Inzest Fall von Amstetten

Ermittler finden weiteren Hohlraum

Von Martin Wittmann, Amstetten

07. Mai 2008 Wenn es zu den Qualitätsmerkmalen von Polizisten gehört, möglichst sachlich und objektiv über Tat und mutmaßlichen Täter zu reflektieren, dann muss Oberst Franz Polzer wohl zu den besten seiner Zunft gezählt werden. Der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich und Chefermittler im Inzestfall von Amstetten ist seit der Aufdeckung der Verbrechen von Josef F., der seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in seinem „unterirdischen Privatgefängnis“ (Polzer) festgehalten und dort mit ihr sieben Kinder gezeugt haben soll, das Sprachrohr der zuständigen Polizei. Wird ihm bei Pressekonferenzen oder Fernsehauftritten das Mikrofon gereicht, berichtet Polzer mit der stimmlichen Verve einer Navigationsgeräts verlässlich vom Stand der Untersuchung. Auffallend neben der monotonen Vortragsweise ist das Vokabular, mit dem Polzer den Tatverdächtigen beschreibt: „ein Unikat“, „unglaubliche Schlauheit“, „überdurchschnittliche Energie“, „Tat und Täter bemerkenswert“.

Die sprachlich an eine Hymne grenzende Beurteilung des 73 Jahre alten Tatverdächtigen mag zum einen als Selbstschutz dienen: Je genialer das Verbrechen durchgeführt ist, desto weniger hat sich die Polizei vorzuwerfen. Zum anderen vermittelt Polzers authentische Verblüfftheit, mit der er die Vorgehensweise des „ausgefuchsten“ Tatverdächtigen beschreibt, den ermittlerspezifischen Respekt des Jägers vor dem schwer zu Jagenden. Der Oberst, der seit 28 Jahren bei der niederösterreichischen Kriminalpolizei arbeitet, berichtete auf einer Pressekonferenz etwa von dem zweiten Zugang, den die Ermittler erst nach mehreren Tagen in dem Verlies entdeckt hätten – es klang nicht nach einem Vorwurf an die Kollegen. Und die Meldung eines skeptischen Reporters, er könne sich nicht vorstellen, dass Josef F. die schwierigen Bauarbeiten im Keller wirklich ganz alleine durchgeführt habe, erwiderte Polzer beipflichtend: „Ich habe dafür Verständnis, dass sie dafür kein Verständnis haben.“

Eine 25 Zentimeter dicke Tür

Im Gespräch mit dieser Zeitung lässt er sich am späten Mittwoch nachmittag dann doch noch auf genauere Beschreibungen des Tatorts ein. Die erst vor wenigen Tagen entdeckte 500 Kilogramm schwere Tür des zweiten Ausgangs, der von F. nicht mehr genutzt wurde, hatte demnach eine Dicke von 25, eine Höhe von 120 und eine Breite von 80 Zentimetern. Polzer sagt, F. habe die Tür unterirdisch in einer Metallverschalung selbst gegossen. An der Tür brachte er zwei Ringe als Scharniere an. Der Metallrahmen passte laut Polzer so genau in die Aussparung der Wand, dass sie auch von den Ermittlern zunächst kaum zu erkennen war. Auch die elektronisch gesicherte Tür des weiteren Zugangs war „mit irrsinnig viel Energie“ (Polzer) im Keller gegossen worden.

Zudem bestätigt Polzer, dass die unterirdischen Räume schon seit dem Kellerbau von 1978 bis 1983 fertig existieren. Laut Polzer hat der Verdächtige nur die schmalen Schleusen zwischen den kleinen Räumen in den folgenden Jahren mit eigener Hand durchgeschlagen. Die Ermittler rechnen damit, dass sich hinter dem Verlies noch weitere 40 Quadratmeter Kellerraum befinden. Durch eine endoskopische Untersuchung wurde festgestellt, dass in diesem Hohlraum offenbar Bauschutt liegt. In den nächsten Wochen soll nach Angaben von Polzer für nähere Untersuchungen ein Durchgang in diesen Hohlraum getrieben werden. Zudem ist inzwischen klar, wie das Abwasser ablief. Ein Rohr aus dem Verlies sei mit einem T-Stück an ein reguläres Abwasserrohr des Hauses angeschlossen worden, sagt Polzer. Josef F. hat das Verlies zweifellos geschickt geplant und gebaut. Oder wie Polzer in der Talkshow Kerner am Dienstag sagte: „Über seine Schaffenskraft würden sich viele andere freuen.“

Polzer hat fast der Schlag getroffen

So auskunftsfreudig Polzer ist, wenn es um den Tatverdächtigen geht, so bedeckt hält er sich, wenn ihm Fragen nach den Opfern gestellt werden. Zum Schutz der Familie von Josef F., der am Mittwoch in St. Pölten erstmals von der Staatsanwaltschaft zu seinem persönlichen Werdegang und familiären Umfeld befragt wurde, ließ Polzer etwa die Fotografen aus den Bäumen um das Amstettener Krankenhaus holen, die Bilder der Angehörigen des Tatverdächtigen machen wollten. Und als am Wochenende Details der Aussagen, die die heute 42 Jahre alte Elisabeth F. bei der Polizei gemacht hatte, in den Medien erschienen, sagte Polzer, ihn hätte ob der Indiskretion, „fast der Schlag getroffen“.

Von Polzers Prä-Amstetten-Zeit ist nicht viel bekannt. Wenigstens weiß man, dass er die Arbeit am Tatort „zu den anspruchsvollsten und interessantesten der kriminalistischen Arbeit“ zähle, wie es 2002 in einer Veröffentlichung des Innenministeriums hieß. Bis Freitag noch wird er mit seiner Ermittlergruppe Spuren am bedeutendsten Tatort seiner Karriere sichern, bevor von kommender Woche an Sachverständige das Verlies untersuchen werden. Akustikspezialisten sollen prüfen, ob Signale der Opfer nach außen hätten dringen können, Sonartechniker werden Frequenzmessungen durchführen, Installationsexperten und Lüftungstechniker sollen das Rätsel um die Luftzufuhr und Wasserversorgung lösen. Am Ende ist er dann mit dem Fall der Fälle noch immer nicht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Kronenzeitung, F.A.Z.

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