Von Philip Eppelsheim
26. Oktober 2009Er sagt, er habe 700 bis 800 Menschen zusammengeschlagen. Weil es ihm Spaß machte. Weil er respektiert werden wollte. Weil er sich in seiner Heimatstadt Bad Kreuznach einen Namen machen wollte. Auf der Straße, in seinem Milieu, wollte er einen Namen und machte sich einen mit Schlägereien. In der Zeitung will er keinen haben, jedenfalls nicht seinen. Sie können mich K.o.o.e. nennen. Mein Spitzname.“ 22 Jahre ist er alt, 120 Kilogramm schwer, Sohn türkischer Einwanderer. Die schwarzen Haare trägt er kurz geschoren. Irgendwann hatte ich den Kick, zuzuschlagen“, sagt er. Mit sieben, acht Jahren wusste ich noch nicht, dass ich es draufhabe, andere mit einem Schlag umzuhauen.“ Während seiner ersten Schlägerei zertrümmerte K.o.o.e.“ einem Jugendlichen mit einem Baseballschläger die Nase, einem anderen brach er das Jochbein und einem dritten schlug er mit solcher Wucht auf das Auge, dass eine Ader platzte. Der kann seitdem nicht mehr richtig gucken.“ Da war K.o.o.e“ dreizehn. Die darauffolgenden fünf Jahre verbrachte er mit Schlägereien, Tag für Tag, allein oder mit Kumpels. Es hat mir Spaß gemacht.“ Er ging in die Stadt und suchte Streit: Hey, was guckst du.“ Manchmal habe er Menschen provoziert, sonst sei es Schicksal“ gewesen. Gewalt war wie Essen.“ Und er trainierte dafür: zweimal in der Woche Boxen und Kickboxen.
Fünf oder sechs Jahre Knast hätten es wohl sein müssen, sagt K.o.o.e.“. 62 Anzeigen, drei wegen räuberischer Erpressung, der Rest wegen Körperverletzung.“ Aber er kam nicht in den Knast. Manchmal sagten seine Opfer nicht aus. Ein anderes Mal sagte sein Anwalt ihm: Du hast Glück, dass das Gefängnis voll ist.“ Und dann hieß es vom Richter: Das nächste Mal können Sie Ihre Klamotten gleich mitbringen.“ Aber K.o.o.e.“ kam nicht in den Knast. Er wurde zu Schmerzensgeld verdonnert, einen Teil hat er noch immer nicht abbezahlt. Schließlich musste er an einem Anti-Gewalt-Kurs teilnehmen. Erst, nachdem er Hunderte Menschen zusammengeschlagen hatte“, wie sein damaliger Anti-Aggressivitäts-Trainer Stefan Werner sagt.
Werner weiß, was sich dahinter verbirgt, wenn in der Öffentlichkeit von sinkenden Hemmschwellen“ gesprochen wird. Keiner der Jugendlichen, die die Gerichte zu ihm schicken, hat nur“ das getan, was in seiner Akte steht. In seinem letzten Kurs saß ein Jugendlicher, der einem anderen mit Anlauf immer wieder auf den Kopf gesprungen ist, weil dieser seine Mutter beleidigt hatte. Im Jahr davor hatte er einen Jugendlichen, der so lange mit einem Baseballschläger auf sein Opfer einschlug, bis das Gehirn offen lag. Sie springen in die Gesichter rein. Die Zunahme der Gewalt ist erschreckend.“
Die Jungs, die zu Werner kommen, haben meistens schon in der Grundschule angefangen, sich zu prügeln. Werner fragt sie, was sie über ihre Opfer denken: Die meisten haben es verdient“, dass es Opfer sind“, Na ja, dass das Leute sind, die mich unterschätzen.“ Welche Rechtfertigung sie haben: Rache, Beleidigungen“, wenn einer meine Mutter beleidigen tut“, hält sich für was Besseres“, Habe ich nicht“. Was ihre schlimmsten Taten sind: bluten aus der Nase und aus den Ohren, Brüche, Weichteilschaden“, Einen mit ’nem Butterfly-Messer erstochen“, Blut an meinem T-Shirt (von ihm)“.
