Mieten, Abgaben, Billighersteller: Die Schneider von Savile Row führen einen Abwehrkampf an vielen Fronten.
Das Allerletzte, was man hinter den diskreten Fassaden der Maßschneidereien von Savile Row, wo Vornehmheit und Zurückhaltung seit je zum Berufsethos gehören, vermuten würde, ist Aufsässigkeit. Vor einigen Wochen jedoch gingen die Zuschneider, Näher und Appretierer auf die Straße, um zu protestieren. Es dürfte eine der geordnetsten Demonstrationen gewesen sein, mit denen es die Londoner Polizei, die in Savile Row ein wuchtiges Revier unterhält, je zu tun hatte. Zwei Beamte waren an jenem Tag zur Stelle. Sie konnten nur staunen, wie adrett die Vertreter der Zunft die Straße säumten, als seien sie vom Militär gedrillt worden. Statt Anschlagzettel und Flugblätter hielten die Demonstranten die Utensilien ihres Metiers in der Hand, Scheren, Maßbänder und Stoffballen. Und statt ein Geschrei zu erheben, taten sie ihren Protest in aller Stille kund. Nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte bangt die Innung um ihre Existenz. Sie wehrt sich gegen steigende Mieten, Gewerbeabgaben und Massenhersteller, die den Charakter des Metiers verändern.
Savile Row ist mehr als eine Adresse. Die Geschäftsstraße, um 1730 angelegt auf dem ehemaligen Gemüsegarten des Grafen Burlington, in dessen Stadtpalais heute die Royal Academy residiert, ist ein Synonym für den elegant gekleideten Gentleman. In den holzgetäfelten Geschäften, wo sich allen Neuerungen zum Trotz der Staub der Geschichte abgesetzt hat, wird das Understatement auffällig unauffällig zur Schau gestellt. Damit verbindet sich auch eine Weltanschauung. Seit der Regency-Zeit, als der Dandy Beau Brummell durch Mayfair flanierte und die elegante Schlichtheit seiner bei den Fabrikanten des Viertels bezogenen Garderobe zum Maßstab für die hohe Gesellschaft wurde, verkörpert der Begriff Savile Row den in aller Welt nachgeahmten stil anglais. Der Historiker Thomas Carlyle frotzelte zwar abfällig, Brummell sei die Kreation eines Schneiders. Tatsächlich aber hat diese als arbiter elegantarium gefeierte Figur dem modernen Herrenanzug den Weg gebahnt und den Ruhm von Savile Row begründet. Im Japanischen heißt ein Straßenanzug sogar Savile Row, soy-be-roh ausgesprochen. Der Name bürgt für Qualität. Kein Wunder, daß sich weniger exklusive Unternehmen das Gütesiegel zu eigen machen wollen, indem sie hier Quartier beziehen.
Das heutige Straßenbild verrät, womit die traditionsbewußten Ausstatter, die Kaiser, Könige, Kronprinzen, Großherzöge, Maharadschas, Präsidenten, Premierminister, Filmstars und Boulevardiers zu ihrer Klientel gezählt haben, konfrontiert sind. Savile Row ist von der Bauwut befallen. Zahlreiche Häuser sind eingerüstet. Hinter den Plastikplanen wird gehämmert und gebohrt. Das Prestige des Viertels zieht neue Pächter an, über die Alteingesessene die Nase rümpfen, wie denn überhaupt eine unausgesprochene Hackordnung innerhalb der Straße besteht. Die Geschäfte an der Ostseite etwa, zu denen führende Namen wie Henry Poole & Co, Huntsman, Hardy Amies und Gieves & Hawkes gehören, betrachten die Konkurrenz auf der westlichen Straßenseite mit der gleichen Mißbilligung, die das alte Geld dem Parvenü entgegenbringt. Nicht ohne Genugtuung stellen sie fest, daß Marken wie Jil Sander und Hackett in Savile Row nicht lange gewährt haben.
Aber derartige Snobismen berühren die Immobilienbesitzer und Spekulanten nicht. Die Nachfrage veranlaßt sie nicht nur, die Mieten zu erhöhen, sondern die alten Werkstätten den Bedürfnissen modischer Geschäfte und Büros anzupassen, um die Bilanz weiter zu steigern. Die großzügigen Räumlichkeiten, wo die Jil-Sander-Niederlassung gescheitert ist, werden zur Zeit von der New Yorker Architektin Annabelle Seldorf für den amerikanischen Trendsetter Abercrombie & Fitch umgestaltet, dessen verwaschene Jeans und Baseballkappen Welten entfernt sind vom exklusiven Stil der Maßschneider. Das edle Handwerk wird verdrängt durch Boutiquen, der von Hand genähte Anzug weicht der Konfektionsware. Statt des schlichten Etiketts, das ähnlich der Signatur eines Alten Meisters den Tag, Monat und das Jahr festhält, in dem die Jacke bestellt wurde, und das den Artikel als Unikat ausweist, wird der Modelabel begehrt. In ihrer Glanzzeit um 1880 fertigte allein die Firma Poole zwölftausend Maßanzüge im Jahr, inzwischen beläuft sich die gesamte Jahresproduktion der übriggebliebenen Maßschneider auf zehntausend Anzüge mit einem Anfangspreis von rund 2500 Pfund, so daß auch den erlesensten Firmen nichts anderes übrigbleibt, als sich auf die Herstellung von Konfektionskleidung zu stützen.
