Die Angst lodert auf

Von Leo Wieland

Die verheerenden Waldbrände in Portugal sind ein Symbol für die politische Krise des Landes.

Nun grünt es wieder unter der Asche. In den Bergen um Pampilhosa da Serra, südöstlich von Coimbra, bricht der Frühling die verkohlte Mondlandschaft auf. Verbrannte schwarze und erstickte goldene Baumgerippe ragen in den Himmel. Dazwischen erobert sich die Natur ein Stück Lieblichkeit zurück. Hier, wo im vergangenen Jahr Feuerwehrleute aus halb Europa halfen, die verheerenden Waldbrände zu löschen, sehen die Hänge aber immer noch wie Briketthalden aus. Sogar das Ortsschild ist angekokelt. Die Bewohner fragen sich, ob ihnen in diesem Sommer noch mehr Dürre, mehr Feuer und mehr Malaise drohen.

Opfer der Spekulanten: Feuerwehrmann in Abrantes
Opfer der Spekulanten: Feuerwehrmann in Abrantes

Die Angst herrscht in ganz Portugal. Denn die Waldbrände haben in drei aufeinanderfolgenden Jahren mit fataler Symbolik die zähe wirtschaftliche, politische und psychologische Krise des Landes begleitet. Drei verschiedene Regierungen haben in dieser Zeit den Naturschutz zur „Priorität“ erklärt und allerlei Gesetze verabschiedet. Aber wirklich Nachhaltiges ist nicht geschehen. Wenn es also heiß wird und die Brände beginnen, dürften die Portugiesen wieder in hilfloser Wut dastehen und die EU um Nothilfe mit Hubschraubern und Löschflugzeugen bitten.

Warum brennt es in Portugal siebenmal so häufig wie in Spanien und Italien und zwanzigmal häufiger als in Frankreich? Warum werden in Portugal im Jahresdurchschnitt 25 000 Brände gezählt? Warum konnte das Feuer im Jahr 2003, das übelste des neuen Jahrtausends, mehr als 400 000 Hektar, also rund fünf Prozent des gesamten Territoriums, verwüsten? Warum hat das Land, das, aus der Luft betrachtet, schon ein löchriger Fleckenteppich mit dunklen Stellen geworden ist, auch im Jahr 2005 ein Stück halb so groß wie Mallorca verloren? Eine Antwort, die man auch im benachbarten Spanien kennt, lautet: Brandstiftung. In diese Kategorie fallen alle Formen der Nachlässigkeit, der Fahrlässigkeit und der bösen Absicht. Viel häufiger als Blitze und Glasscherben im trockenen Gras entzünden die Zigaretten der Autofahrer, die Krautfeuer der Bauern, die bezahlten Gauner der Bauspekulanten, die verfeindeten Nachbarn und manchmal sogar die nur bei Einsätzen entlohnten Feuerwehrleute die Wälder. Deshalb verlangen die Umweltschutzorganisationen, die „ein Defizit an Umweltbewußtsein und Gemeinsinn“ bei einem Teil der Bevölkerung feststellen, schärfere Sanktionen. Ein Vorschlag, der in Spanien teils funktioniert: Auf mutwillig verbrannter Erde sollte für dreißig Jahre das Bauen verboten werden.

In Portugal hat die Waldbrandplage aber noch andere Ursachen. Fast neunzig Prozent der Wälder sind in Privatbesitz. Dabei geht es nicht nur um Großgrundbesitzer; fast eine halbe Million Kleingrundbesitzer hat irgendwo Parzellen von der Größe zweier Fußballfelder. Weder haben sie den Willen noch die Mittel, diese Kleinflächen instand zu halten.

Das liegt an der Landflucht, die in den erfolgreichen Jahrzehnten der Europäisierung, des Wachstums und der Modernisierung Schwächen abseits der großen Zentren mit sich bringt. Mit dem Geldsegen aus Brüssel kamen die Mittel für eine beneidenswerte neue Infrastruktur. Autobahnen und Flughäfen, Brücken und Schnellbahnen, dazu Prestigeobjekte wie eine Weltausstellung ließen Portugal als aufstrebendes Mitglied im europäischen Klub glänzen. Die nötigen Strukturreformen hielten damit nicht Schritt: Die Abwanderung aus den Dörfern an die Küsten wurde nicht eingedämmt, der bürokratische Wasserkopf der Staatsverwaltung nicht verkleinert - und weiterhin herrscht eben auch keine Ordnung im privaten Waldchaos. Nun müssen die Zurückgebliebenen büßen. Der gefährlichen Gleichgültigkeit an der Basis entspricht das hilflose Händeringen der Politiker.

Doch das Problembewußtsein und die Scham über die selbstverschuldeten Brände sind gewachsen. Das zeigen die Debatten in den Parlamenten, Rathäusern und Medien sowie die Warnschilder am Straßenrand. Aber die Schäden der letzten Jahre demonstrieren nicht nur, daß 7000 professionelle und knapp 40 000 freiwillige Feuerwehrleute mit dürftiger Ausrüstung und nahezu ohne eigene Hilfe aus der Luft nicht ausreichen. Sie legen auch die Fehler einer hundertjährigen Forstwirtschaftspolitik bloß, bei der heimische Eichenwälder Monokulturen von schnell wachsenden und damit rentableren Kiefern und Eukalyptusbäumen weichen mußten. Seit sie im Zug der Verstädterung nicht mehr genutzt und gesäubert werden, sind sie Zunder. Die Lusitanier werden noch viel Kraft gegen die drohende Steinzeit aufbrigen müssen.

Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb

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