Rumäniens junge Intellektuelle meinen, der Kapitalismus in ihrem Land sei dazu berufen, orthodox zu werden.
Die kleine, im 18. Jahrhundert errichtete Kirche Stavropoleos gehört zu den wenigen Juwelen der orthodoxen Sakralarchitektur Bukarests, die der modernistischen Zerstörungswut Ceausescus entgangen sind. Ein kleines Museum im benachbarten Kloster beherbergt, was aus den anderen Kirchenbauten gerade noch gerettet werden konnte. Im sogenannten Leipziger Viertel der Altstadt, unweit der Nationalbank, der Börse und des Nationalmuseums, gehört die Biserica Stavropoleos zu den Attraktionen, die sich kaum ein Besucher der rumänischen Hauptstadt entgehen läßt. Er wird sie, wie die meisten anderen orthodoxen Kirchen des Landes, tagsüber fast immer offen finden - und selten leer.
Vikar Iustin Marchis, der die Pfarrei 1991 neu gegründet hat, ist weit über den Kreis seiner Gemeinde hinaus bekannt. Er tritt in Talk-Shows auf, publiziert in den Tageszeitungen und gibt Interviews. In der rumänischen orthodoxen Kirche, in der es Ökumenisten und Traditionalisten gibt, Befürworter und Gegner der Öffnung zur Moderne, die nicht selten mit der EU identifiziert wird, gilt Marchis als einer, der mitten im Leben steht: der richtige Mann, um das Vorurteil zu entkräften, die Orthodoxie entziehe sich der irdischen Schwere, um sich allein der Anschauung des Göttlichen zu widmen. Immer wieder höre ich die Frage, wie die EU Rumänien materiell verändern wird, lächelt der Vikar, dabei ist es doch mindestens so interessant, wie Rumänien spirituell die EU verändern könnte.
Wenn Taxifahrer in Bukarest an einer Kirche vorbeifahren, machen sie ein Kreuzzeichen; Passanten treten ein zu einem kurzen Gebet oder zünden Kerzen an für die Seelen der Lebenden und der Toten. Aber die Orthodoxie lebt nicht nur von der Volksreligiosität und dem Trostbedürfnis der Armen und Schwachen. Quer durch die sozialen Schichten werden Kirchen als spirituelle Kraftzentren benutzt, um den Alltagsstress einer Gesellschaft auszugleichen, die sich rasch, grundlegend und oft unter Schmeren wandelt.
In der Pfarrei Stavropoleos serviert eine freundliche junge Nonne schwarzen Tee und bittersüßen Mandelkuchen. 600 Klöster gebe es, wiedereröffnete und neu errichtete, an die 8000 junge Nonnen und Mönche seien neu eingetreten, sagt der Vikar. Rumänien sei ein religiöses Land, Neuheidentum und Kirchenflucht kenne man hier nicht. Die drei Millionen Rumänen, die in Spanien und Italien, Frankreich und Deutschland arbeiteten, brächten ihre Religion in ihre neuen Lebenswelten mit. Säkularisierung als notwendige Begleiterscheinung der Modernisierung? Nein, sagt der Vikar, bei den Rumänen sei das nicht der Fall.
Das Problem, vor dem die rumänische Orthodoxie stehe, bestehe eher darin, daß ihre Strukturen vom Ansturm überfordert seien, ihn aber dennoch geistig und organisatorisch bewältigen müßten. Die Kirche leide unter einem Führungs- und Erziehungsproblem, da gebe es manchmal leider auch Wildwuchs. Marchis erinnert an den tragischen Tod einer 23 Jahre alten, psychisch labilen Nonne, die im Sommer vergangenen Jahres in einem neugegründeten Kloster im Osten Rumäniens einem Exorzismus unterzogen worden war. Der ehrgeizige junge Abt, meint Marchis, habe an ihr wohl ein Wunder wirken wollen. Weit wichtiger als die Quantität des Neuzugangs im Klerus und in den Klöstern sei eben die Qualität. Die orthodoxe Kirche sei gerade bei Studenten und Intellektuellen hoch im Kurs. Schriftsteller, Philosophen, Künstler wendeten sich von der Religion nicht ab, sondern schöpften Kraft aus ihr. Andererseits gäben sie ihr einen willkommenen Anstoß zu Erneuerung und Öffnung, dem sich die Kirche nicht widersetzen dürfe.
Die rumänische Orthodoxie ist in beiden Welten verankert, religiös in der byzantinischen, sprachlich und kulturell in der lateinischen. Auch in ihr gibt es fundamentalistische neoorthodoxe Tendenzen, aber sie hat weniger interkonfessionelle Berührungsängste als andere autokephale Kirchen des Ostens. Für 2007 bereitet sie in Hermannstadt (Sibiu) als Gastgeberin die dritte Europäische Ökumenische Versammlung vor, an der Katholiken, Orthodoxe und Protestanten teilnehmen. Noch immer leidet die orthodoxe Kirche unter den Folgen der kommunistischen Ära, als sie einerseits verfolgt, andererseits instrumentalisiert wurde und insbesondere die Führung mit dem Regime kollaboriert hatte. Es ist nicht in Vergessenheit geraten, daß Patriarch Teoctist I. noch während der Dezember-Revolution 1989 ein Glückwunschschreiben an Ceausescu richtete und ihm für das goldene Zeitalter dankte, das er den Rumänen geschenkt habe.
Die für alle orthodoxen Kirchen charakteristische enge Bindung an den Staat wird in Rumänien indes immer mehr in Frage gestellt. Dan Cristian Comanescu, ein brillanter junger Intellektueller, beruft sich dabei auf den russischen Exil-theologen Archimandrit Sophrony Sacharow: Der Mensch, der Gott verlassen hat, macht sich seine eigenen Feinde, an erster Stelle den Staat. Je mehr sich der Staatsapparat organisiert und stärkt, desto rascher und bitterer verläuft der Prozeß der Entpersonalisierung des Menschen. Der Nationalökonom Marius Spiridon, ein tiefgläubiger orthodoxer Christ und zugleich ein überzeugter Liberaler, weist Begriffskombinationen wie Staatskirche und christlicher Staat zurück. Die Trennung von Kirche und Staat bedeute nichts anders, als anzuerkennen, daß Liebe und Schönheit nicht das Ergebnis legislativer Tätigkeit oder staatlicher Subventionen sein können.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.