Hildesheim

Schüler quälen Klassenkameraden

03. Februar 2004 Ein siebzehn Jahre alter Berufsschüler in Hildesheim ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft von vier Mitschülern über Monate hinweg mißhandelt worden. Den Ermittlungen zufolge verprügelten sie ihn und filmten ihr nacktes Opfer. Videoaufnahmen des mißhandelten Jugendlichen wurden bereits im Internet veröffentlicht. Das berichteten Ermittler am Dienstag. Kultusminister Bernd Busemann (CDU) zeigte sich "schockiert". Die vier mutmaßlichen Täter legten Geständnisse ab und kamen in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung ein.

Bei den verdächtigen Schülern der Werner-von-Siemens-Schule handelt es sich um einen 18 Jahre alten Rußlanddeutschen sowie drei siebzehn und sechzehn Jahre alte Schüler aus Deutschland, Kasachstan und der Türkei. Der Sprecher der Hildesheimer Staatsanwaltschaft, Bernd Seemann, sagte, ermittelt werde zur Zeit gegen insgesamt neun Berufsschüler. Die Polizei hatte am Montag die gesamte Klasse verhört.

"erbärmlich, feige und niederträchtig"

Das 18 Jahre alte Opfer mußte sich nach bisherigen Erkenntnissen nackt ausziehen und seinen mit Blutergüssen übersäten Körper zeigen. Dabei lief eine Videokamera. Die Vorfälle sollen sich in den Pausen in einem Lagerraum ereignet haben, sagte der Sprecher des Kultusministeriums, Georg Weßling. Die Klasse gilt als verschworene Gemeinschaft. Ein Schüler aus einer Parallelklasse brach schließlich das Schweigen. Das Opfer sei ein ruhiger, unauffälliger Schüler, sagte Schulleiter Hans-Hermann Sölter. Der junge Mann wird inzwischen psychologisch betreut.

Sölter bezeichnete die Vorfälle als "erbärmlich, feige und niederträchtig". Gleichzeitig wies er Vorwürfe zurück, Lehrer hätten von den Gewaltexzessen gewußt. Die Schüler sind Teilnehmer eines einjährigen Berufsvorbereitungsjahres. Die Jugendlichen, die meist keinen Schulabschluß haben, erhalten dabei Praxisunterricht. Nach Angaben des Schulleiters hat es an der Werner-von-Siemens-Berufsschule bislang keine Gewalttaten gegeben. Zur Prävention gebe es Konflikttraining, außerdem arbeite dort eine Schulsozialpädagogin.

"Zusammenballung von Problemkindern"

Der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht die Mißhandlung des Schülers als Resultat zunehmender Medienverwahrlosung unter Jugendlichen. Gerade das ständige Betrachten von brutalen Szenen in Actionfilmen und bei Computerspielen führe zu einer "extremen Desensibilisierung", sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen am Dienstag in Hannover. Studien belegten, daß männliche Jugendliche aus den Hauptschulen und den Berufsvorbereitungsjahren täglich rund vier Stunden derartige Medienangebote konsumierten. Dadurch sei eine "Betrachtermentalität" entstanden, Vorfälle wie die in Hildesheim mit ähnlichem Nervenkitzel zur Kenntnis zu nehmen wie ein Horrorvideo. Hinzu komme, daß es in dieser Klasse eine "Zusammenballung von Problemkindern" gebe.

In Berufsvorbereitungsklassen befänden sich typischerweise überproportional viele männliche Jugendliche, die massive Gewalt in der Familie erlebt hätten. Pfeiffer fügte hinzu: "In unserer Winner-Loser-Kultur erleben sie sich vielfach als die Verlierer." Bei den in solchen Klassen "zwischengeparkten" Jugendlichen ohne Hauptschulabschluß machten sich Aggressivität und Frust über ein verpfuschtes Schulleben breit. Hinzu komme, daß diese überwiegend zugewanderten männlichen Jugendlichen sich einer Machokultur verpflichtet fühlten, in der das Zeigen von Mitleid als "uncool" gelte.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2004, Nr. 29 / Seite 9

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