Von Bernhard Heimrich
Wiedervereinigung, so finden Iren, ist ein Problem für Deutsche und Koreaner. Sie selbst denken mehr an die Re-Integration ihres geteilten und doch verwobenen Landes.
In der Eingangshalle des Parlamentsgebäudes in Dublin blicken dem Besucher drei Bilder entgegen. In der Mitte prangt der Text der Unabhängigkeitserklärung des gescheiterten Osteraufstands von 1916, rechts und links hängen Porträts zweier Männer in Uniform, Cathal Brugha und Michael Collins. Sie waren in dem irischen Bürgerkrieg gefallen, jeweils auf ihrer Seite, der auf die Gründung des Freistaates nach dem Ersten Weltkrieg folgte. Wie konnte das geschehen? Für irische Nationalisten wie sie hätte es damals keinen Anlaß zum Bruderkrieg gegeben, eher einen Grund zum Feiern. Denn die Gründung eines irischen Staates hatten die Aufständischen von 1916 ja gewollt - und viele Generationen vor ihnen ebenso.

Da haben wir die verflixte irische Frage. Die Antwort ist bis heute nicht gefunden. Es fängt damit an, daß die Befreiung einen Pferdefuß hatte: Der Freistaat von 1920 war nur um den Preis der Teilung zu haben. Der Streit, ob man das annehmen dürfe, und danach die Enttäuschung über die Abtrennung des Nordens waren so erbittert, daß die Nationalbewegung sich spaltete und die Teile gegeneinander Krieg führten. Aus dieser politischen Teilung entstanden die beiden großen Parteien Fianna Fail und Fine Gael.
Auch die geographische Teilung ist heute noch zu besichtigen. Aber irgend etwas an ihr ist seltsam. Als vor 16 Jahren die Mauer fiel und in Berlin die geteilten Deutschen jubelnd zueinanderrannten, war es in Belfast, Dublin und London niemandem eingefallen, sorgenvoll in das irische Hinterland zu spähen, ob dort vielleicht ebenfalls die zementierte Ordnung bebe. Wer meint, die irische und die deutsche Frage seien vergleichbar, muß nur das Archiv der Dubliner Irish Times nach dem Wort Unification durchsuchen. Da gibt es Verweise auf Korea, Deutschland, China und Taiwan, die zwielichtige Unification Church und einen Boxkampf zwischen Mike Tyson und Evander Holyfield, der als Unification Quest firmiert. Reunification bringt praktisch dieselben Ergebnisse, nur angereichert mit dem Stichwort Zypern. Irland kommt nicht vor.
Dabei haben die Iren ihren kleinen Nord-Süd-Konflikt durchaus nicht vergessen. Sie haben ihn unter einem anderen Stichwort abgelegt: Partition, Teilung. Da beginnt es zu sprudeln. Das scheint der Begriff zu sein, unter dem die Iren die mühevolle Geschichte ihrer Nation zusammenfassen. Der Blick ist rückwärts gerichtet, nicht vorwärts; er scheint sich abzufinden mit dem Geschehenen, nicht Hoffnungen zu wecken, was sein könnte; er findet mehr Gefallen am kollektiven Selbstmitleid als an einem Ansporn, eine festgefahrene Geschichte loszutreten.
Da haben wir den zweiten Fehlschluß. Denn bei genauerem Hinsehen findet man auch im irischen Koordinatensystem die Wiedervereinigung, nur unter wieder einem anderen Wort und mit anderem Antrieb: Re-Integration. Das ruft weniger die Teilung zwischen Nord und Süd in den Sinn, vielmehr beschreibt es die Aufgabe, die nach einer Überwindung der äußeren Teilung zu leisten wäre, etwa das Zusammenleben der Konfessionen und Volksgruppen in Nordirland. Könnte es also sein, daß die Iren auf eine Weise, die Fremde schwer verstehen, ihre äußere Teilung schon überwunden haben? Die Antwort kann man er-fahren. Nehmen wir den Elfuhrdreißig vom Dubliner Conolly-Bahnhof, Bahnsteig drei. Am Fahrkartenschalter räkelt sich eine kleine Schlange, aber es geht flott voran, der Beamte blickt nicht einmal auf. Die Reisenden schlendern ohne Rührung durch die Bahnhofshalle zur Abfahrt. Niemand wird großartig verabschiedet, keiner beugt sich beim Abschiedspfiff aus dem Fenster, und Jung und Alt sind gemischt wie in einer Straßenbahn. Nein - das ist alles viel zu einfach! Dieser Zug sollte sein, was in Deutschland einmal der Interzonenzug für Rentner gewesen war oder gar der Sonderzug nach Pankow für Ausnahmefälle. Die Reise geht von Dublin nach Belfast, quer durch das geteilte Land.
