Ein Hauch von Nostalgie

Von Reinhard Veser

Wie die Litauer mit den Skulpturen aus Nationalgeschichte und Sowjetzeit umgehen.

Die Verkäuferin im Laden von Perloja ist überrascht, gar ein wenig verlegen, als sie nach dem Denkmal auf dem Dorfplatz gefragt wird. „Die Leute haben es verteidigt. Hier waren sie immer große Patrioten“, sagt sie. „Aber Genaues weiß ich nicht, ich bin nicht von hier.“ Eine Kundin rät, sich an Juozas Ciunys zu wenden. Wenn Ciunys aus seinem Hof auf der anderen Seite des Platzes tritt, schaut er der auf einer Säule stehenden, überlebensgroßen Skulptur des Großfürsten Vytautas in den Rücken, wegen der Perloja in ganz Litauen bekannt ist. Als sie 1930 zum 500. Todestag des Herrschers aufgestellt wurde, unter dem das Großfürstentum Litauen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte, war sie fast Massenware - im ganzen Land wurden unzählige Denkmäler errichtet, die fast identisch waren.

Der Vytautas in Perloja hat als einziger im Land die Sowjetzeit überstanden, doch Juozas Ciunys glaubt nicht, daß das am Patriotismus der Leute in dem 600-Einwohner-Dorf im Süden Litauens lag. „In seinem Inneren sind drei kräftige Eisenbahnschienen“, sagt er. „Sie hatten einfach nicht das Gerät, um ihn herunterzuziehen.“ Außerdem: „Wer hätte ihn denn verteidigen sollen? Alle, die dazu bereit gewesen wären, waren doch schon tot oder in Sibirien.“ Auch Ciunys war damals im Lager. Mit 17 hatte er sich 1944 den Partisanen angeschlossen, drei Jahre später wurde er verhaftet. Wie überall in Litauen gingen auch in Perloja damals viele Männer in den Wald - manche, weil sie sich der Mobilisierung in die sowjetische Armee entziehen wollten, andere, weil sie das Land den Sowjets nicht noch einmal wie im Sommer 1940 kampflos überlassen wollten. Vergeblich hofften sie, daß Amerikaner und Briten sich nach Hitler auch Stalin vornehmen würden - bis dahin wollten sie durchhalten und den Okkupanten das Leben so schwer wie möglich machen. „Natürlich sind hier alle stolz auf das Vytautas-Denkmal“, sagt Ciunys. In sowjetischen Zeiten war es eine große Attraktion und zog viele Ausflügler aus Vilnius an, auch wenn es als Ziel nicht genannt werden durfte. Ihre Busse hielten nicht, sondern drehten eine oder zwei Runden um den Dorfplatz, bevor es weiterging - in den Kurort Druskininkai oder an einen See. Eine Nachbarin von Ciunys, die Kommunistin war, hatte vom KGB den Auftrag bekommen zu melden, wer Blumen am Denkmal niederlegt. Ein anderer Kommunist aus Perloja setzte sich für das Denkmal ein. „Er hat dem Vorsitzenden des Rayon-Komitees gesagt: Es ist doch eine Schande - die Leute kommen aus Vilnius extra hierher, und unser Vytautas zerfällt“, berichtet Ciunys. Irgendwann in den siebziger Jahren wurde das Vytautas-Denkmal zum schutzwürdigen Kulturgut erklärt und renoviert.

Heute verläßt nur noch selten jemand die Hauptstraße von Vilnius nach Druskininkai, um das Vytautas-Denkmal in Perloja zu sehen. Eine halbe Autostunde weiter südlich in Grutas ziehen seit fünf Jahren andere Skulpturen Massen von Besuchern an - mehr als 100 000 waren es vergangenes Jahr. Der Geschäftsmann Viliumas Malinauskas hat dort in einem sumpfigen Waldgebiet viele der sowjetischen Denkmäler wieder aufgestellt, die gleich nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit Anfang der neunziger Jahre gestürzt wurden. „Ob wir wollen oder nicht, das ist ein Teil unserer Geschichte, den wir nicht vergessen dürfen“, sagt er. Das Vorhaben war in der litauischen Öffentlichkeit heftig umstritten. Malinauskas wurde vorgeworfen, er schaffe dort eine Pilgerstätte für Ewiggestrige, verhöhne die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft und wolle damit auch noch Geld verdienen.

