Von Lisa Zeitz
10. April 2003 "Im südlichen Irak gibt es keine natürlichen Erhebungen. Bei den meisten Hügeln handelt es sich um jahrtausendealte Siedlungen." Das mag den schutzsuchenden Soldaten vielleicht gleichgültig sein, doch es war einer der Punkte, die der Archäologe und Irak-Experte McGuire Gibson aus Chicago im Januar mit dem amerikanischen Verteidigungsministerium besprach. Bei dem nicht viel länger als eine Stunde dauernden Gespräch wurden dem Ministerium über hundert archäologische Grabungsstätten, Museen und Heiligtümer nahegelegt, die doch bei der Eroberung des Zweistromlandes bitte verschont werden sollten.
Dem Treffen wohnten auch Mitglieder des "World Monuments Fund" bei und - was sich derzeit in der globalen Gerüchteküche des Internets zu einem regelrechten Skandal ausweitet - Mitglieder des "American Council for Cultural Policy" (ACCP), einer privaten Vereinigung von reichen Sammlern und einflußreichen Anwälten mit Sitz in New York, deren Anliegen es ist, den Handel mit Antiquitäten weltweit zu erleichtern.
Gegründet wurde der Verein im vergangenen Jahr, nachdem der angesehene New Yorker Antiquitätenhändler Frederick Schultz nach einer erstaunlich strengen Gerichtsverhandlung zu einer Haftstrafe von fast drei Jahren verurteilt wurde, weil er einen ägyptischen Pharaonenkopf für 1,2 Millionen Dollar verkauft hatte, der Jahre zuvor als billiges Touristensouvenir getarnt außer Landes geschmuggelt worden war (F.A.Z. vom 10. August 2002). Mitglieder des ACCP und andere Prominenz haben sich für Schultz eingesetzt.
Einengende Bestimmungen lockern
Der ACCP-Gründer Ashton Hawkins berät als Jurist zum Beispiel die Neue Galerie, das feine neue Museum an der Fifth Avenue, das sich ganz auf deutsche und österreichische Kunst spezialisiert hat. Weitere berühmte Gründungsmitglieder sind Shelby White und ihr in dieser Woche verstorbener Mann Leon Levy. Das philanthropische Sammlerpaar hat mehr als 140 Millionen Dollar in Nonprofitprojekte gesteckt, damit Grabungen finanziert und der Universität Harvard Geld zur Publikation von Grabungsberichten bereitgestellt - ein Bereich, der Sponsoren meistens unattraktiv erscheint. Das Metropolitan Museum hat zwanzig Millionen Dollar erhalten und seinen neuen Flügel mit römischer und griechischer Kunst nach dem Paar benannt.
Die besorgniserregende Aussage, man wolle die einengenden (retentionist) Zollbestimmungen der Ära Saddam Hussein liberalisieren, stammt von William Pearlstein, dem Schatzmeister des ACCP. Er hat die Gemeinschaft der Archäologen erschauern lassen: "Die Vereinigten Staaten planen Plünderung irakischer Antiquitäten" betitelte diese Woche der "Sunday Herald" seine Meldung. Der ACCP begreift sich selbst als Vertretung von Sammlern, Museumsleuten und Händlern. Man argumentiert erwartungsgemäß, daß ein legaler und zivilisierter Handel mit antiker Kunst einer Prohibition vorzuziehen wäre, die den Schwarzmarkt blühen lasse. Denn gerade in der Illegalität gehe jegliche Dokumentation verloren, werde jede Spur absichtlich verwischt.
Zeit für Wachsamkeit
Gegen eine Änderung der irakischen Ausfuhrbestimmungen setzt sich vehement Professor Jane Waldbaum ein, Direktorin des American Institute for Archeology: "Die Gesetze wurden noch vor der Regierung Saddam Husseins implementiert. Sie entsprechen den allgemein üblichen Vereinbarungen. Es sind gute Gesetze." Patty Gerstenblith, Archäologin und Jura-Professorin an der DePaul University in Chicago, ist ebenfalls überzeugt: "Anstatt bestehende Gesetze zu schwächen, ist jetzt die Zeit für Wachsamkeit und besonders strenge Gesetzestreue" - im Irak und im Westen. Patty Gerstenblith hat noch keine Anzeichen bemerkt, daß die Regierung der Vereinigten Staaten beabsichtigt, die irakischen Gesetze in bezug auf die Antiquitäten zu schwächen. Endlich bestreitet Ashton Hawkins vom ACCP selbst die Aussage seines Schatzmeisters Pearlstein: "Wir sind absolut dagegen, die bestehenden irakischen Ausfuhrbestimmungen zu ändern."
Die Kluft zwischen Sammlern und Archäologen, heißt es in New York, sei so unüberbrückbar wie die zwischen Abtreibungsbefürwortern und -gegnern. In der Zeitschrift "Art Newspaper" wurde Hawkins mit der Aussage zitiert, manchmal sei die Verstreuung von Kulturgütern ein Garant für deren Erhaltung. Jane Waldbaum dagegen sagt kategorisch: "Sammeln heißt, Dinge aus ihrem Kontext herauszunehmen."
Kunstwerke außer Landes
Doch in einem Punkt sind sich die Parteien einig: Nicht die Bomben, sondern die Plünderungen richten den größten Schaden an. Schon nach dem ersten Golfkrieg wurden Tausende von Kunstwerken außer Landes geschmuggelt. Großen Statuen wurden die Beine abgesägt, damit sie besser in unauffällige Koffer paßten. Hunderte Menschen wurden, mit Bulldozern ausgerüstet, zu erbarmungslosen Grabräubern. Die Objekte tauchten noch bis Mitte der neunziger Jahre im internationalen Kunsthandel auf, natürlich ohne Dokumentation.
Wie im ersten Golfkrieg verbringen irakische Archäologen wieder Tag und Nacht neben Kunstwerken im Nationalmuseum von Bagdad, um sie zu schützen. Doch viele Stätten ermangeln jeglicher Dokumentation, so daß man nicht einmal feststellen kann, was derzeit alles entfernt wird. Werke aus allen Epochen sind in Gefahr - sumerische Schrifttafeln, Statuen, assyrische Steinreliefs, fünftausend Jahre alte Rollsiegel, Goldschmuck und Schätze des Islam. "Man wird sehen", sagt Jane Waldbaum, "was nächstes Jahr alles in den Auktionshäusern auftauchen wird, in der Schweiz, in London und New York."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2003, Nr. 86 / Seite 37
Bildmaterial: dpa
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