29. Januar 2007 Es hatte als Traumreise begonnen und endete in einem Albtraum: Am Morgen des 15. Tages auf See war Sabine L. wie immer früh aufgestanden, um im Pool schwimmen zu gehen. Ihr Mann war in der Kabine geblieben und wartete auf ihre Rückkehr; danach wollte man zusammen frühstücken. Aber Sabine L. kam nicht zurück - seit dem 31. Dezember 2006 fehlt von ihr jede Spur (siehe: Deutsche wird auf Queen Elizabeth 2 vermisst). Die Ereignisse an Bord des legendären Kreuzfahrtschiffs Queen Elizabeth 2 haben die Familie der 62 Jahre alten Sabine L. in das wohl tiefste nur denkbare Dilemma gestürzt: der Verlust einer nahen Verwandten - ohne jegliche Gewissheit, was mit ihr geschah. Ist die aus Hamburg stammende Frau irgendwo weit vor der portugiesischen Küste über die Reling ins Meer gestürzt? Ist sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Keiner weiß es. Mehrere Male wurde das gesamte Schiff nach ihr durchsucht, Seenotretter wurden in das fragliche Gebiet entsandt. Bisheriges Ergebnis: null.
Die Cunard-Reederei, zu deren Flotte die Queen Elizabeth 2 gehört, will sich zu dem Fall nicht äußern - zumindest nicht, solange die Ermittlungen wegen des Verbleibs von Sabine L. noch laufen. Man verweist auf die Polizei in Southampton, der letzten Anlaufstation während dieser Kreuzfahrt von England über Lissabon und die Kanarischen Inseln bis nach Dakar und zurück. Allenfalls zu der Bemerkung, dass das alles sehr mysteriös sei, lässt sich ein Cunard-Sprecher hinreißen. Und schließt die Frage an: Aber was sollen wir noch machen? Sabine L.s Familie hat derweil eine Internetseite ins Netz gestellt (www.qe2missing.de), von der sie sich Hinweise auf die Verschollene erhofft. Doch viel mehr als ein paar mitfühlende Worte und wohlmeinende Ratschläge unbeteiligter Kreuzfahrt-Touristen sind auf der Homepage bisher nicht hinterlegt worden. Wir sind vollkommen ratlos, sagte Moritz L., der Sohn von Sabine L., vor gut drei Wochen dem Hamburger Abendblatt. Seither hält sich die Familie der Vermissten mit Stellungnahmen gegenüber den Medien zurück - offenbar aus der nicht unbegründeten Furcht vor einer Sensationsberichterstattung.
Spurlos verschwunden
So dramatisch die Geschichte sein mag - um einen Einzelfall handelt es sich keineswegs. Vielmehr sind in den vergangenen Jahren immer mal wieder Passagiere während einer Kreuzfahrt spurlos verschwunden, und längst nicht jedes Schicksal hat die Öffentlichkeit so sehr bewegt wie etwa das von George Allen Smith, einem 26 Jahre alten Amerikaner, der im Juli 2005 mit seiner Frau Jennifer die Hochzeitsreise auf der Brillance of the Seas in der Ägäis verbrachte. Nach einem äußerst alkoholseligen Abend, den das Paar im bordeigenen Casino und später noch in der Diskothek verbracht hatte, machte sich zunächst Jennifer Smith auf den Weg zurück in die Kabine. Allerdings war sie so betrunken, dass sie sich verlief und irgendwann in einem der Korridore unter Deck einschlief. Dort jedenfalls wurde sie in den frühen Morgenstunden von einem Wachmann gefunden und behauptete später, sich an nichts erinnern zu können. Einige Zeit nach ihr wollte auch Jennifers Mann endlich ins Bett, jedoch war George Smith ebenfalls derart alkoholisiert, dass er von vier jungen Trinkkumpanen, die das Paar während der Reise kennengelernt hatte, gestützt werden musste. (Drei dieser Männer, allesamt russischstämmige Amerikaner, wurden wenige Tage später des Schiffs verwiesen, weil sie eine junge Frau vergewaltigt haben sollen.)
