Von Werner Adam
Zypern, Nettozahler und Vorposten der EU im östlichen Mittelmeer, zieht Touristen, Geldanleger und Kriegsflüchtlinge an. In den neunziger Jahren ließen neureiche Russen das Bauland knapp werden.
Acht Herren aus vier Ländern sitzen beim Abendessen in Limassol. Der Gastgeber, ein einheimischer Immobilienmakler, schwärmt von einer Villa mit Meerblick, die er für seine Familie habe bauen lassen und die in Kürze bezugsfertig sei. Wieviel? wird er von einem russischen Gast unterbrochen. Der Makler winkt ab. Nein, Wladimir, dieses Haus steht nun wirklich nicht zum Verkauf. Der Mann aus Moskau gibt nicht auf, selbst dann nicht, als ihm bedeutet wird, es handle sich um ein Zwei-Millionen-Dollar-Objekt. Ich zahle dir das Doppelte, bleibt der Russe hartnäckig, ohne die Villa und ihren Standort auch nur gesehen zu haben. Der Gastgeber starrt ihn verdutzt an, er wird schwach. Per Handschlag geht das, was eben noch unverkäuflich war, für vier Millionen Dollar in den Besitz des Moskowiters über.

Typisch war dieser Vorgang nicht, außergewöhnlich aber auch nicht. Damals, Anfang der neunziger Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, brachte es der Götterbote Hermes mit seiner Kunst des Handels und des nicht immer astreinen Geschäftsgebarens zu neuem Ruhm. In Heerscharen trafen sie auf Zypern ein: Russen in Aufbruchstimmung, auch solche zwielichtiger Couleur, die ungeniert Bündel von Dollar- und Pfundnoten zur Schau trugen und einer Kauflust frönten, die Fragen nach dem Preis gar nicht erst aufkommen ließ. Sie zahlten, was verlangt wurde, und so wurde reichlich viel verlangt. Das entsprach zwar nicht gediegenem levantinischem Geschäftsverständnis, doch wenn es die neureichen Russen so wollten: Na, bitte!
Was sich seinerzeit vor aller Augen abspielte, war allerdings nur ein Bruchteil dessen, was Zypern mit seinen Offshore-Fazilitäten zu einem Nutznießer des sich damals in Rußland ausbreitenden Raubkapitalismus mit nachfolgender Oligarchenherrschaft werden ließ. In kürzester Zeit etablierten sich im Südteil der Insel sieben russische Banken. Bis zu einer Milliarde Dollar monatlich, so schätzten Fachleute, sollen seinerzeit von Rußland nach Zypern geflossen sein und von dort später als Anlagekapital den Weg nach Westeuropa und in die Vereinigten Staaten gefunden haben. Aber auch auf der Insel selbst blieb manches hängen. Tatjana Djatschenko zum Beispiel, die Tochter des damaligen Kremlherrn Boris Jelzin, war eine von vielen Angehörigen des alten und neuen russischen Establishments, die dafür sorgten, daß Bauland in Zypern immer teurer und die Villen immer pompöser wurden.
Den ersten architektonischen und in mancher Hinsicht auch gesellschaftlichen Modernisierungsschub hatten die zu jener Zeit noch vornehmlich bäuerlich geprägten Zyperngriechen bereits kurz nach der Teilung der Insel und der Besetzung des Nordteils durch türkische Truppen erfahren. Während 1974 nicht weniger als 140 000 griechische Zyprer zu Flüchtlingen im eigenen Land und zu einer enormen wirtschaftlichen und finanziellen Belastung für den Süden der Insel wurden, setzte bald darauf ein weiterer Flüchtlingsstrom ein, von dem ebendieser Süden beträchtlich profitieren sollte: Es war der Bürgerkrieg im nahen Libanon, der dort zumeist Angehörige des christlichen Bevölkerungsteils Zuflucht in Zypern suchen ließ. Sie wurde ihnen nicht nur in Erwartung einer Belebung der eigenen Wirtschaft gewährt. Zypern zeichnete sich in nahöstlichen Krisenzeiten ebenso wie später in balkanischen durch eine Politik der offenen Tür aus. Allerdings war die Aufnahme der Libanesen zugleich ein lukratives Geschäft, schon weil sich das Absetzen nach Zypern nur die besser Betuchten unter ihnen leisten konnten. Es entstand ein Immobilienmarkt, der sich als Ausgangspunkt eines Baubooms sondergleichen erwies und der Infrastruktur der Insel umwälzend zugute kam. Dennoch erfreuten sich die Libanesen bei den Zyprern nicht uneingeschränkter Beliebtheit: Als Levantiner par excellence hatten sie den Einheimischen in Sachen Geschäftstüchtigkeit noch einiges voraus.
Auf den Abzug der Libanesen nach dem Ende des Bürgerkriegs folgte der Zuzug aus Rußland. Was bis dahin geblüht hatte, schoß nun regelrecht ins Kraut. Ob Finanzmakler oder Immobilienmakler: sie hatten alle Hände voll zu tun. Und da in Zypern der Anwaltsberuf einer der einträglichsten Erwerbszweige ist, hielt mit diesem Boom auch die auf Offshore spezialisierte Rechtsberatung der ausländischen Anleger sehr wohl Schritt. Zu den russischen Anlegern gesellten sich bald solche aus einem weiteren Zerfallsgebiet. Von zyprischer Anziehungskraft wurde nun auch Belgrad erfaßt. Slobodan Miloševiæ, der damalige serbische Herrscher, ließ einen nicht unbeträchtlichen Teil der ihm verbliebenen jugoslawischen Hinterlassenschaft an Staats- und Parteifinanzen auf der Götterinsel deponieren. Russen und Serben wiesen den Vorwurf der Geldwäsche damals selbstredend zurück. Statt dessen verstiegen sich einige von ihnen zynisch dazu, ihr Hingezogensein nach Zypern als neue Art orthodoxer Glaubensbrüderschaft auszugeben.
Doch welchen Nutzen die Zyperngriechen von dem, was in den neunziger Jahren bei ihnen deponiert und zu ihnen transferiert wurde, auch immer ziehen konnten und beflissen zogen: Die Beitrittsverhandlungen der Inselrepublik mit der Europäischen Union führten dazu, daß sich Nikosia strenger an das EU-Regelwerk zu halten begann. Zypern, inzwischen wieder mehr zu einem touristischen Anziehungspunkt nicht nur für Briten, Skandinavier, Israelis und Deutsche, sondern auch für normale russische und balkanische Urlauber geworden, bemühte sich mit Erfolg darum, zu einem der Musterschüler unter jenen zehn Ländern zu werden, die dann vor zwei Jahren in die Europäische Union aufgenommen wurden. Es trat der EU als Nettozahler bei, hat einen bedeutend höheren Lebensstandard als das von vielen Zyperngriechen nach wie vor als Mutterland empfundene Griechenland und bereitet sich heute auf die Einführung des Euro vor. Als nahöstlicher Vorposten der EU wird sich Zypern schon wegen seiner geographischen Lage aber auch in Zukunft kaum dagegen wehren können, von seinen Nachbarn in Krisenzeiten als Refugium mit levantinischen Entfaltungsmöglichkeiten betrachtet zu werden.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: AP, F.A.Z.