Nichts ist so teuer wie Raum mit Licht

Von Paul Ingendaay

Nichts ist so teuer wie Raum mit Licht Künstler, Designer und IT-Bastler bringen neues Leben in Barcelonas altes Industrieviertel Poblenou.

Besuchern von Barcelona reicht ein Spaziergang, um zu verstehen, wie sich die Stadt in eine Metropole verwandelte. Unten am Meer, in den verwinkelten Gassen der Altstadt, lebte in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein Großteil der Bevölkerung und machte Barcelona nach explosionsartigem Anstieg der Einwohnerzahl zu einem der ungesündesten Orte Europas. Die Cholera-Epidemie der Jahre um 1850 beflügelte das Vorhaben, die alten Stadtmauern zu schleifen und einen urbanistischen Großplan namens „Eixample“ (Erweiterung) zu realisieren.
Mit den regelmäßigen Quadratrastern kam die katalanische Bürgerkultur - die Architektur des Modernismus, die Einkaufsadern, die Schneisen in das Gitter schlugen, Zeichen von Wohlstand und florierendem Handel. Die großzügige Straßenbreite von zwanzig Metern und die abgeschrägten Eckhäuser machten die Erweiterung auch für die Polizei attraktiv, denn Massendemonstrationen der radikalen katalanischen Gewerkschaften ließen sich so leichter kontrollieren.

“Das Viertel verändert sich, weil das Geld hineinströmt, und dann müssen die Leute wieder gehen“: Juan Medina, Maler
„Das Viertel verändert sich, weil das Geld hineinströmt, und dann müssen die Leute wieder gehen”: Juan Medina, Maler

Kurioserweise dauerte es mehr als hundert Jahre, bis Barcelona die Expansion ins Landesinnere umkehrte und sich wieder dem Meer zuwandte, dem es so lange den Rücken gezeigt hatte. Dank der Olympischen Spiele von 1992, einer Zäsur in der modernen Stadtgeschichte, wurden mehrere Kilometer verwahrloster Strand wiedergewonnen. Der Olympiahafen entstand und östlich davon das Olympische Dorf, so konstruiert, daß die Wohnungen nach der Abreise der Athleten in ein bürgerliches Viertel umgewandelt werden konnten. Heute wäre die Freizeit- und Vergnügungszone mit Restaurants, Cafés und Diskotheken ohne das Meer nicht vorstellbar.

Das neueste urbanistische Projekt liegt kaum einen Steinwurf davon entfernt und hat bereits sein Wahrzeichen: Über die Straßenzüge des alten Industrieviertels Poblenou herrscht der schillernde, von Jean Nouvel erbaute Agbar-Turm der Wasserwerke von Barcelona. Mit einer Höhe von 142 Metern und mehr als 4000 asymmetrisch angeordneten Fenstern, vor allem aber dank der verschiedenfarbigen Glaslamellen erinnert der Büroturm tagsüber an eine Wasserfontäne, deren Tropfen im Licht schimmern, nachts an einen schlanken, rot und blau funkelnden Hinkelstein.
Zu seinen Füßen geht es nicht ganz so futuristisch zu. Poblenou läßt immer noch erkennen, was es einmal war: das Zentrum des wirtschaftlichen Fortschritts im Spanien des neunzehnten Jahrhunderts, der Sitz von Textil- und Metallindustrie und damit ein lauter, stinkender, verseuchter Flecken Erde.

Geht man durch das weitläufige Viertel, wirkt es wenig einladend, weil außer Fabriktoren, Autowerkstätten, Elektroläden, Farb- und Lackierbetrieben kaum etwas zu sehen ist. Bis man auf eine Bar stößt, die wie so vieles hier in einer ehemaligen Fabrikhalle untergebracht ist und die Anwohner mit Getränken und Fußball auf der Großleinwand versorgt. Es gibt also ein Leben hinter den bröckelnden Mauern, und es ist vielfältiger, als man glaubt. Denn in Poblenou, der Hinterlassenschaft der Industrialisierung, sind heute Künstler, Designer, Architekten und junge Firmen aus der Computerbranche zu Hause.
Juan Medina, ein vierzig Jahre alter Maler, hat sein Atelier in einem großen Raum eines Industriegebäudes. Über oder unter ihm werden Schrauben hergestellt. Medina braucht für seine expressive Malerei enorme Flächen am Boden und an der Wand. Zur Zeit malt er riesige, aus zahlreichen Einzelblättern zusammengesetzte Studien, die er später wieder auseinanderreißt. Medina hat schon einige Ausstellungen hinter sich. Er ist so erfolgreich, daß er es sich leisten kann, für sein Atelier 800 Euro Miete zu zahlen. Offen ist, ob er nicht wegziehen wird, wenn sein Vertrag ausläuft. „So geht es immer“, sagt Medina. „Die Leute kommen, lassen sich nieder, das Viertel verändert sich, weil das Geld hineinströmt, und dann müssen sie wieder gehen. Der Platz ist begrenzt.“