Als Crew-Mitglieder Jennifer Smith kurz vor fünf Uhr morgens in ihre Kabine zurückkomplimentierten, war das Bett dort leer. Unruhig wurde die Frischvermählte aber erst, nachdem ihr Mann am Vormittag immer noch nicht wiederaufgetaucht war. Ungefähr um die gleiche Zeit entdeckte ein Passagier Blutspuren auf einem Vordach unterhalb der Kabine des jungen Paars. Das Blut wurde noch am gleichen Tag mit einem Wasserschlauch abgespritzt, es stammte offenbar von George Smith. Sein Leichnam jedoch wurde nie gefunden, der Fall nie aufgeklärt. Trotzdem hat Royal Caribbean, die Reederei der Brillance of the Seas, der Witwe unlängst eine Entschädigung in Höhe von annähernd einer Million Dollar gezahlt.
Kein romantisches Traumschiff-Bild
Der Imageschaden für das Unternehmen dürfte indes weit höher liegen. Denn Passagiere, die unter mysteriösen Umständen über Bord gehen oder von anderen Gästen sexuell belästigt, wenn nicht gar vergewaltigt werden, passen so gar nicht ins romantische Traumschiff-Bild, das die boomende Kreuzfahrtindustrie von sich selbst gerne in Umlauf bringt. Erst recht stehen solche Zwischenfälle aber in einigem Widerspruch zu der in dieser Branche beliebten Behauptung, Kreuzfahrten seien die sicherste Form von Urlaubsreisen überhaupt. Wer bei der deutschen Niederlassung von Royal Caribbean in Frankfurt anruft, um sich nach einer Statistik über spurlos verschwundene Kreuzfahrtpassagiere zu erkundigen, bekommt zur Antwort, dass entsprechende Zahlen nicht vorlägen - zumindest nicht für die Presse. Begründung: Ein Atomkraftwerk würde auch nicht mit jedem Störfall an die Öffentlichkeit gehen. Wegen weiterer Fragen möge man sich bitte für vorgefertigte Informationen an die PR-Agentur des Unternehmens wenden.
Eine zuverlässigere Quelle ist da womöglich Ross Klein, Professor an der Memorial University of Newfoundland in Kanada und Autor mehrerer Bücher über die Kreuzfahrtindustrie. Seiner Statistik zufolge sind allein im Jahr 2006 mindestens 17 Menschen über Bord von Kreuzfahrtschiffen gegangen oder aber spurlos verschwunden. Dass es sich nicht jedesmal um einen Kriminalfall gehandelt haben muss, liegt auf der Hand - schließlich kommen ja auch Unfälle oder Selbstmorde in Frage. Fällt ein Passagier jedoch unbemerkt ins offene Meer, und das auch noch mitten in der Nacht, gehen die Chancen einer Bergung praktisch gegen null. Das perfekte Verbrechen mag zwar ein Mythos sein, aber zumindest für einen Mord ohne Leiche gibt es kaum bessere Orte als ein Schiff auf hoher See.
Nur das Gepäck war da
Kendall Carver aus Phoenix in Arizona war früher selbst ein begeisterter Kreuzfahrttourist - und seine Tochter hatte diese Passion von ihm übernommen. August 2004: Die damals vierzig Jahre alte Merrian Carver geht in Seattle an Bord der Mercury, eines 2200 Passagiere fassenden Schiffs der Celebrity Cruises. Das Ziel ist Alaska, die geschiedene Frau reist allein. Als der Steward fünf Tage nacheinander das Bett in Merrian Carvers Kabine völlig unberührt vorfindet, erstattet er Meldung bei seinem Vorgesetzten. Dieser weist ihn an, seine Arbeit zu machen und sich nicht weiter darum zu kümmern. Aber auch als die Kreuzfahrt zu Ende geht, fehlt von der Passagierin jede Spur. Nur ihr Gepäck ist da; Mitglieder der Crew räumen es zusammen und schließen es weg. Weder wird ihre Familie über das Verschwinden der Frau informiert, noch geht eine Meldung an die Polizei. Bis heute weiß niemand, was Merrian Carver zugestoßen ist.
