Nur die Gesänge bleiben

Von Robert von Lucius

Lettland ist stolz auf seine alten Sprachen. Der linguistische Patriotismus hätte fast den EU-Beitritt gefährdet.

Seine Verfassung nennt Lettland das „Land der Letten und der Liven“ - heute aber sprechen höchstens zwanzig Menschen Livisch, diese kleinste europäische Sprache. Sprache prägt Lettland wie wenig anderes. Beim Kampf um die Unabhängigkeit war Lettisch ein einigendes Band - heute dreht sich politischer Streit mit dem großen Nachbarn Rußland auch wieder um Sprache. Denn immerhin spricht mehr als ein Drittel aller Einwohner eine „Minderheitssprache“: In Lettland lebt die größte russischsprachige Gemeinschaft in der EU. Nicht nur die größte (Russisch) und die kleinste (Livisch) Zweitsprache bieten Sprachforschern und Patrioten Besonderes, sondern auch die offizielle Landessprache. Lettisch ist nach Litauisch die älteste indoeuropäische und damit die zweitälteste lebende Sprache dieser Herkunft in Europa.

Livisch, Lettisch, Russisch - die drei Sprachen sind grundlegend anderen Ursprungs und belegen eine Vielfalt, die Letten aber nicht immer erfreut. Für Livisch gilt das nicht: Nicht nur Geschichtsbewußte sind sich der Tradition bewußt. In wenigen Jahren werden das kleinste Volk Europas und die kleinste eigenständige Sprachgemeinschaft - als lebende Sprache - ausgelöscht sein. Einige versuchen, den Untergang hinauszuzögern. Valts Ernstreits etwa, der Livisch an der Universität Riga lehrt, hat ein lettisch-livisch-englisches Wörterbuch geschrieben.

In Mazirbe, wo die Bucht von Riga in die Ostsee übergeht, pflegt seit 1939 ein Kulturhaus mit der grün-weiß-blauen Flagge der Liven deren Tradition mit Sprachkursen, Gesangsgruppen, Ausstellungen. Dort feiern Liven und ihre Freunde jeweils am ersten Sonntag im August - seit 1989, seit die Unterdrückung nationaler Minderheiten im Sowjetreich ein Ende hatte. Auch die lettische Kultusministerin und Kunstkritikerin Helena Demakova will die Tradition pflegen: Sie begann, Livisch zu lernen. Amüsiert berichtet sie, Livisch sei wegen seiner 45 Buchstaben und der ungewohnten Betonungen noch schwieriger als Finnisch und habe eine ganz andere Logik, sei aber bildhafter als andere Sprachen. Auch Letten, die kein Wort Livisch verstehen, sagen, das sei ihre Welt, sie gehöre ihnen.

Nicht nur Livisch, sondern auch Livland reichte in früheren Zeiten weit über das Kernland im Norden Lettlands und im Süden Estlands hinaus. Seit 5000 Jahren lebten Liven als Fischernation an der Bucht von Riga. Vor eineinhalb Jahrhunderten stellten sie noch die Mehrheit der Bevölkerung, jetzt bezeichnen sich weniger als 200 Personen im Paß als Liven, die wenigsten sind der Sprache noch mächtig. Vom Livländischen Krieg über altlivländische Münzen bis zur Livländischen Ritterschaft, einem Verband deutschbaltischer Adliger, lebt der Name fort.

Auch andere Sprachgruppen fühlen sich bedroht: so das Letgalische, obwohl immerhin 150 000 die Vorgängersprache zum Lettischen sprechen, die mit dem Namenskern „Let“ in den Landesnamen Eingang fand. Viele Junge, die daheim in den östlichen Provinzen letgalisch sprechen, wechseln zum „richtigen“ Lettischen, sobald sie mit dem Zug den Ort Krustpils auf dem Weg nach Riga hinter sich gelassen haben. Auf das Lettische können sie stolz sein. Schon im dritten Jahrhundert wurden Urlettisch und Urlitauisch als getrennte Dialekte der baltischen Sprachgruppe gesprochen; eine dritte Variante, Urpruzzisch (Urpreußisch), starb aus.

Der Sprachpatriotismus hatte zeitweise sogar den Beitritt Lettlands zur Nato und zur EU und damit den sichtbaren Schritt zurück in die europäische Gemeinschaft in Frage gestellt. Eine Klausel im Wahlgesetz hatte von Abgeordneten gefordert, sie müßten die lettische Sprache „in ihren höchsten Anforderungen“ beherrschen. Damit aber wäre ein Teil der russischsprachigen Einwohner von einer Kandidatur ausgeschlossen gewesen. Etwa 37 Prozent der 2,4 Millionen Bewohner Lettlands sind russischer Abstammung, von denen nur gut die Hälfte auch Lettisch spricht - weitgehend eine Folge der Politik Moskaus, in den Jahren der Besetzung zunächst einen Teil der lettischen Elite nach Sibirien zu verschleppen und dann Russen nach Lettland und Estland umzusiedeln. Durch Flucht, Verschleppung, Aussiedlung und Gebietsverluste schwand die Bevölkerung Lettlands im Zweiten Weltkrieg um etwa 30 Prozent; „aufgefüllt“ wurde das durch gesteuerten Zuzug aus dem Osten. Für viele Russen war etwa Jurmala, der Badeort nahe Riga, eine beliebte Sommerfrische. In Daugavpils, der zweitgrößten Stadt des Landes, beherrscht nur eine Minderheit Lettisch. Selbst in Riga haben mehr Hauptstadtbewohner Russisch als Muttersprache als Lettisch. Diese Trennung macht sich selbst im Sport bemerkbar - Fußball gilt als „russisch“, Basketball als „lettisch“.

Im Mai 2002 hob das Parlament in Riga mit deutlicher Mehrheit die Sprachklausel auf - aber erst nach Druck aus Brüssel und Washington, nach Mahnungen der Präsidentin Vaira Vike-Freiberga und nach einer Verurteilung vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Nach der Aufhebung konnte das OSZE-Büro in Riga schließen: Die Aufgabe, sicherzustellen, daß die russische Minderheit nicht benachteiligt wird, schien erfüllt, auch wenn Moskau die Sprachenfrage immer wieder zum Anlaß nimmt zu sticheln. Diese Irritationen gehen mal um den Grenzvertrag, mal um die Feiern zum Kriegsende, mal um die Unterrichtssprache. Das sind meist nur Vorwände: Wichtiger ist, wer den Gasimport von Rußland in den Westen Europas über lettische Häfen kontrolliert und damit auch die Politik in Riga - Rußland oder Lettland.

Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.

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