Von Thessaloniki nach Istanbul: Eine Zugreise führt mitten hinein in ein unbekanntes Kapitel griechisch-türkischer Konfliktgeschichte.
Jeden Abend um vier Minuten nach acht verläßt die Freundschaft den Bahnhof von Thessaloniki. Sie schaukelt zunächst durch die Industrievororte dieser weltberühmten unbekannten Stadt, der man ihr wahrhaft biblisches Alter und ihre Vergangenheit als Handelshafen der Osmanen kaum noch ansieht. Dann führt die Reise der Freundschaft nordwärts durch die griechische Provinz Makedonien bis an die Grenze zu Mazedonien. Von dort verläuft die Strecke eine Weile in östlicher Richtung parallel zur Grenze Bulgariens, danach durch die historische Landschaft Thrakien.

Die Freundschaft ist - in griechischer und türkischer Sprache - ein kurzer Zug mit fünf Waggons, der seit Juli 2005 täglich zwischen der nordgriechischen Metropole und Istanbul verkehrt. Manche wollen den Freundschafts-Expreß durch den europäischen Orient, die erste direkte Schienenverbindung zwischen beiden Städten seit Jahrzehnten, als Beleg für die Aussöhnung zwischen den ehemals verfeindeten und heute durch eine fragile Interessengemeinschaft ihrer Regierungen verbundenen Nato-Staaten sehen: Der Zug bringe Griechen und Türken einander näher, verkündete der Athener Minister Liapis bei der Einweihung der Verbindung zuversichtlich.
Doch vorerst ist es wie in der Politik auch auf den Gleisen eine sehr langsame Annäherung: Für die etwa 840 Kilometer lange Strecke werde der Zug nur noch etwa zwölf statt wie bisher 15 Stunden benötigen, hieß es vor der ersten Fahrt. Bisher jedoch können die Passagiere froh sein, wenn der Zug nach einer langsamen Fahrt über veraltete Gleise am nächsten Vormittag gegen elf Uhr sein Ziel erreicht hat. Immerhin müssen sie nicht mehr an der Station Pythion unweit des Grenzflusses Evros stundenlang auf eine Lokomotive der jeweils anderen Eisenbahngesellschaft warten. In diesem kleinen Ort an der Grenze zur europäischen Türkei, am Rande von Schengen-Europa und der EU, steigen heutzutage nur noch griechische Grenzbeamte und Zollkontrolleure zu, während die Waggonbegleiter den Aufenthalt vor dem hölzernen Bahnhofsgebäude zu einer Zigarettenpause nutzen.
Die Zöllner mustern kurz die Passagiere, doch deren Koffer scheinen sie nicht zu interessieren. Die meisten reisen ohnehin nur mit leichtem Gepäck, es sind keine Händler im Zug, und Schmuggler bevorzugen andere Routen. Für die Passagiere dieses Zuges scheint Neugier der Reisegrund, nicht Notwendigkeit. Eine Gruppe junger Griechen war noch nie in Istanbul: Ob man dort auch in Euro bezahlen könne? Als der Zug langsam weiterfährt, nimmt ihnen ein türkischer Teeverkäufer im Waggon die Sorge ab. Turkish Lira good, Euro good, sagt er in gebrochenem Englisch, der Lingua franca des Zuges. Sein echter türkischer Tee findet guten Absatz, die Reisenden bestellen ihn als einen Vorgeschmack auf Istanbul, Konstantinopel, Byzanz. Er ist von Lipton und wird in Plastikbechern serviert.
In gewisser Weise paßt das Tempo der Züge zu einem Teil Europas, in dem man seit jeher das Leben eher gemächlich angeht. Zumal deshalb, weil der Freundschaftsexpreß mitten durch einen Teil Griechenlands fährt, in dem Griechen und Türken einander bis heute eher abwartend gegenüberstehen. Denn die Fahrt durch Thrakien führt den Zug der Freundschaft auch mitten in ein andauerndes und wenig bekanntes Kapitel der langen griechisch-türkischen Konfliktgeschichte: In den drei westthrakischen Präfekturen Xanthi, Rhodopi und Evros lebt bis heute eine starke muslimische Minderheit. Zwar hat sich deren Lage in den vergangenen Jahren verbessert, doch ist die über Jahrzehnte betriebene Politik einer stillen Diskriminierung dieser aus türkischen und slawischsprachigen Pomaken gebildeten muslimischen Bevölkerung West-Thrakiens kein Ruhmesblatt für das Ursprungsland der Demokratie.
Die etwa 120 000 Muslime Thrakiens wurden im Alltagsleben lange Zeit systematisch benachteiligt, ihnen wurden Baugenehmigungen oder Führerscheine verweigert, mehr als 45 000 Angehörigen der Minderheit erkannte der griechische Staat mit fadenscheinigen Begründungen und auf undemokratische Weise sogar die Staatsbürgerschaft ab. Diese Politik endete übrigens keineswegs mit dem EU-Beitritt Griechenlands 1981. Erst in den neunziger Jahren rückte Athen schrittweise von der zuvor parteiübergreifend geduldeten Unrechtspolitik ab.