Er gibt diesen Vorwurf zurück: Den größten Krach hätten Leute geschlagen, die gehofft hätten, mittels der alten Denkmäler Geld aus dem Staatshaushalt in ihre eigenen Taschen umzuleiten. Darüber, daß etwas mit den in Fabrikhöfen und öffentlichen Gebäuden gelagerten Skulpturen geschehen müsse, hatte zuvor nämlich Einigkeit bestanden - schon deswegen, weil sie den litauischen Staat jedes Jahr umgerechnet 200 000 Euro kosteten. Daß er mit seinen Plänen eine Ausschreibung des Kulturministeriums gewann, führt Malinauskas vor allem darauf zurück, daß sein Vorschlag der einzige war, der ganz aus privaten Mitteln finanziert werden sollte.

Er habe damit gerechnet, daß es solche Reaktionen geben werde, sagt Malinauskas. Doch wenn er über die Kritiker spricht, wirkt der kräftige Mann noch immer ziemlich dünnhäutig, obwohl sich die Diskussionen schon bald nach der Eröffnung des Skulpturenparks im April 2001 gelegt haben. Der Vorwurf, er wolle die Opfer des Kommunismus verhöhnen, scheint ihn getroffen zu haben: Sein Vater verbrachte zehn Jahren in sibirischen Lagern, kam als gebrochener Mann zurück und starb früh.
Am Eingang zum Skulpturenpark steht einer jener Viehwaggons, mit denen in den vierziger Jahren Hunderttausende Litauer nach Sibirien verschleppt wurden; ein Teil des Parks, dessen sumpfiger Birkenwald auch in Sibirien liegen könnte, ist mit einem Stacheldrahtzaun und Wachtürmen umgeben, die den Anlagen des sowjetischen GULag nachgebaut sind, und die Ausstellungen in den beiden Dokumentationszentren sind vom Zentrum zur Erforschung des Genozids gestaltet worden. Den Vorwurf der Verharmlosung kann man Malinauskas nicht machen.

Dennoch weht ein Hauch von Nostalgie durch den Park. „Als ich die Büste von Vytautas Putna gesehen habe, hat es 'oh‘ gemacht“, sagt Marius Ivaškevièius, ein junger Schriftsteller, der in seinen Theaterstücken und Romanen historische Themen aufgreift. Putna, ein historisch unbedeutender Kommunist, hatte im Zentrum von Ivaškevièius' Heimatstadt Moletai ein Denkmal bekommen, weil in Sowjetlitauen jedes Städtchen seinen eigenen Helden haben sollte. „Das hat nichts mit Politik zu tun, er war einfach ein Detail meiner Kindheit.“ Der Park spielt bis in die Details mit dieser Art von Erinnerung: Litauische Besucher, die in den sechziger und siebziger Jahren Kinder waren, bekommen glänzende Augen, wenn sie entdecken, daß neben dem Restaurant des Parks ein Limonadeautomat aus jener Zeit aufgestellt wurde.

Auf der Wiese vor der Kirche von Perloja steht ein unscheinbares graues Denkmal, das wie der Park in Grutas reine Privatinitiative ist: zwei mannshohe Betonstelen, ein Kreuz und vier Granittafeln mit 48 Namen und 48 Lebensdaten. Die meisten derer, an die hier erinnert wird, hatten die Dreißig noch nicht erreicht, als sie Ende der vierziger Jahre „für Perloja und ganz Litauen“ fielen, wie auf einer weiteren Tafel verkündet wird. Juozas Ciunys, der als einziger ehemaliger Partisan noch in Perloja lebt, hat die Errichtung dieses Denkmals für die getöteten Partisanen aus dem Dorf betrieben. „Eigentlich wollten wir es 1994, zum fünfzigjährigen Jubiläum der Partisanenbewegung, aufstellen, aber wir haben es nicht geschafft“, sagt er. „Wir hatten noch nicht genug Geld und mußten erst ein Bauunternehmen finden, das uns unterstützt hat.“

Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.

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