Mit hohem Aufwand fördern niederländische Schulen Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund.
Auf den ersten Blick ist es eine Schule wie jede andere. Der flache, freundlich wirkende Zweckbau aus gelben Klinkersteinen steht mitten in einer parkähnlichen Anlage. Bunt bemalte Fenster zeigen an, daß hier engagiert mit jungen Menschen gearbeitet wird. Es könnte auch ein Kindergarten sein. Doch die Prinz-Bernhard-Schule ist etwas Besonderes. Sie ist die einzige schwarze Grundschule von Culemborg, einer kleinen Stadt am Lek, dem nördlichen Arm des Rheins. Und sie ist, wie Schulleiterin Freke Dijk-Rijpma halb im Scherz, halb im Ernst bemerkt, eine der besten.
Zwarte Scholen werden in den Niederlanden jene Unterrichtsanstalten genannt, in denen die Mehrheit der Schüler aus Einwandererfamilien kommt. In den großen Städten gibt es sie seit dem Ende der achtziger Jahre. Seither hat ihre Zahl ständig zugenommen. Ähnlich alt ist die Debatte über die Apartheid in der Schule. Selbst im altehrwürdigen Culemborg ist heute fast ein Fünftel der knapp 27 000 Einwohner nicht niederländischer Herkunft. Im Westen der Stadt gibt es eine Schule, in der sich die Anzahl der einheimischen und der ausländischen Kinder in etwa die Waage hält. Die Prinz-Bernhard-Schule im Südosten aber ist fast zu hundert Prozent schwarz. Von den 101 Kindern hat nur eines niederländische Eltern. Die große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler ist marokkanischer Abstammung.
Wir können unseren Kindern keine holländischen Freunde bieten, aber wir bemühen uns, ihnen die bestmögliche Ausbildung zu geben, erläutert die Schulleiterin. Auch an weißen Schulen mit einem geringen Anteil an Zuwanderern gebe es Gruppenbildungen und kaum wirklichen Umgang miteinander. An der Prinz-Bernhard-Schule müßten sich allochthone Schüler nicht mit gleichaltrigen Einheimischen messen. Und die Lehrer könnten sich ganz auf sie und ihre besonderen Schwächen konzentrieren.
Man beginnt schon mit einer Vorschule für Zweieinhalb- bis Vierjährige. Dann schließt sich - wie auch sonst üblich - die achtjährige Grundschule an. Die Klassen sind klein, haben in der Regel nicht mehr als fünfzehn Schüler. Schwerpunkt des Unterrichts, besonders in den ersten Jahren, ist die Sprachvermittlung. Die meisten Kinder aus Ausländerfamilien, sagt Freke Dijk-Rijpma, lägen bei der Einschulung in ihrer Entwicklung um etwa zwei Jahre hinter Kindern niederländischer Eltern zurück. Diesen Abstand gelte es bis zum zwölften Lebensjahr soweit wie möglich abzutragen, damit sich alle Schüler wenigstens in jenem Zweig der dreigliedrigen Sekundarstufe behaupten könnten, der auf einen praktischen Beruf vorbereitet. Ermöglicht wird die Spezialisierung auf Ausländerkinder durch die Flexibilität des Bildungssystems. Entscheidend ist der Verfassungsgrundsatz von 1917, der die Freiheit des Unterrichts garantiert. Damit wurde ein langer Streit zwischen dem Staat und den beiden großen christlichen Kirchen über das Recht auf Gründung und Unterhalt eigener Schulen beigelegt. So erklärt sich, warum es im ganzen Land nur etwa ein Drittel öffentliche und zwei Drittel private, meist von katholischen und protestantischen Trägerorganisationen geführte Schulen gibt. Der Staat gewährt ihnen vollständige und gleichberechtigte Finanzierung, kontrolliert die Einhaltung vorgegebener Regeln, mischt sich aber in die pädagogische und organisatorische Eigenständigkeit nicht ein.
Culemborg, wo 1566 im Schloß des calvinistischen Grafen der erste nichtkatholische Gottesdienst abgehalten wurde, hat fünf öffentliche, drei katholische und fünf protestantische Grundschulen. Da die frühere konfessionelle Abschottung in der heutigen Gesellschaft nicht mehr gilt, haben die Eltern bei der Einschulung ihrer Kinder im Prinzip die Freiheit der Wahl. Die Prinz-Bernhard-Schule zum Beispiel ist christlich-protestantisch. Daß dort vor allem muslimische Kinder unterrichtet werden, mutet zunächst paradox an. In einem Stadtviertel mit sechzig Prozent Einwanderern gelegen, hat sich die Schule aber für diesen Weg entschieden.
Dabei hilft das schon Mitte der achtziger Jahre eingeführte System der Förderung von Schülern aus sozial schwachen Verhältnissen. Ein differenziertes Bewertungssystem sieht vor, daß für Kinder von Eltern ohne höhere Schulbildung ein zusätzlicher pädagogischer und finanzieller Aufwand zu veranschlagen ist. Jeder Schüler niederländischer Herkunft, der aus einer Familie mit niedrigerem Bildungsniveau kommt oder nur bei einem Elternteil lebt, wird mit dem Faktor 1,25 gewichtet. Für das Kind einer Einwandererfamilie gilt in der Regel der Faktor 1,9. Mit anderen Worten: Die schwarze Prinz-Bernhard-Schule erhält vom Staat für ihre hundert Kinder ähnlich viel Mittel wie eine doppelt so große weiße Schule in einer besseren Wohngegend. Das ermöglicht kleine Klassen, die Anstellung eines Lehrers marokkanischer Abstammung und die Beschäftigung von Tutoren, die sich mit den Kindern in ihrer Muttersprache unterhalten können.
In der zweiten Klasse bringt Agnes Koper ihren sechzehn Schülern Niederländisch bei. Thema ist der Frühling. Spielerisch, mit viel Anschauungsmaterial, in kleinen Gruppen in den gemütlich eingerichteten Nischen des Klassenzimmers oder im größeren Gesprächskreis wird geduldig der Umgang mit den Begriffen der fremden Sprache erlernt. Als Leitfaden dient das eigens zur Förderung der Sprachentwicklung von Ausländerkindern entwickelte Programm Piramide. Doch letztlich geht es darum, den Kindern der dritten Einwanderergeneration eine ihnen weitgehend fremde Welt zu erschließen. Bei der religiösen Erziehung gibt es keine Kompromisse. Die Eltern müssen akzeptieren, daß im Unterricht gesungen, gebetet und aus der Bibel vorgelesen wird und man die christlichen Feste feiert. Das diene dem gegenseitigen Respekt.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.