob des Kenntnisstands der Polizei kaum Sinn hätte, begründet sie mit Vaterliebe, erklärt sie mit seiner schwierigen Kindheit und hält sich selbst für nicht zurechnungsfähig. Kurz: Die Verteidigungsstrategie von Rudolf Mayer scheint gefunden.
Das am Donnerstag erschienene österreichische Magazin News, das mit seiner Berichterstattung über den Fall zuvor auf Kritik stieß, weil in der vorangegangenen Ausgabe die Porträts zweier von F. und seiner Tochter gezeugten Kinder auf dem Titel zu sehen waren, druckt von Mayer und F. autorisierte Auszüge aus deren Gesprächsprotokollen.
Keine inzestuöse Beziehung zur Mutter
Er sei in bescheidenen Verhältnissen in einer kleinen Wohnung in Amstetten aufgewachsen, wird F. darin zitiert. Sein Vater, ein Hallodri, habe die Mama ständig betrogen, bevor sie ihn zu Recht aus dem Haus geworfen habe. Er sei damals vier Jahre alt gewesen, danach zählten bloß noch wir zwei. Verwandte von F. sprachen in Zeitungsinterviews von Drill und Schlägen.
F. selbst sagt dazu: Sie war so hart, wie es notwendig war. Sie war die beste Frau der Welt. Und ich war ihr Mann, irgendwie. Mayer versucht in dem Gespräch mit seinem Mandanten allerdings vergeblich, eine inzestuöse Beziehung herbeizuerfragen. Ob er sexuell von ihr missbraucht worden sei? Nein, sie sei hochanständig gewesen, sagt F.
Viele Kinder waren sein innigster Wunsch
Er habe sie über alle Grenzen geliebt. Welche Grenzen seien denn überschritten worden? Keine. Phantasien gesteht er dann doch ein, aber er habe es geschafft, seine Sehnsüchte zu verdrängen. Den in seiner Jugend mit seiner Mutter nicht ausgelebten Inzest hat er später mit seiner Tochter in die Tat umgesetzt, lässt das Magazin den obligatorischen Psychiater F.s Aussagen anschließend kommentieren.
Als junger Mann habe er seine heutige Frau Rosemarie kennen gelernt, die er immer noch liebe, sagt F. Seit er zurückdenken könne, sei es sein innigster Wunsch gewesen, viele Kinder zu haben, die nicht, wie ich, als Einzelkinder aufwachsen. 1967, das Ehepaar hatte bereits vier Kinder, stieg er nachts in eine Wohnung in Linz ein und vergewaltigte eine junge Frau.
Der Fall Amstetten - eine Folge autoritärer Erziehung?
Ich weiß nicht, was damals in mich gefahren ist, sagt F. Nach den acht Monaten Haft kehrte er zu seiner Frau zurück. Drei weitere Kinder folgten. Die Großfamilie sei vom Vater äußerst streng geführt worden. Ich bin in der Nazi-Zeit aufgewachsen, da bedeuteten Drill und Strenge viel. Ich hab davon wahrscheinlich einiges übernommen. Unbewusst, das ist doch normal.
Es ist nicht das erste Mal, dass der Fall Amstetten mit Nazi-Motiven in Verbindung gebracht wird. So sagte bereits Natascha Kampusch, die ebenfalls jahrelang in einem Kellerverlies eingeschlossen war, dass der Amstettener Fall wohl auch eine Folge des Kriegs und der autoritären Erziehung im Land sei. Ausländische Journalisten wiederum schlossen von der mutmaßlichen Drohung F.s, Gas in das Verlies zu leiten, auf die Nazi-Gesinnung des Tatverdächtigen. Der Chefermittler im Fall, Oberst Franz Polzer, wies diese Vermutung jedoch zurück.
Niemand wagte in sein Reich vorzudringen
F. gesteht in dem Gespräch mit seinem Verteidiger, er habe 1981, 1982 begonnen, einen Raum im Keller als Zelle umzugestalten (die Polizei vermutet, dass das Verlies noch früher, 1978, entstand). Er habe alles schalldicht zugepflastert in dem Bunker, eine Waschgelegenheit, eine Toilette darin installiert, ein Bett, eine Kochplatte und einen Kühlschrank hineingestellt, Strom und Beleuchtung sind ja ohnehin bereits vorhanden gewesen. Seiner Familie habe F. erzählt, unten sei sein Büro. Niemand von ihnen hätte es gewagt, in mein Reich vorzudringen.