Tief in der Nacht fährt der Freundschaftsexpreß durch das Städtchen Komotini, den Hauptort des griechisch-türkischen Ringens in West-Thrakien. Aus den Zugfenstern ist nicht viel zu sehen, doch wer tagsüber in diesen Ort kommt, in die inoffizielle Hauptstadt der Türken Griechenlands, wird den unverkennbar muslimischen Charakter der Region rasch bemerken. In einigen Stadtteilen ist nichts zu sehen vom weißblauen Grundton Griechenlands - Moscheen, kleine Kramläden oder Teestuben bestimmen das Bild. Auch die verschleierten Frauen scheinen eher in ein Dorf in der Türkei zu gehören als in die Provinz von Hellas.
Doch auch wenn es nicht zum (Selbst-)Bild im heutigen Griechenland gehört - Muslime gibt es hier schon seit Jahrhunderten. Die Türken sind seit 1360 hier. Es gab aber in Thrakien schon in vorosmanischer Zeit Moscheen, berichtet Ibrahim ªerif, der Mufti von Komotini - der gewählte Mufti von Komotini, wie er betont, denn es gibt noch einen zweiten Mufti in der Stadt, den die griechische Regierung eingesetzt hat. Die muslimische Minderheit akzeptiert aber nur Ibrahim ªerif und beruft sich dabei auf internationale Verträge, die den vom Bevölkerungsaustausch 1923 ausgenommenen Istanbuler Griechen und den Muslimen im griechischen Teil Thrakiens das Recht zugestehen, ihre religiösen und kulturellen Belange selbst zu regeln. Dieses Recht habe Athen immer wieder verletzt, sagt der gewählte Mufti von Komotini. Unsere Schulen und Vereine dürfen nicht einmal das Wort ,türkisch‘ im Namen führen.
Er zeigt den Gästen den Eingang des Klubs der türkischen Jugend von Komotini, in dessen Garten er zum Tee gebeten hat. Tatsächlich sind dort nur kahle Flecken zu sehen, wo früher einmal die Schilder des Klubs hingen. Sie wurden vor Jahren von der griechischen Polizei entfernt, weil das Wort türkisch darin vorkam und es laut der offiziellen Lesart Athens keine Türken in Griechenland gibt, nur griechische Muslime. Mufti ªerif nennt das Verweigerung der ethnischen Identität. Dabei seien die Türken der Region, die allein in Komotini in etwa 120 Dörfern lebten, als fleißige, meist arme Tabak- und Baumwollbauern loyale griechische Staatsbürger: Ich bin ethnisch ein Türke, der Religion nach ein Muslim und ein Staatsbürger Griechenlands, sagt der Mufti und fügt hinzu, daß seiner Reihenfolge keine Bedeutung beizumessen sei.
Die meisten Fremden, die im Expreßzug von Istanbul nach Thessaloniki oder von dort nach Istanbul reisen, gehören nicht zu einer Minderheit und können das nicht wissen. Sie sehen nur die liebliche Landschaft Thrakiens, wenn sie aus den Fenstern des Freundschafts-Zugs von Thessaloniki nach Istanbul blicken. Oder den staubgrauen Gürtel aus Industriebauten, Fabriken und Schrottplätzen, der sich um Istanbul gelegt hat wie um jede andere Großstadt. Als der Zug später an den eindrucksvollen Resten der alten byzantinischen Stadtmauer vorbeifährt, drängeln sich die jungen Griechen an den Fenstern. Der Schaffner geht den Gang entlang und ruft Istanbul, Istanbul, als sei eine Verwechslung zu befürchten.
Am Bahnhof Sirkeci von Istanbul schließlich warten zwei Kofferträger auf Kunden. Es sind alte Männer, penibel in abgeschabte Anzüge gekleidet. Sie passen perfekt zur vorgestrig-prächtigen Kulisse dieses Bahnhofs, der einst Endstation des Orient-Expresses war. Doch niemand vertraut ihnen Gepäck an. Seit die ganze Welt mit Rollkoffern verreist, sind ihre Dienste nicht mehr gefragt, und so gehen sie auch an diesem Tage leer aus. Die beiden sind das offenbar gewöhnt. Als hätten sie es nicht anders erwartet, trotten die kofferlosen Kofferträger leise plaudernd zurück zum Bahnhofsgebäude. Sie scheinen eher aus Gewohnheit vor den Zügen zu stehen. Womöglich wären sie sogar überrascht, wenn ihnen tatsächlich jemand seine Koffer aushändigte. Vieles geht langsam vor sich in dieser Weltgegend, doch über einige Berufe ist auch hier die Zeit hinweggegangen.

Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z.-Frank Röth