Manche der Jungs hätten mehr als 1000 Menschen zusammengeschlagen, sagt Werner. Sechzig Prozent der Jugendlichen, mit denen er zu tun hat, haben ausländische Wurzeln. Ausländische Jungs, deren Väter hier keine Anerkennung bekommen. Die Väter sitzen dann zu Hause oder in Cafés und Kiosks, und die Jungs versuchen, sich ein Selbstwertgefühl aufzubauen.“ Fast alle Schläger kommen aus sozial schwachen Schichten. Zerbrochene Familien, Alkohol. Es sind die, die am wenigsten Perspektiven haben. Sie üben dann Gewalt aus, um Profil zu bekommen.“ In Milieus, in denen es um übersteigerte Männlichkeit und Ehre geht, steht die Gewalt ganz oben, um sich Ansehen zu verschaffen. Die Jugendlichen profilieren sich über die Gewalt. Sie machen andere klein“, sie bauen mit Schlägen ihren Frust ab. So können sich die Verlierer der Gesellschaft auf der Straße als Gewinner fühlen. Wenn du überall zu doof bist, zu doof für Mathe, zu doof für ein anständiges Mädchen, und wenn du zu Hause Stress hast, dann kannst du Gewalt als Erfolgsweg sehen.“ Es ist fast immer der gleiche Ablauf: bildungsferne Schicht, Alkohol, keine Arbeit, Frust. Und dann hauen sie zu. Dann haben die Jugendlichen etwas, auf das sie stolz sind und wofür sie von vielen ihrer Freunde Anerkennung bekommen.“
Die Zahl der Intensivtäter sei zwar gering, sagt Werner, doch wachse bei einem großen Prozentsatz die Bereitschaft, Gewalt auszuüben. Gewalt gehört dazu, wenn die Jugendlichen in Gruppen unterwegs sind. Sie wissen, dass es abends knallt“. Gewalt ist eine normale Alltagserfahrung: so lange mit der Faust ins Gesicht, bis man am Boden liegt, und dann noch ein paar Tritte hinterher. Und in ihrer Clique haben die Jugendlichen ihr Publikum. Sie suchen die – in ihren Augen – Gewinner der Gesellschaft. Dann gucken sie sie an, bis sie zurückgucken. Oder sie rempeln sie an. Dann schlagen sie zu.“ So fühlen sie sich als Könige auf den Straßen und beherrschen mittlerweile beinahe ihre Viertel, in die sich die Polizei nur noch mit einem Großaufgebot traut. In fast jeder Stadt gibt es solche Straßenzüge. Noch haben wir den öffentlichen Raum nicht verloren“, sagen Polizisten.
K.o.o.e.“ hat Polizisten nie ernst genommen, nimmt sie immer noch nicht ernst. Die Polizei war nur ein Zwischenstopp. Ich habe denen gesagt: Was willst du machen? Beweis es mir doch.“ Werner sagt, die Polizei sei zu schwach besetzt, ihre Präsenz sei eine Lachnummer“. Und wenn sie erwischt werden, sagen die Richter: Den wollen wir nicht gleich etikettieren. Da lachen die sich doch kaputt.“
Und zurück bleiben die Opfer. Ulrich Warncke vom Weißen Ring sagt, Fälle, in denen Menschen Opfer von Gewalt im öffentlichen Raum würden, kämen in der Beratungspraxis der Hilfsorganisation täglich vor. Warncke fordert mehr Videoüberwachung, schnelle und konsequente Sicherheitskräfte. Man muss sicherstellen, dass die Polizei schnell kommt und dass es bei Rohheitsdelikten auch tatsächlich zu Gerichtsverfahren kommt.“ Warncke betreut einen Jugendlichen, der von einem anderen krankenhausreif geschlagen wurde. Der Täter trat seinem Opfer mehrfach in das Gesicht. Er erhielt einen Strafbefehl: 200 Euro muss er an sein Opfer zahlen. Das Strafmaß entspricht in etwa dem eines Rotlichtverstoßes.“
K.o.o.e.“ hat seine Schlägerlaufbahn beendet. Seit anderthalb Jahren ist er straffrei. Er habe gemerkt, dass die Schlägereien ihm keinen wirklichen Respekt gebracht hätten, sagt er. Die Gewalttäter seien zwischen 13 und 24 Jahren alt, sagt Werner. Dann wachsen sie raus.“ Dann tragen sie die Gewalt entweder in die Familie, ertränken sich in Alkohol, oder sie finden einen Job. Diese Zeit muss man überbrücken. Entweder mit Gefängnis oder mit anderen Maßnahmen.“
K.o.o.e.“ sagt, er wolle sich nie wieder schlagen. Weil ich nicht weiß, ob es mir nicht wieder Spaß machen würde.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Robert Bochennek