Berliner Rollentausch

„Sie haben mich nicht mehr lieb“

Von Sandra Kegel

Eine Katastrophe für alle: Wenn Kinder für Eltern einspringen

Eine Katastrophe für alle: Wenn Kinder für Eltern einspringen

04. Mai 2007 Die bunte Tür ist vielleicht das auffälligste Zeichen für die Widersprüchlichkeit in diesem Drama. Verziert mit Abdrücken von Kinderhänden in Gelb, Rot, Grün und Rosa, macht sie alles andere als den Eindruck, als sei sie das Werk von hoffnungslosen Kindern. Hier wohnt eine glückliche Familie, denkt man unwillkürlich, soll es wohl auch denken. Und doch hat sich hinter ebendieser Tür, ohne dass es die Nachbarn oder das Jugendamt bemerkt hätten, eine Tragödie abgespielt, von der die Republik seit Tagen spricht.

Als Polizisten die Vierzimmerwohnung in der Finnländischen Straße in Berlin öffneten, bot sich ihnen folgendes Bild: In der Vierzimmerwohnung hingen, so berichten die Beamten, in allen Räumen Spinnweben von den Decken, so dass sie sich bücken mussten, um sich nicht darin zu verfangen. „Im Kühlschrank befanden sich eine undefinierbare, verfaulte Masse und sowohl lebende als auch tote Fliegen. Die Toilette war total verdreckt und mit Kot bedeckt. Der gesamte Fußboden war von Müll, Unrat, verschmutzter Wäsche und Lebensmittelresten bedeckt.“

Eine ruhige Seitenstraße in Prenzlauer Berg

Vier Geschwister haben in dieser Altbauwohnung fast ein Jahr lang allein gelebt - überlebt, muss man sagen. Die Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren, wurden von ihrer Mutter, einer arbeitslosen Erzieherin, allein gelassen, weil die zu ihrem neuen Freund gezogen war - der Vater ist schon lange weg. Was diese Situation den Kindern abverlangte, ist ungeheuerlich. Der älteste Sohn musste seinen Geschwistern, so gut es eben ging, Vater und Mutter sein. Das bedeutet normalerweise: für Essen und Trinken sorgen, selbst wenn kaum Geld da ist. Auf anständige Kleidung achten. Die Geschwister trösten, wenn sie traurig sind. Das sind Dinge, die jeden Zwölfjährigen auf die Dauer überfordern müssen. Erst als er nach Monaten kapitulierte und in der Schule einem Sozialarbeiter seine Situation gestand, fand das Grauen ein Ende.

Wer in den Tagen danach die ruhige Seitenstraße in Prenzlauer Berg passierte, traf vor dem Mietshaus auf Reporter, die aufgeregt jeden Nachbarn befragten, auf Fotografen, die sich im Treppenhaus drängelten, und auf Wichtigtuer, die Auskunft über die Familie gaben und doch nur Lappalien schilderten: Zufallsbegegnungen im Hausflur und gelegentlichen Lärm.

Alles also gar nicht so schlimm?

Nachdem nun die erste Aufregung verpufft ist, Behörden, Politiker und Amtsträger sich gegenseitig die Schuld für ihr Versagen in die Schuhe geschoben haben, will man, wie es scheint, dem Fall eine neue Wendung geben. „Die Mutter hat die Kinder nicht durchgängig allein gelassen“, bemüht sich die Pankower Jugendstadträtin Christine Keil von der Linkspartei/PDS die Situation zu entschärfen, nachdem sie mit der Mutter ein Gespräch geführt hat. Diese habe ihr versichert, dass sie täglich in die Wohnung der Kinder gekommen sei und sich um sie gekümmert habe - etwa mit Geld, das sie für Einkäufe dagelassen habe. Und weiter: Die Mutter sei grundsätzlich „kooperativ“ und wolle mit den Behörden zusammenarbeiten. Der Leiter des Sozialpädagogischen Dienstes, Axel Biere, erklärte derweil, es sei „keine Situation, wo wir jemandem Versagen vorwerfen können“. Aus Gesprächen mit der Schule habe sich unter anderem ergeben, dass die Mutter regelmäßig zu Elternabenden gekommen sei und die Kinder an Klassenfahrten teilgenommen hätten.

Alles also gar nicht so schlimm? Das glaubt die „Frankfurter Rundschau“: „Die Geschichte hat alle Elemente einer Story, wie sie sich Boulevardreporter gern zusammenreimen, ohne sich für die wahren Hintergründe zu interessieren.“ Und die Großmutter der Kinder behauptet gegenüber Journalisten, dass ihr Enkelsohn wohl den neuen Freund seiner Mutter nicht gemocht habe, „deshalb hat er gelogen“.

Der Drang, psychischen Schutz zu suchen

Diese Beschwichtigungsversuche sind so hilflos wie empörend: Haben Vertreter der Medien für die verwahrloste Wohnung gesorgt? Hat der Junge etwa erfunden, was die Mutter selbst bestätigt hat, dass sie „vielleicht einfach die Nase voll“ gehabt habe von dem Ganzen?

