Mit ihm drücken schweigsame Männer aus, was sie ihren Frauen gerne sagen würden.
Wer in Seinäjoki Tangokönig wird, hat eine Sängerkarriere fast schon sicher. Dabei war der Tango aus Buenos Aires nur über Um- und Irrwege nach Finnland gekommen: Am 2. November 1913 um zwei Uhr nachmittags, das weiß man noch genau, wurde er dort zum ersten Mal getanzt.
Wenn Finnen etwas gutheißen, dann richtig: Im August vervierfacht sich für fünf Tage die Einwohnerzahl von Seinäjoki. Mehr als hunderttausend Leute kommen, um zu tanzen. Eine Million Finnen verfolgt im Fernsehen, wer König und Königin des Tangos wird beim größten Musikereignis des Landes. Was den Amerikanern Country & Western ist und Deutschen die Volksmusik, ist den Finnen der Tango. Aki Kaurismäki meint, der Tango sei der Blues der Finnen. Er muß es wissen: Auch seine Filme drehen sich um den Zwiespalt von Wehmut und Glück.
Dabei ist der Finn-Tango nur ein entfernter Vetter des aufreizenden Argentiniers. Fuß gefaßt hatte er erst so recht, als der Komponist Toivo Kärki ihn, im Einklang mit der Stimmung während des Zweiten Weltkrieges, mit russischer Romantik und deutscher Marschmusik verband, also mit den Gefühlswelten der beiden Nationen, zwischen denen Finnland historisch und kulturell pendelte, aber nie zerbrach. Während der Kriegsjahre - die Vierziger und Fünfziger waren die größte Zeit des Finn-Tangos - entstanden Tausende Texte über Leid, Schmerz, Tod.
Bei der Tango-Renaissance, die in den Regalen der Musikläden und in den Tanzlokalen offenbar wird, geht es heute um unerfüllte Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit und Melancholie. Damit sagen die Lieder - und beim finnischen Tango ist neben der Grundstimmung in Moll vor allem der Text wichtig -, was schweigsame Männer gerne ihren Frauen sagten, aber aus Scheu nicht zu sagen wagen. So singen sie während des Tanzens mit und drücken ihre Gefühle zumindest mit den Worten anderer aus. Tango wird Ersatzsprache. Daher ist es für den Erfolg wichtig, daß die Sänger nicht nur eine einschmeichelnde Stimme haben, sondern auch glaubhaft wirken: Sie müssen auf harte Arbeit, Not, eine verlorene Liebe auch im wirklichen Leben weisen können. Nicht zufällig sang ein Waldarbeiter 1962 den Tango Satuuma (Das Märchenland), der zur heimlichen Nationalhymne wurde.
Wer von Tango in Finnland spricht, spricht von Melancholie, aber auch von Nationalmusik, Leidenschaft und Kult. So hat der Kultautor M. A. Numminen einen Roman über einen Tango-Begeisterten den Titel Tango ist meine Leidenschaft gegeben. Der 35 Jahre alte Held Virtanen muß wegen einer Wette bis zum sechsunddreißigsten Lebensjahr, also länger als Plato, seine Liebe zu Tango-Partnerinnen unerfüllt lassen. Dabei bekennt er schon im zweiten Absatz der Schelmengeschichte: Auf die vielgestellte Frage nach dem Sinn des Lebens ist meine Antwort: Tango. Bald darauf sagt Virtanen, Parodien auf den Tango könne er gar nicht ab.
Spätestens da wird ersichtlich, daß Numminen sich nicht in Virtanen widerspiegelt, denn Parodien sind die Essenz seines Werkes. Wer sonst würde mit schriller Stimme Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus vertonen und singen? Mit ihm kann man selbst in die Leichtbierkneipe eines Vorortes von Helsinki nicht gehen, ohne daß man dort nicht sogleich umringt würde; über Dünnbier schrieb Numminen natürlich auch eine Art Roman - den Kneipenmann, einen Führer durch finnische Dünnbierkneipen.
Der Philosoph, Soziologe, Filmemacher und einstige Bürgerschreck liebt Schräges. Sein (deutsch gesungener) Tango vom Brautpaar auf der Parkbank vor dem Parlament durfte jahrelang nicht im Rundfunk gespielt werden - und wurde doch ein Klassiker. Als er das Nordische Tango-Oratorium 1997 verfaßte, komponierte und bei den Helsinki-Festwochen aufführte, reagierten die einen erheitert, die anderen empört.
Finnen lieben neben Stille, Melancholie und Natur auch Bizarres, Hintersinn und Ironie - insofern sind sie das Gegenteil ihrer eher ungeliebten Nachbarn Schweden, die während der Herrschaft über Finnland Sprache und Kultur hinterließen, nicht aber ihre Wesensart. Den Nationalstolz und den romantisierenden Beharrungswillen konnten sie den Finnen sowieso nicht austreiben. Und dieser Beharrungswille hat seit dem 2. November 1913 einen ganz unerwarteten Ausdruck nationaler Identität gefunden: den Finn-Tango.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.