14. April 2003 Die prominenteste aller Globalisierungskritiker, Naomi Klein (No logo) deutet den Feldzug im Irak als Orgie der Liberalisierung. Es gehe den Amerikanern nicht um Wideraufbau, schreibt sie in einem Beitrag, den der britische Guardian heute bringt. Vielmehr betrachteten Paul Wolfowitz, der liberale Chefideologe der Regierung, und seine Gefolgsleute den Irak als leere Tafel, auf der sie ihre Traum-Wirtschaft gestalten können: vollständig privatisiert, in fremdem Eigentum, geöffnet fürs Geschäft.
Mehr als Öl
Die These, beim Irak-Krieg gehe es nur ums Öl, greife viel zu kurz. Viel mehr steht auf dem Spiel: Wasser, Straßen, Züge, Telefone, Häfen und Drogen. Der Freihandel und die Privatisierung öffentlicher Güter gerate am Widerstand der Zivilgesellschaft in anderen Ländern ins Stocken. Sind sogenannte Präventivkriege deshalb nur die Fortsetzung der Welthandelsorganisation mit anderen Mitteln? Ob die Privatisierung öffentlicher Ressourcen unilateral von den Vereinigten Staaten getragen werde oder multilateral unter Beteiligung europäischer Konzerne, das laufe auf dasselbe hinaus. Geplant sei nicht Wiederaufbau, sondern Raub: Massendiebstall getarnt als Mildtätigkeit, Privatisierung ohne Volksvertretung.
Wenn man diese Deutung des Irakkriegs weitertreibt, dann erscheinen auch die Plünderungen in einem anderen Licht, über die sich die deutschen Medien erhitzen. Denn Teile der Zivilgesellschaft übertreiben es offenbar damit, ihren aufgestauten Hass an Symbolen der Herrschaft Saddam Husseins auszulassen. Plünderer machen sich nicht nur über das geschmacklose Inventar von Saddam Husseins Palästen oder von Regierungsgebäuden her. Sondern auch Krankenhäuser und Museen werden gefleddert.
Natürlich sind die Amerikaner schuld
Auch dahinter müssen wir finstere Pläne amerikanischer Radikalliberalisierer vermuten. Den Amerikanern fehle es an Truppen, aber noch mehr an Willenskraft, gegen die Plünderer einzuschreiten, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Sie bewachten - offenbar sinnloserweise - eine Klinik für plastische Chirurgie und natürlich die Unterlagen des Ölministeriums. Schlimmer noch in der tageszeitung: Das Irakische Nationalmuseum wurde drei Tage lang geplündert. Museumsangestellte befürchteten, dass Plünderer aus purer Wut auch noch diejenigen Kunstwerke zerstören könnten, die sich nicht wegtragen ließen. Die Amerikaner jedoch kümmerten sich keinen Deut darum, so klage die Direktorin Midal Amin. Und dahinter stecke Absicht.
Das glauben auch viele andere Iraker, so die tageszeitung. Die Amerikaner seien nicht nur gekommen, um die Iraker militärisch zu unterwerfen, sondern auch, um ihre Kultur und Lebensweise zu überfremden. Auch ein Professor der ebenfalls geplünderten Universität von Mossul sieht in den Zerstörungen einen Angriff auf unsere Zivilisation.
Mit Naomi Klein könnte man die Plünderung des kulturellen Erbes elegant dem Freien Markt und seiner militärischen Durchsetzung in die Schuhe schieben. Denn irgendwann werden die geraubten Altertümer auf dem Schwarzmarkt landen.
Der ist aber keine Erfindung der Amerikaner. Und es bleibt auch künftig schwer vorstellbar, dass Exponate des Irakischen Nationalmuseums irgendwann beim Getty-Trust landen. Bevor man sich an solch ebenso absurden wie gehässigen Verschwörungstheorien verliert, sollte man sich den Unterschied zu professionellen staatlichen Kunsträubern vergegenwärtigen.
Ein Krimineller mit Geschmack
Wie der Tagesspiegel heute meldet, wühlt ein Denkmal für den legendären Eroberer Italiens gerade die Bewohner Venedigs auf. Bonaparte zerstörte 1797 die Adelsrepublik Venedig, um sie als Faustpfand im anschließenden Länderschacher mit Österreich benutzen zu können. Österreich ging übrigens als ökonomischer Gewinner aus jenem Blitzkrieg hervor, in dem Bonaparte seinen Ruhm begründete. Der künftige Diktator erledigte in ihm die militärische Kärrnerarbeit für Österreich, das die fruchtbare terra ferma erhielt. Frankreich erhielt neben ein paar Adriainseln die Lombardei, bediente sich jedoch immerhin an den Kunstschätzen Venedigs, die wir heute neben vieler anderer italienischer Beutekunst im Louvre bewundern. Die Venezianer sind deshalb zu Recht empört, dass der Plünderer mit einer Staue geehrt werden soll.
Der Unterschied zu den Plünderungen heute: es sind kriminelle Iraker, die das kulturelle Erbe ihres Landes zerstören. Dass sich Amerikaner daran beteiligten, war bislang nicht einmal in den europäischen Medien zu lesen. Dass sie es dulden mussten, mag alle möglichen Gründe haben. Nur eins ist schon heute fast sicher: Sollte sich herausstellen, dass sie amerikanischen Truppen einfach überfordert und letztlich unschuldig waren, dann wird man es der kulturellen Unbeschlagenheit von Präsident Bush anlasten, sich die Reichtümer nicht selbst angeeignet zu haben. Napoleon dagegen werden wir uns in abgeschmackten TV-Produktionen weiterhin als wenn auch nicht unbeflecktes Idol der Einigung Kontinentaleuropas und seiner kulturellen Überlegenheit vorführen lassen. Napoleon war ein Verbrecher? Ja, aber er hatte Geschmack.
Text: @chal
Der Preis des Ruhms ist die ![]()
Fundstücke des Fernsehens (8): Wolfgang Menge
Dieses Feld kennt keine Sieger: Alois Wünsche-Mitterecker bei Eichstätt
Ein Vivat der Musik Puccinis: das Opernfestival in Torre del Lago
Liebesherbst, Profikiller, Wahl-BerlinerDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() | ![]() |