Von Holger Christmann
06. August 2002 Pentagon und CIA entdecken das Hollywood-Kino für die Verbreitung ihrer Botschaften. So unverhohlen wie bei dem Polit-Thriller Der Anschlag, der diese Woche in Deutschland anläuft, hat die amerikanische Regierung noch nie bei einem Film mitgemischt.
Als der amerikanische Film-Pionier D.W. Griffith 1915 seinen bahnbrechenden Monumentalfilm Geburt einer Nation drehte, bekam er Kanonen und Soldaten von der Militärakademie West Point gestellt. Als Griffith neun Jahre später America drehte, stellte ihm die Armee mehr als 1.000 Kavalleristen und eine Militär-Kapelle zur Verfügung. Die Zusammenarbeit zwischen Militär und Filmemachern hat in Amerika Tradition. Doch nie geschah sie so ausdrücklich und unverblümt wie bei dem Film Der Anschlag, der diese Woche in die Kinos kommt. In Amerika spielte der Film mit Ben Affleck und Morgan Freeman 117 Millionen Dollar ein und führte wochenlang die Kino-Charts an.
Der Film basiert auf einem Roman von Tom Clancy, der schon die Buchvorlage für Jagd auf Roter Oktober geliefert hatte. Wie jenes Buch handelt auch Das Echo aller Furcht - so der Buchtitel und der amerikanische Filmtitel von Der Anschlag - von den Nachwehen des Kalten Krieges. Die Handlung: Ein Neonazi-Ring versucht, durch einen Anschlag mit einer Atombombe einen Dritten Weltkrieg zu provozieren. Motto: Man führt keinen Krieg gegen Russland und Amerika. Man bringt Amerika und Russland dazu, einander zu vernichten. CIA-Agent Jack Ryan (Ben Affleck) hat nur wenig Zeit, die wahren Hintergründe des Anschlags herauszufinden.
Machtvolles Medium
Der Action-Film ist praktisch eine Ko-Produktion von amerikanischem Verteidigungsministerium und Paramount Pictures. Ziel der Zusammenarbeit aus Sicht der Generäle: Für die Armee zu werben und dadurch wie ehedem durch das Flieger-Drama Top Gun Rekruten anzuwerben. Wir suchen die Gelegenheit, über ein machtvolles Medium direkt mit der amerikanischen Öffentlichkeit zu kommunizieren, sagte der Beauftragte des Pentagons für Unterhaltungsmedien, Philip M. Strub, der New York Times. Die Filmemacher um Regisseur Phil Alden Robinson versprechen sich von der Zusammenarbeit ein hohes Maß an Expertise und Wirklichkeitstreue.
Mit den Waffensystemen, die das Pentagon bei diesem Film Hollywood zur Verfügung stellte - darunter diverse F-16-Bomber, ein 97.000 Tonnen schwerer Flugzeugträger mit 80 Flugzeugen und 5.000 Mann Besatzung sowie eine echte fliegende Kommandozentrale in einer umgebauten Boeing 747 - wäre ein kleiner Krieg schon zu führen. Hinzu kam ein Heer an Beratern - von Air-Force-Piloten bis hin zu CIA-Direktor George W.Tenet, der dem Filmteam die Zentrale des Nachrichtendienstes in Langley vorführte. In Montreal rekonstruierte das Filmteam die Russland-Abteilung der CIA originalgetreu. Schauspieler Ben Affleck ließ sich von CIA-Mitarbeitern bis hin zu Tenet selbst beraten, um seine Rolle als Agent Jack Ryan möglichst überzeugend zu spielen.
Sehnsucht nach einem Helden-Epos
Filmproduzent Mace Neufeld gibt sich von dem Ergebnis hellauf begeistert: Der Realismus ist eine der Stärken des Films. Und auch Chase Branson, Hollywood-Verbindungsmann der CIA, zeigt sich in der New York Times stolz auf das Resultat: Wir waren nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch uns selbst einen Film schuldig, der uns ein gutes Gefühl von uns selbst vermittelt.
Die Öffentlichkeit selbst scheint da skeptischer. Kritiker fragen, was der amerikanische Steuerzahler für derlei militärisches Sponsoring von Film-Vorhaben anderes geboten bekomme als Propaganda. Das Pentagon sucht die Gemüter zu beruhigen: Für einige Dienstleistungen hätten die Filmproduzenten bezahlt; andere wie der Transport auf einem Flugzeugträger hätten keine Kosten aufgeworfen, weil der Flugzeugträger ohnehin unterwegs gewesen sei.
Möglich, dass das Publikum die Echtheit der Kulissen bemerken wird. Dass das Pentagon auch inhaltlich Einfluss nahm, kann der Zuschauer indes nur ahnen. So stand ursprünglich im Drehbuch, dass der Flugzeugträger von zwei Cruise Missiles getroffen wird. Diese Szene wollte das Pentagon nicht im Film haben: Der Anblick eines verwundbaren Flugzeugträgers behagte den Militärs nicht. Dass er heil bleibt, war man wohl auch dem amerikanischen Volk schuldig.
Text: @hc
Bildmaterial: Verleih
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