Nur eine von vielen bangen deutschen Fragen zum anstehenden Fußball-Event. Vielleicht gibt es ja ein ganz eigenes Fest - außerhalb der Stadien.
Am 7. April 2006 wurde die Welt zum Fußball. Jedenfalls in Deutschland, einem Land, in dem man früher zu sagen pflegte, Fußball sei die schönste Nebensache der Welt. Das ist lange her. Am 7. April 2006 also meldete die Tagesschau, die wichtigste deutsche Nachrichtensendung, als erste und wichtigste Meldung des Tages die Entscheidung darüber, wer vom 9. Juni an im Tor des deutschen Fußballteams stehen soll. Ihr Inhalt: Jürgen Klinsmann hat sich für Jens Lehmann entschieden. Es ist eine Nachricht, die außerhalb Deutschlands keinen Menschen interessiert. Das sagt der neben Klinsmann einzige andere deutsche WM-Trainer, Togos Coach Otto Pfister: Eine Entscheidung, die außerdem völlig unerheblich für den Verlauf der WM ist.

Die Torwartfrage als weltweit wichtigste Nachricht des Tages: So hatte sich die deutsche Weltsicht, schon zwei Monate vor dem ersten Anstoß, zunehmend auf eine Weltmeisterschaftssicht verengt. War da noch eine Steigerung möglich? Natürlich, kein Problem. Drei Tage später wurde die Pressekonferenz, in der der Ersatztorwart bekanntgab, daß er sich bei der WM auf die Bank setzen werde, live im deutschen Fernsehen übertragen. Dabei sagte Oliver Kahn: Es geht um etwas ganz Großes.
Etwas ganz Großes: Daß ihm das bevorstehe, wird dem durchschnittlichen Deutschen schon lange gesagt. Fußball-WM, freu dich drauf, die größte Show der Welt. Dabei hat die eigentliche Weltmeisterschaft schon längst begonnen: die WM, bei der es nicht um einen Pokal geht, sondern um ihn, den Kunden, den ganz normalen Deutschen - die Vermarktungs-Weltmeisterschaft, die Geldmeisterschaft. Längst läuft ein gnadenloser Werbe-Marathon, der jedem Handy, jedem Bausparvertrag, jedem Wurstaufschnitt etwas Weltmeisterliches verpaßt. Niemand, der Augen und Ohren hat, kann dem entkommen. Sogar der Chef des WM-Organisationskomitees wirbt persönlich für ein Weißbier.
Wer ein guter Deutscher ist, so die unterschwellige Botschaft der WM-Dauerwerbesendung, die das Land überzieht, der glaubt trotz der peinlichen 1:4-Niederlage in Italien an sein Land und sein Team. Denn man muß an einem Strang ziehen - und mitempfinden, was die Image-Werbung für den lang ersehnten deutschen Aufschwung verlangt: Du bist Deutschland.
Ein guter Deutscher, einer, für den die WM etwas Großes ist und WM-Werbung etwas Glaubhaftes, nimmt sich vom 9. Juni bis zum 9. Juli Urlaub, legt sich einen neuen Plasma-Fernsehschirm zu, hofft, daß die 385 Euro, die ihm die Fifa für die Aufnahme in die Ticket-Warteliste schon letztes Jahr abknöpfte, wenigstens irgendwann rückerstattet werden - und sucht die letzte Chance, doch noch dabeizusein. Er kauft also alle Zeitschriften, ruft alle Radiosender an, besucht alle Supermärkte, in denen ein Ticket-Gewinnspiel läuft (also praktisch alle). Wenn es dann doch nicht funktioniert mit dem Glück im Spiel, bleiben wenigstens die Videowände fürs Public Viewing in den Großstädten.
Früher war eine Fußball-Weltmeisterschaft eine Veranstaltung, zu der alle vier Jahre Fußballer kamen, um Fußball zu spielen, und Fußballfans dafür bezahlten, Fußball zu schauen. Heute muß eine Fußballweltmeisterschaft hingegen Bruttosozialprodukte steigern, Regierungen populär machen, Infrastrukturmaßnahmen befördern, Imagewerte hochtreiben, Umsätze explodieren lassen, Fanströme kanalisieren, Sicherheit gewährleisten; ja, sie soll, dank spontaner Steigerung von Geburtenraten in der Folge von Siegesnächten, auch noch demographische Probleme lösen und die Rentenkassen retten. Und bei alldem auch noch Spaß machen. Wie soll das gehen? Schon zeichnet sich, da die WM noch gar nicht angefangen hat, eine WM-Frühjahrsmüdigkeit ab. Dutzend-, ja hundertweise kommen Ausstellungen, Veranstaltungen, Bücher, Bettwäsche, Devotionalien, allerlei Produkte und Ideen, die sich rund um den Fußball vom großen WM-Zug im ICE-Tempo zum Kunden befördern lassen wollten, nicht recht in Fahrt. Fast kann man einen leisen, kollektiven Stoßseufzer erlauschen: Ach, wäre doch schon WM! Die Welt zu Gast bei Freunden? Ja, aber bei derzeit etwas gestreßten.