Selbst Prinz Charles soll neuerdings Maßkonfektion kaufen, also nach einem Standardmuster gefertigte und angepaßte Ware und nicht den sogenannten bespoke-Artikel, der speziell auf eine Person zugeschnitten ist. Prinz Charles' ehemaliger Schneider, Anderson & Sheppard, in dessen Verkaufsraum Fred Astaire einst darum bat, den Teppich aufzurollen, damit er auf dem Parkettfußboden ein paar Schritte tanzen konnte, um zu prüfen, ob alles richtig saß, gehört zu den Opfern der Mieterhöhungen. Nach achtzig Jahren in Savile Row mußte die Firma im vergangenen Jahr um die Ecke in die Old Burlington Street ziehen. Die Straße fällt zwar, wie auch die benachbarten Straßen, immer noch unter den Sammelbegriff Savile Row, aber jedes Unternehmen hätte lieber die Adresse selber auf dem Briefkopf. Das führt so weit, daß sich eine Firma unlängst bloß zu dem Zweck in Savile Row eingemietet hat. Obwohl man sich von dieser Verkaufsstelle keinen großen Absatz verspricht, glaubt man, die Auslagen aufs ganze Geschäft gesehen mühelos wieder einspielen zu können durch die werbewirksame en Werbeeffekt derVerbindung des Firmennamens mit dem Renommee des Platzes.
Gerade das wollen die Alteingesessenen verhindern, denn in ihren Augen kann die Qualität nur gewährleistet werden, wenn die Ausbildung der Zuschneider und Näher, die Werkstätten, Anproben und Stoffmuster alle unter einem Dach vereint sind. Sie vergleichen sich gern mit den Champagner-Herstellern, die den Begriff markenrechtlich geschützt haben, um sich von anderen Schaumweinen abzugrenzen. Ähnliche Kriterien sollen für den Namen Savile Row gelten. Die Geringschätzung der Häuser auf der Ostseite für die gegenüberliegenden Ausstatter rührt unter anderem daher, daß diese ihre Ware entgegen den herkömmlichen Sitten nicht von den hochqualifizierten Kräften an Ort und Stelle herstellen lassen, deren Ausbildung bis zu acht Jahre in Anspruch nimmt, sondern im Fernen Osten, in Rumänien oder in Portugal.
Eine Gesetzesänderung in den späten achtziger Jahren hat dieser Entwicklung Vorschub geleistet. Bis dahin galten die Schneidereien als Leichtindustrie und genossen im Unterschied zu den Büroflächen Mietschutz. Die Regierung Thatcher aber hob diese Bestimmung auf und öffnete so den Immobilienspekulanten Tor und Tür. Als eine Delegation von Savile Row beim zuständigen Minister vorstellig wurde, um ihn auf die Bedeutung des Handwerks als Beispiel außergewöhnlicher britischer Leistung hinzuweisen und ihn zur Umkehr zu bewegen, fanden sie kein Gehör. Der Minister brüstete sich, seine Anzüge von der Stange zu kaufen, bemängelte die Rückständigkeit der Industrie ebenso wie ihre hohen Preise und schlug vor, in die Nähe des Londoner Flughafens umzusiedeln, wo sie Durchreisende abfangen könne.
Mit den gleichen Argumenten wie damals hat sich die Zunft, jetzt, da die Veränderungen zunehmend greifen, an die Stadtverwaltung von Westminster gewandt. Dort sind sie auf größeres Verständnis gestoßen. Man will auf die Grundstücksbesitzer einwirken, daß sie die Bedürfnisse der Zunft berücksichtigen, um den Verlust einer der ältesten Institutionen des Landes zu verhindern. Das Empire und die Industrialisierung, welche die Stoffproduktion verbilligte, haben Savile Row zum Aufstieg verholfen. Seither mußte sich die Zunft stets der Herausforderung stellen, die Tradition zu wahren und mit der Zeit Schritt zu halten. Immer wieder gab es Erneuerungsversuche, am eklatantesten in den sechziger Jahren, als Tommy Nutter mit seinen breiten Aufschlägen und Schlaghosen Kunden wie Mick Jagger und die Beatles nach Savile Row lockte. Jetzt rufen jüngere Köpfe wieder nach Moderni- sierung. Aber das Herzblut von Savile Row ist das Handwerk der alten Schule. Damit steht und fällt das Ansehen der Straße, deren Schicksal geradezu sinnbildlich ist für eine zwischen Vergangenheit und Gegenwart gefangene Nation.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.