Ihr Vater Kendall Carver wollte sich damit aber nicht einfach abfinden. Er heuerte einen Privatdetektiv an und schaltete zwei Anwälte ein. 75 000 Dollar hat der ehemalige Geschäftsführer einer Versicherungsgesellschaft bisher in die Nachforschungen nach seiner Tochter investiert - ohne jedoch entscheidend weitergekommen zu sein. Immerhin habe ich herausgefunden, dass offenbar ein Mitglied der Besatzung näheren Kontakt zu Merrian aufgenommen hatte, berichtet Kendall Carver. Von der Kreuzfahrtgesellschaft habe ich allerdings bloß immer wieder gehört, dass man nicht dazu verpflichtet sei, ein mögliches Verbrechen aufzuklären. Der Siebzigjährige lässt sich von alledem jedoch nicht entmutigen, im Gegenteil. Er ist Mitbegründer der Interessengemeinschaft International Cruise Victims, die Dutzende Fälle verschwundener Kreuzfahrtpassagiere dokumentiert - ebenso wie sexuelle Übergriffe oder Vergewaltigungen an Bord. Und Kendall Carver macht Druck auf die Politik.
70 Prozent sind Amerikaner
Inzwischen haben nämlich auch amerikanische Kongress-Abgeordnete Wind davon bekommen, dass Kreuzfahrten mitnichten immer nur Friede, Freude und Erholung bedeuten. Und weil etwa 70 Prozent aller weltweit rund 13 Millionen Passagiere, die sich jedes Jahr auf eine Kreuzfahrt begeben, Bürger der Vereinigten Staaten sind, scheint das Problem besonders virulent. Speerspitze im Kampf gegen die Kriminalität auf hoher See ist Christopher Shays, ein aus Connecticut stammender republikanischer Abgeordneter im Repräsentantenhaus. Er will die Kreuzfahrtlinien dazu verpflichten, jede mögliche an Bord begangene Straftat innerhalb von vier Stunden der amerikanischen Heimatschutzbehörde zu melden und sämtliche Vorfälle im Internet zu veröffentlichen. Ein Vorschlag, der aus Sicht von Kendall Carver zwar in die richtige Richtung geht, aber längst nicht weit genug: Was man bräuchte, sind absolut wasserdichte Background-Checks für sämtliche Crew-Mitglieder sowie Wachpersonal nach dem Vorbild der Sky-Marshalls - also Sicherheitskräfte, die unabhängig von den Kreuzfahrtlinien arbeiten.
Dass die Sicherheit an Bord von den Reedereien bei weitem nicht ernst genug genommen werde, glaubt auch James Walker - zumindest nicht, was die Kriminalität angeht. Walker betreibt in Miami eine Anwaltskanzlei, die sich auf Kreuzfahrttouristen spezialisiert hat, über ausbleibende Kundschaft kann er nicht klagen. Ein typischer Fall, wie er ihn schildert: Ein Ehepaar mit zwei Kindern macht eine Kreuzfahrt. Den Kleinen wird beim Abendessen langweilig, sie gehen allein irgendwohin zum Spielen - und werden von einem Crew-Mitglied sexuell belästigt. Wenn derartige Vorfälle gemeldet würden, bemühten sich die Anbieter der Reise meist darum, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren: Da wird den Betroffenen dann Geld gezahlt und im Gegenzug Stillschweigen vereinbart. Wenn die Kreuzfahrtindustrie 178 Fälle sexueller Übergriffe auf ihren Schiffen zwischen den Jahren 2003 und 2005 offiziell eingestehe, sei das jedenfalls nicht mehr als die Spitze des Eisbergs.
Für besorgniserregend hält James Walker deshalb den teilweise exzessiven Alkoholkonsum an Bord. Denn die Zeiten, als Kreuzfahrten vor allem ein gediegener Zeitvertreib für wohlsituierte ältere Herrschaften waren, sind längst passé. Das Publikum wird immer jünger, die Spirituosen fließen in Strömen - und je tiefer die Nacht, desto niedriger die Hemmschwellen. Aber die Kreuzfahrtanbieter nehmen das gerne in Kauf, schließlich trägt der Alkoholkonsum ganz gewaltig zum Umsatz bei. Kein Wunder also, dass das bordeigene Sicherheitspersonal schnell überfordert sei, sagt Walker: Da sind vielleicht zehn Wachleute für 2000 Passagiere zuständig - aber 200 andere Crew-Mitglieder sind derweil damit beschäftigt, möglichst viele Drinks an den Mann zu bringen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.01.2007, Nr. 4 / Seite 53
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