Früher war eine Fußball-WM etwas, auf das man sich freute. Heute ist sie etwas, das Sorgen macht. Jedenfalls den Deutschen. Nach den deprimierenden März-Wochen in Italien, wo das Nationalteam ebenso unterging wie Bayern München (gegen AC Milan), beschrieb die größte Boulevardzeitung des Landes, Bild, die neue Angst vor der WM. Weil man sich wichtig macht, wenn man diese kleinmütige Angst ernst nimmt, waren sich drei Politiker des Deutschen Bundestages nicht zu blöde, eine Vorladung von Bundestrainer Klinsmann vors Parlament zu verlangen.
Aus Vorfreude wurde Vorangst. Bange deutsche Fragen: Geht das gut mit Lehmann und Kahn? Was ist mit der Abwehr? Warum haben wir keine besseren Spieler? Darf ein Bundestrainer in Kalifornien wohnen? Und mit Jungmillionären Gummitwist üben? Warum muß der iranische Präsident ausgerechnet Fußballfan sein? Kommt der zur WM? Brauchen wir die Bundeswehr? Warum haben wir das peinlichste Maskottchen der WM-Geschichte? Warum trägt es keine Hose? Wo werden die bis zu 100 000 Engländer landen, die ohne Ticket kommen? Wo die Holländer? Und sind die Hooligans aus Polen wirklich so schlimm? 1974, bei der Wasserschlacht von Frankfurt, die Deutschland ins Finale brachte, waren die Polen doch noch ganz friedlich.
Und überhaupt: Wo ist nur die Leichtigkeit und Lockerheit von 1974 geblieben, als schon einmal WM in Deutschland war? Damals, mit schlecht singenden, aber gut spielenden deutschen Kickern; mit schwungvollen Fönfrisuren und peinlichen babyblauen Kunstfaser-Trainingsanzügen. Und, vor allem: Wo ist der Erfolg von damals? 1974 kommt nicht wieder: Der deutsche Fußball war erfolgreich, und die WM-Stadien waren halb leer, wenn nicht gerade Deutschland, Brasilien oder Italien spielte. Heute erzielen Karten für banale Vorrundenspiele bei Ebay vierstellige Summen. Jeder will hin. Die Welt, ein Event.
Das macht die Weltmeisterschaft 2006 zum Wagnis, wie jede Großveranstaltung in Zeiten des modernen Terrorismus und der grenzenlosen Reisefreiheit in Europa. Im Gegensatz zur letzten WM in Europa, 1998 in Frankreich, als ausländische Fans nur willkommen waren, wenn sie ein Ticket besaßen, sind diesmal alle freundlich eingeladen, nach Deutschland zu kommen, auch wenn sie vielleicht kein einziges Spiel im Stadion erleben können. Vieles spricht dafür, daß eine ganz eigene WM außerhalb der Stadien stattfinden wird. Vermutlich wird die Stimmung dort der beim eigentlichen Ereignis nicht viel nachstehen. Die Hoffnung lautet, daß sich im Europa der offenen Grenzen und der Billigflieger mehr und mehr eine neue Art Fußballzuschauer durchgesetzt hat: mobil, multikulturell, ein weltoffener und vor allem friedlicher Event-Fan.
Im Idealfall kann es sogar eine Verbrüderung zwischen deutschen und ausländischen Besuchern geben. Denn sie haben etwas, das sie verbindet: keine Tickets. Fast jeder deutsche Fußballfreund (und auch mancher, der sich gar nichts aus Fußball macht) hat sich um ein WM-Ticket bemüht. Fast jeder kennt einen, der eines bekam; oder hat zumindest von einem gehört. Fast keiner hat eines.
Die WM in den Städten, den Fußgängerzonen, den Gärten, nicht in den Stadien, das könnte der eigentliche Stimmungsfaktor, die eigentliche Überraschung und Neuigkeit der Weltmeisterschaft werden. Dort, wo man sich nicht mit dem knallharten Marketing-Regime der Fifa herumärgern muß und Bier mit Biergeschmack trinken kann. Dort, wo nicht, wie rund um den Spielball, alles perfekt geplant und organisiert ist, von der Sponsoren-Bewirtung bis hin zur Nationalen Service- und Freundlichkeitskampagne; sondern wo Stimmung und Gastfreundschaft noch ganz ungeplant funktionieren.
Wäre doch schon WM, seufzen die einen - wäre doch nie WM, die anderen. Und die vielen dazwischen finden, daß man die paar Wochen und die paar tausend Werbebotschaften bis zum Anpfiff auch noch übersteht. Deutschland, eine Nation im neunten Monat: ein Land wie eine Hochschwangere, in deren Denken und Handeln sich alles wahnhaft nur noch um das eine, um Schwangerschaft und Geburt, um Last und Leiden der werdenden Mutterschaft dreht. Am 9. Juni ist Geburtstermin. Wenn der Ball um 18 Uhr rollt, wird das wie der Säuglingsschrei nach langer, schwerer Tragezeit sein. Und wie das im wahren Leben auch so ist, wird dann all die überstandene Last vergessen sein. Nur das Baby wird wichtig sein und sein rundes, rosiges Glück.
Schatz, es ist ein Fußball.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb