Von Frank Pergande, Hamburg
18. Mai 2008 Der 23 Jahre alte Mann, der in der Nacht zu Freitag in Hamburg seine sechzehn Jahre alte Schwester mit zwanzig Messerstichen getötet hat, sitzt inzwischen mit Haftbefehl in Untersuchungshaft. Dem aus Afghanistan stammenden Mann, der einen deutschen Pass hat, wird Mord vorgeworfen. Er hat die Tat gestanden und nannte auch das Motiv: Die Schwester habe sich von der Familie und deren traditionellen Vorstellungen abgewandt. Sie habe eine westliche Lebensweise bevorzugt.
Schon macht das Wort vom Ehrenmord in Hamburg die Runde. Allerdings ermittelt die Polizei derzeit noch, ob die Familie von den Plänen des Bruders wusste und sie gar gebilligt hat. Die Eltern des Mädchens jedenfalls waren beim Anblick der Leiche zusammengebrochen. Der Bruder hatte seine Schwester per Telefon zu einem Parkplatz im Hamburger Stadtteil St. Georg bestellt und dort umgebracht. Auf die verzweifelten Schreie des Mädchens hin hatten Passanten die Polizei gerufen. Alle Versuche des Notarztes, das Mädchen zu retten, blieben ohne Erfolg.
Bruder galt als Intensivtäter
Der Bruder und ein Freund, der Zeuge der Tat geworden war, flohen. Der Freund jedoch stellte sich kurze Zeit später der Polizei, so dass bald auch der Bruder durch Zivilfahnder der Polizei in einer Wohnung festgenommen werden konnte. Er leistete keinen Widerstand. Der Polizei war der Mann durch verschiedene Schlägereien bekannt. Er galt als Intensivtäter und hätte, so berichtete die Hamburger Morgenpost, eigentlich sogar im Gefängnis sein sollen. Anfang des Monats war ihm mitgeteilt worden, dass er eine Strafe von anderthalb Jahren wegen schwerer Körperverletzung jetzt absitzen sollte.
Er hatte aber um Aufschub gebeten, der Antrag wurde abgelehnt - kurz vor der Tat. Im vergangenen Jahr hatte er auch schon einmal seine Schwester angegriffen und brutal zusammengeschlagen. Das Mädchen erstattete Anzeige. Auf eigenen Wunsch zog das Mädchen daraufhin in ein Jugendhaus in der Feuerbergstraße. Es hatte zuvor auch schon in anderen Einrichtungen gelebt, war von dort aber immer wieder geflohen.
Vor anderthalb Jahren erhielt es einen Preis der Toepfer-Stiftung für Toleranz und respektvolles Miteinander. Das Mädchen fühlte sich als Deutsche und war dies auch seit fünf Jahren. Der vollständige Bruch mit ihrer Familie, die seit zwölf Jahren in Deutschland lebt, gelang ihr jedoch offenbar nicht. Bei Ehrenmorden oder vergleichbaren Fällen sind in den vergangenen zwölf Jahren in Deutschland mehr als vierzig Frauen getötet worden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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