Man muß mit Legenden um Stadtteile vorsichtig sein; wenn ein Viertel in Mode kommt, könnte schon der Niedergang begonnen haben. Auch die Geschichte von Poblenou hängt davon ab, wen man fragt. Als die Stadtverwaltung vor fünf Jahren ihre Firma 22@ vorstellte und dazu einen Plan, der den Distrikt mit der Nummer 22 in ein Zentrum des Designs sowie computer- und technologienaher Firmen verwandeln wollte, drehte es sich um eine typisch katalanische Idee: marode Industriebauten für eine kreativere Bestimmung zu sanieren, frisches Kapital anzuziehen, Platz für moderne Professionen zu schaffen.

Doch in die Aufbruchsstimmung hinein platzte die Ernüchterung an den Börsen und riß viele Dotcom-Firmen mit. Ein Architekt, der sich zwei Etagen eines Industriegebäudes zum Loft ausgebaut hat, erzählt, daß nur zwanzig Prozent der Firmen, die man zu gewinnen hoffte, tatsächlich nach Poblenou gekommen sind. Auch die Infrastruktur läßt zu wünschen übrig, und von begrünten Straßen ist wenig zu sehen. Was die strengen Baubeschränkungen betrifft, die 22@ angeblich vorschreibe, zeigt der Architekt von der Dachterrasse aus nach nebenan, auf das Fundament eines achtgeschossig geplanten Hauses, das ihm demnächst den Blick aufs Meer versperren wird. Schon immer waren Immobilienangelegenheiten in Spanien nicht eine Sache der Bestimmungen, sondern guter Beziehungen.

Gegen eine Urbanisierung für Investoren, die für die junge Elite teure Apartments und coole Büroräume schaffen will, hat sich in Poblenou eine Gegenbewegung formiert. Ihr Symbol ist die alte Industrieanlage Can Ricart direkt nördlich der Avenida Diagonal, deren Abriß schon länger im Gespräch ist. Früher waren in den fünfunddreißig Betrieben - Textildruck, Metallverarbeitung, auch handgerollte Kerzen - vierhundert Arbeiter beschäftigt. Einige Firmen sind heute noch aktiv. Die Protestierenden sehen in dem Hof mit seinen Fabrikgebäuden ein Denkmal der Sozialgeschichte Barcelonas. Sie fordern die Stadt auf, das Gelände im Sinne der historischen Identität des Viertels Poblenou umzugestalten, statt es dem Zugriff der Baufirmen zu überlassen.

Seit 1997 existiert in einer der Fabrikhallen von Can Ricart der „Hangar“, eine Kunstinitiative, die teilweise mit öffentlichen Geldern Arbeitsstipendien an Künstler aus dem In- und Ausland vergibt. Das Prinzip ist einfach: Da in Barcelona, einer der lebendigsten Kulturmetropolen am Mittelmeer, nichts so teuer ist wie Raum mit gutem Licht, erhalten fünfzehn von einem unabhängigen Gremium ausgewählte Künstler für zwei Jahre ein Atelier. In letzter Zeit, so der Leiter des „Hangar“, seien viele Künstler wegen gestiegener Mieten aus dem Viertel weggezogen.
In einem der Ateliers des „Hangar“ arbeitet der in Krefeld aufgewachsene Spanier Ignacio Uriarte an seiner „Bürokunst“, die mit Ironie und einer melancholischen Genauigkeit die Routinen unserer täglichen Papierverwaltung zum Thema macht. Uriarte selbst, 33 Jahre alt, abgeschlossenes Studium der Betriebswirtschaft, legte im November 2003 seine letzte Bürotätigkeit nieder und beschloß, statt dessen als Künstler zu arbeiten. Für Leute wie ihn, die sich über die Verkäuflichkeit ihrer Kunst keine Illusionen machen, ist der „Hangar“ in Barcelona da. Und vorläufig auch noch das Viertel Poblenou.

Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z.-Frank Röth

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