Elisabeth habe er 1984 dorthin gelockt und schließlich eingesperrt, nachdem er vergeblich versucht habe, sie aus dem Sumpf herauszuholen. Sie habe sich zuvor an keine Regeln mehr gehalten, geraucht und Alkohol getrunken. So habe er einen Ort schaffen müssen, um Elisabeth zwangsweise von der Außenwelt fernhalten zu können. Vergriffen habe er sich erst an ihr, als sie lange schon unten war.
Josef F. bestreitet Vergewaltigung der elfjährigen Tochter
F. wehrt sich damit gegen den Vorwurf, er habe seine Tochter das erste Mal vergewaltigt, als sie elf Jahre alt war. Er sei kein Mann, der sich an kleinen Kindern vergehe. Auch dass er Elisabeth, die eine hervorragende Hausfrau und Mutter gewesen ist, die ersten Wochen ihres Martyriums angeleint habe, bestreitet er.
Drei der Kinder, die er mit seiner Tochter im Keller zeugte und die sie dort zur Welt brachte, nahm F. zu sich nach oben. Die Behörden, denen in diesem Zusammenhang von der österreichischen Justizministerin Maria Berger am Mittwoch Leichtgläubigkeit vorgeworfen wurde, hegten keinen Zweifel an seiner Geschichte, die Tochter sei bei einer Sekte und lege ihre Kinder vor seiner Haustüre ab.
Kinder wußten angeblich nichts von Außenwelt
Zum Beweis, dass es diesen Kindern gut gehe, habe er regelmäßig Bilder von ihnen ins Verlies mitgenommen und Elisabeth gezeigt, sagt F. Obwohl ihnen gesagt worden sei, dass er ihr Großvater sei, hätten sie ihn Papa genannt, während die Kinder im Keller Opa zu ihm gesagt hätten.
Geburtstage seien unten mit Torten und Geschenken gefeiert worden, an Weihnachten habe er heimlich Christbäume in den Keller geschleppt. Die Kinder, die im Verlies aufgewachsen seien, hätten nicht gewusst, dass es eine Welt draußen gebe. Was sie im Fernseher sahen, stamme von einem anderen Planeten, habe ihnen ihre Mutter beigebracht.
Anwalt: Er will büßen
Elisabeth sei bis zuletzt stark geblieben, obwohl ihr ein Zahn nach dem anderen verfault sei und sie nächtelang vor Schmerzen nicht habe schlafen können. Aber die drei Kinder hätten immer öfter unter Infekten, Kreislaufbeschwerden und epileptischen Anfällen gelitten. Die rezeptfreien Medikamente, die Josef F. in den Keller brachte, halfen nicht.
Das Aspirin habe die gesundheitlichen Probleme gar verstärkt, da die Kinder wie ihre Mutter an einer Acetylsalicylsäure-Allergie litten. Er habe einsehen müssen, dass er es nicht mehr schaffen würde, seine Zweitfamilie im Bunker zu versorgen. So habe er den irrwitzigen Plan gefasst, seine Familie von unten nach oben zu holen. Elisabeth und die Kinder sollten nach ihrer Freilassung erzählen, sie wären bis zuletzt an einem geheimen Ort, bei einer Sekte, gewesen. Als eines der Inzestkinder im Keller ins Koma gefallen sei, brachte er sie ins Krankenhaus.
Josef F. sitzt im Gefängnis in St. Pölten. An diesem Freitag wird die Haftrichterin über eine Verlängerung der Untersuchungshaft entscheiden. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Gerhard Sedlacek, sagte, er rechne nicht vor Herbst mit einer Hauptverhandlung. Mayer will dann auf Unzurechnungsfähigkeit seines Mandanten plädieren. F. selbst habe während der 24 Jahre gewusst, dass er nicht richtig handele, dass er verrückt sein müsse. Nun wolle er nur noch eines: Büßen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS
