Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

Der Besserwisser

Von Roland Lindner

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

22. Januar 2007 Komplimente hören sich anders an: „Google ist nicht vollkommen furchtbar“, sagte Jimmy „Jimbo“ Wales vor ein paar Tagen in einem Interview im amerikanischen Fernsehen. Das war ganz schön frech, denn immerhin sprach er von dem Unternehmen, das die Internetsuche zu einer Goldgrube gemacht hat. Google ist ohne Zweifel die größte Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre im Web und hat heute einen Börsenwert von 150 Milliarden Dollar.

Aber Jimmy Wales hat sich schon immer in der Rolle des aufmüpfigen Angreifers gefallen. Als Gründer des Online-Lexikons Wikipedia hat er nicht nur eine der populärsten Internetseiten der Welt geschaffen, sondern gleichzeitig die alteingesessenen Enzyklopädie-Verlage wie Brockhaus aufgeschreckt und deren Geschäftsmodell in Frage gestellt. Jetzt knöpft er sich ein ganz anderes Kaliber vor und attackiert Online-Giganten wie Google und Yahoo.

Suchmaschine nach dem Mitmach-Prinzip

Wales will eine eigene Suchmaschine entwickeln, die wie Wikipedia nach einem Mitmach-Prinzip funktioniert. Das ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil er sich damit in das Revier von großen Namen traut. Es ist vielmehr auch eine Abkehr vom Wohltätigkeitsgedanken, der Wikipedia zugrunde liegt. Denn hinter dem Nachschlagewerk steht eine gemeinnützige Stiftung, die geplante Suchmaschine aber ist Teil eines gewinnorientierten Unternehmens. Noch in diesem Jahr soll die Suchseite an den Start gehen.

Es ist ein ambitioniertes Projekt, das Wales sich da vorgenommen hat. Aber ihm ist mit Wikipedia schon einmal ein großer Wurf gelungen, und das gegen alle Unkenrufe. Das Online-Lexikon ist seit seinem Start im Jahr 2001 für viele Menschen die erste Anlaufstelle geworden, wenn es darum geht, schnell etwas im Internet nachzuschlagen - von der Relativitätstheorie bis zu Paris Hilton finden sich hier alle nur denkbaren Stichwörter.

Ein ganzes Heer unbezahlter Autoren

Das Konzept klang zunächst einmal abenteuerlich: Die Seite ist kostenlos, und die Inhalte kommen von den Nutzern selbst. Wer immer sich berufen und kompetent fühlt, kann Beiträge entwerfen und ergänzen. Freilich ohne jegliche Entlohnung. Traditionelle Lexika wie der Brockhaus oder die Encyclopaedia Britannica dagegen werden von bezahlten Fachkräften erstellt. Und die Anschaffung dieser Lexika ist für den Verbraucher kein billiges Vergnügen.

Wikipedia hatte beim Start kaum mehr als hundert Einträge, wuchs aber in rasantem Tempo. Bald gab es ein ganzes Heer unbezahlter Autoren auf der ganzen Welt, die ihre Zeit damit verbrachten, die Seite zu bestücken - und die Zahl dieser „Wikipedianer“ steigt ständig weiter. Technikfreaks und Intellektuelle, aber auch Menschen wie du und ich greifen für das Nachschlagewerk in die Tasten. Was treibt sie an? Mit ihren Artikeln werden sie Teil einer Gemeinde und leisten einen Beitrag zu einem zweifellos ehrenwerten Ansinnen: der Menschheit kostenlos Wissen zur Verfügung zu stellen. Mitteilungs- und Geltungsbedürfnis spielen als Motivatoren sicher ebenso eine Rolle, manchmal auch einfach ein Übermaß an Zeit.

Jimmy Wales sagte einmal, seine Inspiration für Wikipedia war das Betriebssystem Linux. Auch hier gibt es eine weltweite Gemeinde, in dem Fall Programmierer, die an einer ständigen Verbesserung der Linux-Software arbeiten. Das ist möglich, weil der Quellcode von Linux frei verfügbar ist. Mit diesem Kollektivgedanken wurde Linux zu einem ernsthaften Wettbewerber von Programmen wie Windows von Microsoft. Entsprechend war die Vision von Wales für Wikipedia: Das gesammelte Wissen einer großen Gemeinde wird insgesamt ein qualitativ hochwertiges Produkt entstehen lassen.

„Weißwuascht“ und „Lebakaas“

Heute gibt es Wikipedia-Seiten in 250 Sprachen und Dialekten der Welt, darunter auch eher kuriose Versionen in Plattdeutsch und Bayrisch (letztere Seite läuft unter „Boarisch“, und hier finden sich Einträge wie „Weißwuascht“ und „Lebakaas“). Auf allen Seiten der Welt hat die Enzyklopädie insgesamt sechs Millionen Artikel. Am umfangreichsten ist die englische Seite mit 1,58 Millionen Einträgen, an zweiter Stelle folgt die deutsche Version mit 527.000 Stichwörtern. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts Alexa ist Wikipedia in Deutschland auf dem fünften Platz der meistgenutzten Internetseiten, hinter großen Adressen wie Google, Yahoo oder Ebay. Danach ist Wikipedia in Deutschland noch erfolgreicher als anderswo: In den Vereinigten Staaten steht es laut Alexa auf dem neunten Rang, weltweit auf Rang zwölf.

So populär die Seite ist, so umstritten ist sie auch. Denn es wird kontrovers diskutiert, inwiefern Wikipedia seinen Qualitätsanspruch einhalten kann. Denn der Pfiff von Wikipedia - die Offenheit für alle Nutzer - ist gleichzeitig auch der wunde Punkt. Sie macht das Lexikon anfällig für Fehler. Jeder darf mitschreiben, also kann auch jeder Unfug auf der Seite hinterlassen. Sei es aus bloßer Unkenntnis oder mit absichtlichem Vandalismus, wenn zum Beispiel Spaßvögel irgendwelchen Nonsens abfassen. Oft versuchen Nutzer, ihre eigene politische oder religiöse Gesinnung unterzubringen - was sich überhaupt nicht mit dem Ziel von Wikipedia verträgt, eine neutrale Informationsquelle zu sein. Das gilt ebenso, wenn Menschen Einträge über sich selbst oder ihren Arbeitgeber ändern und in ein besseres Licht rücken.

Anfälligkeit für Fehler minimieren

Wales hat im Wikipedia-System Korrektive eingebaut, um die Anfälligkeit für Fehler zu minimieren. So sind vorgenommene Veränderungen auf der Seite einsehbar und werden von der Wikipedia-Gemeinde zumeist auch aufmerksam beobachtet. Dann gibt es eine Gruppe von mehr als 1000 sogenannten Administratoren - das sind Nutzer mit Sonderstatus, deren Ziel es ist, Fehler aus der Seite herauszuhalten. Diese Elite-Wikipedianer haben zum Beispiel das Recht, Seiten zu sperren oder zu löschen.

Trotz solcher Vorkehrungen kommt es immer wieder zu Patzern. Eines der prominentesten Beispiele ist der Fall des amerikanischen Journalisten John Seigenthaler. In dessen Eintrag stand im Jahr 2005, er sei mit der Ermordung der Kennedy-Brüder John und Bobby in Verbindung gebracht worden. Das war ein frei erfundener Jux, hielt sich aber mehrere Monate auf der Seite, bis es jemandem auffiel. Seigenthaler beschimpfte Wikipedia nachher in amerikanischen Medien als „unverantwortlich“.

Wales war 2005 selbst im Mittelpunkt der Kontroverse

Auch Jimmy Wales stand Ende 2005 einmal im Mittelpunkt einer Kontroverse, als aufflog, dass er selbst Veränderungen an seiner eigenen Biographie auf der Wikipedia-Seite vorgenommen hatte. Ihm wurde vorgeworfen, er würde seinen Lebenslauf schönen, er selbst sagte, er habe lediglich Fehler ausmerzen wollen. Er gab aber zu, dass der Eingriff ganz und gar der Philosophie von Wikipedia widerspricht. „Niemand sollte das machen, ich selbst eingeschlossen“, sagte er reumütig in einem Interview.

Die Enzyklopädie gehört zur gemeinnützigen Wikimedia-Stiftung, die sich vor allem aus Spenden finanziert. Die geplante Suchmaschine wird nun Teil des Unternehmens Wikia, mit dem Wales im Gegensatz zu Wikipedia richtig Geld verdienen will. Wales will mit Wikia ein Stück vom boomenden Geschäft mit der Internetwerbung abhaben. Das Unternehmen hat heute schon ein gewinnorientiertes Projekt, und zwar eine Sammlung von Themenseiten für Interessengruppen. Zum Beispiel für Fans der Fernsehserie „24“ oder des neuen Multifunktionshandys „iPhone“ von Apple. Die Seiten können, ebenso wie Wikipedia, von den Nutzern selbst mitgestaltet werden, sie richten sich aber an wahre Enthusiasten, die sich auch noch für das kleinste Detail interessieren. Auf den Seiten stehen Textanzeigen, die zum jeweiligen Thema passen.

Hoffnung auf Werbeeinnahmen

Auch bei der Suchmaschine, für die es bisher noch keinen Namen gibt, hofft Wales auf Werbeeinnahmen. Sein Ansatz ist es - dem Kollektivgedanken von Wikipedia folgend -, die Nutzer über die Ergebnisse bei einer Internetsuche entscheiden zu lassen. Bei Wettbewerbern wie Google bestimmen mathematische Algorithmen die Reihenfolge. In einem Brief auf der Wikia-Internetseite spuckt Wales große Töne und nennt die Internetsuche in ihrer heutigen Form „ziemlich defekt“. Die Gründe: „Mangel an Freiheit. Mangel an Gemeinschaft. Mangel an Verantwortung. Mangel an Transparenz“. Schließlich verspricht er: „Hier werden wir das alles ändern.“

Nach seinen Vorstellungen sollen Nutzer die künftige Suchmaschine auf zwei Arten mitgestalten können: zum einen, indem sie Ergebnisse eines Suchvorgangs neu ordnen, wenn ihnen die vorherige Reihenfolge nicht sinnvoll erscheint. Zum anderen sollen Nutzer, entsprechende Kompetenz vorausgesetzt, auch am Suchprogramm selbst mitschreiben können, um es zu verbessern - ähnlich wie bei Linux soll die Software dazu frei zugänglich gemacht werden.

Starthilfe von prominenten Adressen

Wales weiß, dass er sich mit dem Suchprojekt ein weiteres ehrgeiziges Ziel gesteckt hat. Und obwohl die Suchmaschine noch in diesem Jahr in einer ersten Version an den Start gehen soll, wird es nach seinen Worten wohl drei Jahre dauern, bis sie sich wirklich mit den bisher marktführenden Suchmaschinen messen kann.

Auf jeden Fall aber hat Wales für seine Nach-Wikipedia-Projekte Starthilfe von einigen prominenten Adressen bekommen. Schon vor knapp einem Jahr erhielt Wikia eine Finanzspritze von vier Millionen Dollar von einer Gruppe von Investoren, darunter Ebay-Gründer Pierre Omidyar. Im Dezember fand sich ein weiterer bekannter Geldgeber: der Online-Händler Amazon.com. Dessen Investition wurde aber nicht beziffert.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.01.2007, Nr. 3 / Seite 46
Bildmaterial: AP

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