25. Juli 2007 Die Lektüre von Polizeimeldungen ist häufig auf makabre Art unterhaltsam, sieht man von den wirklich traurigen Nachrichten über Mord, verwahrloste Kinder oder Jugendliche im Alkoholkoma einmal ab. Die kurzen Prosastücke mit Titeln Betrunkener im Bademantel auf der Stadtautobahn oder Mit über drei Promille vom Rad gefallen haben so einen eigenen Reiz.
Von brennenden Autos liest man in Berlin zurzeit nicht mehr viel, die letzte Notiz aus dem Polizeibericht stammt vom 11. Juli: In der Nacht zuvor waren fünf Autos in den Stadtteilen Friedrichshain und Mitte angezündet worden. Auf der Karl-Marx-Allee wurden gegen zwei Uhr morgens ein Chrysler und ein BMW angesteckt, in der Rheinsberger Straße brannte knapp eine Stunde später ein Daimler. Etwa eine Viertelstunde danach brannte ein Jeep in der Granseer Straße vorne aus, und noch einmal zehn Minuten später brannte ein Jeep in der Gromannstraße. Der Staatsschutz ermittelt. In diesem Jahr wurden bislang schon 78 Autos angezündet, im Jahr zuvor waren es 36.
Protest gegen den G-8-Gipfel

Brandanschläge auf Autos: Während des G-8-Gipfels brach ein regelrechter Wettstreit unter den Linksradikalen aus
Teure Autos abzufackeln, wie es im Jargon heißt, gilt in manchen Kreisen als Protestform, und so brannten vor und während des Heiligendammer G-8-Gipfels Dutzende Wagen in Berlin. Eine linksextremistische Postille habe damals zu einer Volkssportaktion aufgerufen, sagt die Sprecherin der Innenverwaltung. Es sei dabei um einen Wettbewerb gegangen, welche Stadt die meisten brennenden Autos und zerschlagenen Scheiben produzieren könne.
Die publizistische Auswertung sei ihr nicht bekannt, doch dass Berlin einen der vorderen Plätze einnehme, sei klar. Ein Polizeisprecher sagt, inzwischen gebe es innerhalb der linksradikalen Szene Streit über den Sinn solcher Taten: Längst nicht jedes große Auto gehöre einem dicken Bonzen. Gegen 14 Verdächtige wird ermittelt. Aber: Nicht jedes angezündete Auto wurde von Linksradikalen angesteckt; es gibt in Berlin auch Versicherungsbetrüger.
Luftleere Autoreifen für den Klimaschutz
Die Berliner CDU forderte die Einrichtung einer Sonderkommission und wertete die Skepsis des Innensenators gegenüber solchen Aktionen als Hang zur Verharmlosung des Linksextremismus. Dabei war es ausgerechnet Rot-Rot unter Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gelungen, den rituellen Krawall am 1. Mai aus der Sphäre des politischen Protests in die der blanken Kriminalität zu bewegen. Seither staunt man, wie viele vorgeblich brave Männer nach Kreuzberg reisen, um dort Flaschen und Steine auf Polizeibeamte zu werfen.
Aus den Reifen teurer Autos die Luft zu lassen gilt manchen als Leistung für den Klimaschutz. In der Polizeimeldung Nr. 2129 vom 21. Juli heißt es: Erneut Luft aus Autoreifen gelassen. Es sei in der Nacht zuvor aus den Reifen von insgesamt zehn Wagen der gehobenen Klasse Luft abgelassen worden. An den Tatorten seien Flugblätter gefunden worden, in denen auf die Belastung des Klimas durch die Benutzung von Fahrzeugen mit hohem Kraftstoffverbrauch hingewiesen wird. Auch gegen die Luftablasser ermittelt der Staatsschutz - wegen Sachbeschädigung. In diesem Jahr gab es 78 Fälle, Verdächtige wurden noch nicht ausgemacht.
Diebstahl von Gullydeckeln und Absperrgittern
Gewinnbringend und insofern nachvollziehbar ist das Motiv für den normalen, einfachen Diebstahl, wie der Polizeisprecher sagt, von Gullydeckeln, genauer gesagt, von Absperrgittern für Regenwasserablaufrohre: Sechs Euro zahlen Schrotthändler für einen Deckel, und schon erinnert man sich daran, warum der Beruf in den Nachkriegs- und Aufbaujahren so übel beleumdet war. Offenbar fragen Schrotthändler nicht, wie legitim der Eigentumstitel der Verkäufer ist. Dreimal allein in diesem Monat meldete die Polizei Diebstähle von Gullydeckeln.
Am 21. Juli beobachtete ein Zeuge mittags in Spandau einen jungen Mann, der einen Gullydeckel auf einen Lastwagen hob und weiterfuhr. Der Zeuge alarmierte die Polizei, die feststellte, dass sechs Deckel in der Umgebung fehlten. Der Lastwagen wurde kurz danach vor, der Mann in einer Spielothek gefunden. Am 22. Juli wurden im Norden von Berlin, in Wittenau und Rosenthal, insgesamt zehn Gullydeckel gestohlen. Ein Autofahrer beschädigte seinen Wagen, weil er mit einem der Vorderreifen in die Öffnung gefahren war. Am 23. Juli holten Anwohner die Polizei, weil in der Heinrich-Mann-Straße in Pankow ein Gullydeckel fehlte.
Flusssäure und Pfefferspray in der U-Bahn
Zwischen den Stationen Voltastraße und Bernauer Straße verletzten am Montagabend zwei Personen vermutlich mit Pfefferspray sieben Fahrgäste, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Die Sprecherin der Verkehrsbetriebe sagt, das sei kein Dummejungenstreich. Ende Juni hatten Schüler im U-Bahnhof Alt-Tegel Reizgas versprüht. Acht Menschen mussten ärztlich behandelt werden.
In U-Bahnen findet sich auch gefährliche Flusssäure - eine wässrige Lösung von Fluorwasserstoff, die zunächst ohne sichtbare Schäden in die Haut eindringt und in den tieferen Schichten schwere Verätzungen bewirkt. Am Abend des 21. Juli ätzten Unbekannte mit Flusssäure Graffiti in Glasscheiben an den Bahnhöfen Warschauer Straße und Görlitzer Bahnhof.
Irritierende Taten auf diversen Kriminalitätsfeldern
An der Warschauer Straße wurde die Säure an einem Zug, einem Kiosk, einem Aufzug, einer Bushaltestelle und in einer Unterführung festgestellt, der Bahnhof wurde geschlossen. Am Montag verletzte sich ein Mann beim Reinigen eines U-Bahnwagens mit Flusssäure. Innerhalb der Graffitiszene seien diejenigen, die mit Flusssäure Glasscheiben ätzen, nicht gerade angesehen, sagt der Polizeisprecher. In diesem Jahr gab es 40 Fälle, im vergangenen Jahr 200.
Es sei, sagt der Polizeisprecher, zu früh, aus den irritierenden Taten auf den diversen Kriminalitätsfeldern ein Muster abzuleiten oder Vermutungen darüber anzustellen, ob sich in Berlin zwischen Politik, Protest und Delinquenz ein neues Spielfeld öffne.
Text: F.A.Z., 25.07.2007, Nr. 170 / Seite 7
Bildmaterial: ddp
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