Die Mischung aus Flexibilität und sozialer Sicherung ist der Schlüssel zum dänischen Erfolg.
Tivoli und die kleine Meerjungfrau, die Märchen Hans Christian Andersens und die Bärenfellmützen der Leibgardisten der Königin - wer an Dänemark denkt, dem fällt zumeist das ein - oder Windräder, die vorbildliche Umweltpolitik im Land der Fahrradfahrer oder vielleicht, aus der allerjüngsten Vergangenheit, der Streit um die Mohammed-Karikaturen. Wirtschafts- und Ordnungspolitiker in Europa beneiden Dänemark aber vor allem wegen seiner Flexicurity: einer gelungenen Verbindung von hoher sozialer Sicherung mit einem liberalen Arbeitsmarkt, der Entlassungen und damit Neueinstellungen leichtmacht. Arbeitgeber und Gewerkschaften unterstützen die Möglichkeit, daß Arbeitnehmer binnen kurzer Fristen entlassen werden können.
Der wirtschaftliche Erfolg gibt Dänemark recht mit dem in dieser Art einmaligen System. Die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit den siebziger Jahren, die Löhne - nicht aber die Lohnnebenkosten - zählen zu den höchsten der Welt, Verbrauch und Exporte steigen beharrlich. Dänen sind, so hat man in vergleichenden Umfragen herausgefunden, glücklicher als andere Europäer, sie fühlen sich besser abgesichert. Seit Jahren steigt das Wirtschaftswachstum, und seit wenigen Wochen hat Dänemark erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg netto keine Auslandsschulden mehr. Wegen der Balance von Staat und Markt und dank seines anpassungsfähigen Arbeitsmarktes habe Dänemark, so bescheinigt die Economist Intelligence Unit dem Land an der Brücke zwischen Mittel- und Nordeuropa, das beste Wirtschaftsklima Europas auch für Investoren.
Zu diesem Erfolg trugen erst die Sozialdemokraten bei und dann die bürgerlich-liberale Regierung im Konsens - drei Jahrzehnte nachdem ein Finanzminister gesagt hatte, Dänemark stehe finanziell am Abgrund. Sorgen bereitet die Alterung der Bevölkerung. Darauf will Kopenhagen rasch reagieren: Von 2009 an soll das Renteneintrittsalter erhöht und Möglichkeiten des (beliebten) Vorruhestandes eingeschränkt werden - die Regierung zeigt sich auch da entschlossener als der große Nachbar im Süden, der die Verlängerung der Lebensarbeitszeit weit hinausschiebt. Unumstritten sind diese Vorschläge zum weiteren Umbau des Sozialstaates freilich nicht.
Das Konzept, Flexibilität (flexibility) und Sicherheit (security) zur Flexicurity zu verbinden, ist gekoppelt an eine Politik des Förderns und Forderns. Wer seinen Arbeitsplatz verliert, erhält vom Arbeitgeber nur noch für eine kurze Zeit weiteren Lohn, wird aber vom Staat mit hohem Arbeitslosengeld unterstützt. Dazu muß er an Weiterbildungsprogrammen teilnehmen und zu Orts- und Berufsveränderungen bereit sein - einschließlich eines niedrigeren Lohns. Wer sich weigert, verliert sein Arbeitslosengeld. Der Arbeitsplatz wird in Dänemark häufiger gewechselt als anderswo. Das Gefühl der Sicherheit verbinde sich, berichtet ein Gewerkschaftsfunktionär, nicht mit dem konkreten Arbeitsplatz, sondern mit der Gewißheit, bei Entlassung breiten Schutz zu erhalten sowie individuelle Betreuung und die Möglichkeit zur Weiterbildung. Wer arbeitslos wird, der taucht meistens schon drei Monate später nicht mehr in der Statistik auf: Langzeitarbeitslosen gilt ebenso wie Jugendlichen eine besondere Fürsorge der Arbeitsämter. Das System scheint gefestigt, ist aber nicht in allen Lücken ausformuliert. Daß es gegen Kürzungen der Sozialhilfe und strengere Zumutbarkeitsregeln für Arbeitslose in den vergangenen drei Jahren wenig Widerstand gab, liegt auch an den höheren Nettoeinkommen als Folge der Steuerkürzungen.
Vor allem in der Jugendarbeitslosigkeit zeigt das neue System Erfolge: In Dänemark liegt sie bei 3,3 Prozent, in Schweden bei dreizehn, in Frankreich gar bei mehr als zwanzig Prozent. In der Hauptstadtregion Kopenhagen finden sich leicht Arbeitsplätze sowohl im Dienstleistungssektor als auch in der Industrie - Schweden, die täglich über die Öresund-Brücke zur Arbeit pendeln, sind keine Seltenheit. Dabei sind Personalumschlag und Krankmeldungen geringer als in Stockholm - in Dänemark liegt die tägliche Krankheitsabwesenheit bei 1,6, in Schweden bei 4,4 Prozent. Dies System erhöht die Risikobereitschaft der Arbeitgeber, vor allem die der kleinen Gewerbetreibenden: Da sie sich bei einer Konjunkturflaute oder einem sonstigen Rückschlag rasch von ihren Arbeitnehmern trennen können, ohne über eine längere Zeit mit den Folgekosten belastet zu werden, stellen sie weitaus schneller ein, falls es - wie das schon seit Jahren der Fall ist - mit der Wirtschaft bergauf geht. Ein weiteres Zeichen der unweinerlichen Anpassungshaltung ist die Bereitschaft, Änderungen der Arbeitszeit kurzfristig zuzustimmen, und zwar im Interesse des Unternehmens und damit des Arbeitsplatzes. Das beruht auf Vertrauen und schafft Vertrauen. Zwar gehören vier Fünftel aller dänischen Arbeitnehmer einer Gewerkschaft an, aber der dänische Arbeitsmarkt zählt zu den friedlichsten der Welt - und aus den Tarifverhandlungen hält sich der Staat heraus.
Die Bereitschaft zur Anpassung paart sich mit Ehrlichkeit gegenüber dem Staat, einem wenig ausgeprägten Anspruchsdenken und mit dem Willen zu arbeiten. So trifft man zum Beispiel auf leitende Angestellte von Werbeagenturen und Anwaltskanzleien, die am Wochenende in den Lokalen von Kopenhagen Bier ausschenken - zur Aufbesserung des Gehalts und einfach aus Spaß. Die Ehrlichkeit wiederum, die auf einer lutherisch-protestantischen Ethik beruht, ist eine Voraussetzung dafür, daß dieses System so gut funktioniert, und vielleicht ein Grund dafür, daß Flexicurity von anderen Gesellschaften in dieser Form so nicht übernommen werden kann, weil die Gefahr des Mißbrauchs zu groß wäre.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.