Erstes Estland, zweites Estland

Von Reinhard Veser

Der baltische Staat hat die wirtschaftliche Modernisierung von Anfang an konsequent vorangetrieben. Aber die Kluft zwischen Stadt und Land ist geblieben.

„Eines ist sicher: Wir kennen das Einmaleins besser als die Zehn Gebote“, sagt Peeter Tulviste. Der estnische Parlamentsabgeordnete und Präsidentschaftskandidat der konservativen Partei Isamaa redet seinen Landsleuten gerne ins Gewissen, sie sollten im Streben nach Wohlstand nicht vergessen, daß es nicht der wirtschaftliche Erfolg ist, der eine Gesellschaft zusammenhält.
Estland hat sich das Image, der fortschrittlichste aller Transformationsstaaten im Osten Europas zu sein, hart erarbeitet. Eine Regierungsmannschaft, deren Durchschnittsalter bei etwa 30 Jahren lag, hat Anfang der neunziger Jahre den Wandel von der Plan- zur Marktwirtschaft so schnell vorangetrieben wie in keinem anderen Land. Und Estland hat den Kurs gehalten - auch das unterscheidet es von anderen ehemals sozialistischen Staaten, in denen auf eine Regierung radikaler Reformen stets eine folgte, die das Tempo drosselte und mehr Aufmerksamkeit für soziale Belange versprach.

Die estnischen Steuern gehören zu den niedrigsten Europas, der Staatshaushalt ist ausgeglichen, und in der Hauptstadt Tallinn herrscht Arbeitskräftemangel. Bauunternehmen müssen Aufträge ablehnen, weil ihnen die Leute fehlen. Die 1,4 Millionen Einwohner Estlands kaufen mehr Neuwagen als die sechs Millionen Einwohner der beiden anderen baltischen Staaten zusammen, die Zahl der Mobiltelefone übersteigt die der Einwohner, der Anteil der Internetnutzer an der Bevölkerung ist einer der höchsten in Europa.

Der schnelle Wandel hat seinen Preis gefordert - sozial und mental. Verläßt man den Großraum Tallinn und biegt ab von den Hauptstraßen, kommt man in ein anderes Land. An unbefestigten Straßen stehen in Abständen von mehreren Kilometern einsame Holzhäuser, deren Bewohner ihr Wasser aus dem Brunnen auf dem Hof schöpfen. In kleinen Siedlungen stehen dreistöckige Plattenbauten aus sowjetischer Zeit, deren renovierungsbedürftige Tristesse angesichts der ärmlichen, aber ordentlichen Holzhäuser im traditionellen Stil nebenan noch bedrückender wirkt als in den Städten. In einigem Abstand stehen die zerfallenden Ställe einstiger Kollektivwirtschaften. Das ist das „zweite Estland“, das, sagt der Schriftsteller Mati Sirkel, vom „ersten Estland“ der Wirtschaftsreform und der Informationstechnologie unterschieden werde.
Jene, die bei dem schnellen Wandel der vergangenen 15 Jahre nicht mitgekommen sind, leben vor allem auf dem Land. Alkoholismus und eine Folge der sowjetischen Wirtschaft, die Sirkel als „angelernte Hilflosigkeit“ bezeichnet, prägen das Leben. Doch das Bild ist nicht eindeutig. Was ist nur die Ruhe des dünnbesiedelten Landes, das in einem anderen Rhythmus lebt als die Hauptstadt Tallinn, und was ist wirtschaftliche Rückständigkeit? Hier und da verbreiten frisch in kräftigem Ocker gestrichene hölzerne Wohnhäuser, große Wirtschaftsgebäude, neue Traktoren und Autos in den Höfen den Eindruck bäuerlichen Wohlstands. Die Krise der Dörfer sei nicht nur eine soziale Krise, sondern eine Mentalitätskrise des ganzen Landes, das im Selbstbild seit dem Aufkommen der Nationalbewegung im 19. Jahrhundert ein Bauernland war, sagt der Abgeordnete Tulviste: „Lange war die Vorstellung eines Esten von einem richtigen Heim ein einzeln stehender Bauernhof inmitten der eigenen Felder.“

Davon nehmen die Esten Abschied - doch was tritt an die Stelle der alten Vorstellungen? Schriftsteller Sirkel sieht die Existenz von Estland als Nation in Gefahr: Der Druck durch die englisch-amerikanische Kultur sei gefährlicher als einst die Sowjetideologie, „deren Dummheit man ohne große Anstrengung durchschauen konnte“. Damals, so Sirkel, war die Rückbesinnung auf die eigene Kultur „ein Instrument des Überlebens“. Heute lernen estnische Kinder auch in den kleinsten Dörfern, mit dem Internet umzugehen, denn alle Schulen sind angeschlossen, „aber am Sprachunterricht fehlt es, dabei ist das doch die Grundlage der Nation“.

Das erste und das zweite Estland unterschieden sich nicht dadurch, daß das eine Veränderungen vorantreibe und das andere sie fürchte, sagt Linnar Viik. Allen Esten sei gemeinsam, daß sie offen für Veränderungen seien - nur habe das zweite Estland irgendwann in den ersten zehn Jahren der Unabhängigkeit den Anschluß verloren. Der 41 Jahre alte Viik ist so etwas wie ein Prophet des elektronisch vernetzten ersten Estlands. Mehr als zehn Jahre hat er verschiedene estnische Regierungen beraten. Er war an vielen Projekten beteiligt, mit denen Estland dem übrigen Europa vorausgeeilt ist, etwa an der Einführung des elektronischen Personalausweises. Viik ist überzeugt, daß mit Hilfe des Internets auch das Land wieder den Anschluß an die Stadt finden kann. Auf dem Land, sagt er, sei der praktische Nutzen des Internets größer als in der Stadt, und es biete die Chance, das Leben auf dem Land wieder attraktiver zu machen.

Es ist nicht so, daß Peeter Tulviste an den Reformen etwas auszusetzen hätte - schließlich ist er in derselben Partei wie der frühere Ministerpräsident Maart Laar, der das moderne, wirtschaftsliberale Estland verkörpert. Aber ihm fehlt etwas. Als er in den Vereinigten Staaten sah, daß dort Geschäftsleute wie selbstverständlich zur Kirche gehen, habe er verstanden, „daß wir nur eine Hälfte der freien Gesellschaft haben, den Konsum“.

Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.

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