Die innerirische Grenze wartet irgendwann in der Hälfte der zwei Stunden Fahrzeit. Inzwischen hat man schon kapiert, daß auf diesem Ausflug in die irische Nation Amtspersonen nicht zu erwarten sind, von Kontrollorganen ganz zu schweigen. Aber einen Grenzbahnhof wird es doch geben, eine Lautsprecherdurchsage, irgend etwas? Plötzlich fährt auf der Landstraße draußen ein unverwechselbares rotes Lieferauto: die britische Post. Die irischen Postautos waren grün gewesen und hießen auch nicht Mail, sondern Post. Irgendwo zwischen den Brücken Nummer 90 und 101 muß der Zug nach drüben geschlüpft sein. Selbst die Nummern an den Brücken spulen ungebremst weiter. Den Paß hätte man sowieso vergessen können.
Obwohl Großbritannien nicht dem Schengen-Verbund angehört, gibt es auch beim Flug von London nach Dublin weder am einen Ende eine Paßkontrolle noch am anderen. Das hat nichts zu tun mit der EU, sondern mit einer anderen Union: dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland bis 1920. Diese alte Union, die es gar nicht mehr gibt, überwölbt noch immer die noch ältere irische, und auch sie leistet ihren Teil, die innerirische Teilung abzufedern. In der Republik Irland gibt es Gewerkschaften, die heute wie ehedem Filialen des britischen Gegenübers sind, und britisch heißt ja immer auch nordirisch. Iren, die in Großbritannien wohnen, haben hier Wahlrecht für das Parlament. Das betrifft zwar vor allem die eine Million Iren, die auf der großen Insel leben. Aber auch Einwohner der Republik Irland könnten in den Norden ziehen und die Wiedervereinigung mit dem Stimmzettel herbeiwählen.
Nicht nur der irische Gewerkschaftsbund ist ungeteilt, auch das Telefonnetz ist gesamtirisch. Von Dublin nach Belfast wählt man eine irische Nummer, nicht die Vorwahl von Großbritannien. Der Primas der katholischen Kirche Irlands hat seinen Sitz in Armagh im Norden, und es gibt nur eine Bischofskonferenz für die ganze Insel. Dasselbe gilt für das anglikanische Gegenbild. Die meisten Protestanten des Nordens, also die britische Volksgruppe, sind aber sowieso nicht anglikanisch; vielmehr sind sie eine Sammlung selbständiger presbyterianischer Gemeinden, Kirchen und Sekten.
Am anderen Ende des Seelenlebens wird es komplizierter. Die irische Rugby-Nationalmannschaft ist ungeteilt, doch die Fußball-Nation ist getrennt in zwei Ligen. Allerdings gehören die nördlichen Mannschaften von Derry und West-Belfast zur Nationalliga der Republik, denn sie sind allzu katholisch. Rugby ist mehr ein Sport der Mittelschicht, und der Fußball wird mehr in der Arbeiterklasse getreten. In dieser Ecke des Identitätsgefühls gibt es also weniger eine nationale Grenze, mehr eine Grenze der Klassen, und beide Linien sind durchaus nicht kongruent. Kurz, eine große Schandmauer zwischen Iren und Iren, die fallen könnte, gibt es gar nicht. Vielmehr steht jeder Nachbar mit einem Fuß auf dem Boden des anderen, und beide sind miteinander verstrickt wie ein irischer Laokoon. Es gibt sehr wohl viele kleine Mauern, aber die trennen und schützen katholische und protestantische Wohnviertel in Belfast. Das ist die offene irische Wunde, die mit einer Wiedervereinigung gar nicht geheilt werden könnte, sondern nur mit Re-Integration.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z.-Marcus Kaufhold