Das klingt ein bisschen wie aus dem Munde eines dreijährigen Kindes, das sein Zimmer nicht aufräumen will - oder, anders gesagt, nach dem trotzigen Willen, Verantwortung von sich zu weisen. Wo aber Eltern sich zurückziehen, da entsteht für die Kinder eine Zwangslage, sagt Andreas Wiefel von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Charité. „Ein Kind, das in Not ist, klammert sich an seine Bindungsperson - in der Regel sind das die Eltern -, und weil Eltern umgekehrt darauf konditioniert sind, diesen Schutz zu bieten, funktioniert das normalerweise auch.“ Wenn aber Eltern aus mangelnder Empathie dazu nicht in der Lage sind, klammert sich das Kind eben trotzdem an sie. „Der Drang, psychischen Schutz zu suchen, ist enorm stark“, sagt Wiefel. Und je mehr sie vernachlässigt werden, umso mehr suchen Kinder bei den Eltern nach Nähe.

Eine unkindliche Versiertheit

Ein Teufelskreis, aus dem man nur schwer wieder herausfindet. In diesem Zusammenhang kann Rollenumkehr eine Überlebensstrategie sein, freilich eine problematische: Eltern werden zu Kindern, und Kinder übernehmen die Elternrolle. „Unter psychodynamischen Gesichtspunkten“, sagt Wiefel, „ist das eine Katastrophe“, für die betroffenen Kinder sei dies „grundsätzlich schädlich. Da gibt es keine Ausnahme.“ Auch wenn manch einer die ganz enorme Selbständigkeit solcher Kinder als Beleg dafür herbeizieht, dass die ganze Sache doch noch viel schlimmer hätte aussehen können. Denn genau diese unkindliche Versiertheit beim Lösen von Aufgaben aus der Welt der Erwachsenen ist das Problem.

Wie in der Berliner Familie der älteste Sohn die Regie übernahm bei der großen Anforderung, nach außen hin den Schein zu wahren, das erinnert an ein in den Schulen immer noch vielgelesenes Jugendbuch der niederländischen Autorin An Rutgers. „Die Kinderkarawane“ schildert, wie sieben Waisen im Alter zwischen dreizehn Jahren und vier Monaten Mitte des neunzehnten Jahrhunderts allein über die Rocky Mountains ziehen und damit unter unsäglichen Strapazen die Reise vollenden, die sie mit ihren Eltern begonnen hatten. Rutgers, die von einer realen Geschichte ausgeht, die sich 1844 zutrug, schildert zwar die äußeren Geschehnisse dieses Siedlerzugs, erzählt also von Durst, Feuersbrünsten, Hunger und Kälte, sie interessiert sich aber mindestens genauso sehr für das, was zwischen den Geschwistern vorgeht: Wie organisieren sich Kinder angesichts einer Notsituation? Inwieweit sind die jüngeren bereit, sich den älteren unterzuordnen, wenn es denen notwendig erscheint? Und vor allem: Inwieweit können die, die sich auf einmal verantwortlich fühlen müssen, dabei noch Kind bleiben?

Wenn Kinder schweigen

Diese Fragen stellen sich im Wilden Westen des neunzehnten Jahrhunderts wie im Berlin des frühen einundzwanzigsten. Und es geht dabei nicht nur um die Rollenübernahme, sondern auch um die Verteidigung der Eltern nach außen, koste es, was es wolle. Deshalb ist Hilfe von außen so schwer zu leisten. Kinder sind ihren Eltern gegenüber äußerst loyal, auch wenn diese ihnen - wie auch immer - Leid zufügen. Die meisten Kinder kneifen beim Arzt fest die Lippen aufeinander, wenn der sie nach dem Grund ihrer Verletzungen fragt, sie erfinden Geschichten von Treppenstürzen oder Fahrradunfällen.

Der Preis, den sie dafür zahlen, sind körperliche Mangelerscheinungen und seelische Schäden. Und es betrifft mehr Fälle, als man denkt: Rund 100.000 Kinder sind in Deutschland von Verwahrlosung bedroht. Die Zahl der gemeldeten Kindesmisshandlungen ist - auch dank der höheren Aufmerksamkeit dafür - in den vergangenen zehn Jahren um fünfzig Prozent gestiegen, auf etwa dreitausend Kinder jährlich. Einige von ihnen, laut Unicef sind es in Deutschland zwei Kinder pro Woche, überleben diese Misshandlungen nicht, den Hunger, den Durst, die Schläge.

„Ich möchte wieder mit ihnen spielen“

Die Grenze von Verwahrlosung zu Misshandlung ist fließend. Kinder aber, die im Dreck und im Kot leben müssen, denen abends keine Lieder gesungen werden und die mit fünf Euro in der Woche ihr Essen kaufen müssen, sind zweifellos Opfer ihrer Eltern - ob die Mutter nun jeden Tag vorbeischaute oder nicht.

Lange Abwesenheit der Eltern wirkt unweigerlich nach. Als in Rutgers' Geschichte die Kinderkarawane an ihr Ziel gekommen ist, als sich die verdreckten und unterernährten Waisen in einer Missionsstation und damit endlich unter Erwachsenen wiederfinden, bricht der wochenlang so harte älteste Bruder John zusammen. Auf dem Weg über die Berge hat er sie angetrieben, geschlagen, angebrüllt, damit sie die ungeheure Strapaze überstehen konnten. Nun, sagt er dem Leiter der Missionsstation, wisse er nicht mehr weiter, er finde nicht mehr zu seinen Geschwistern zurück, „sie haben mich nicht mehr lieb“. So wünscht sich der Dreizehnjährige vor allem eins: „Ich möchte wieder mit ihnen spielen.“

Text: F.A.Z., 04.05.2007, Nr. 103 / Seite 37
Bildmaterial: ddp

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