Ein früherer Leibwächter ist Bürgermeister der bulgarischen Haupstatdt - und wird vielleicht sogar Präsident des Landes. Bojko Borissow ist ziemlich populär; sein Vorbild ist ein Filmheld.
Mit strengen Blicken wachen Yul Brynner und seine sechs Gefährten über die Arbeit des Bürgermeisters von Sofia. Das ist mein Lieblingsfilm, kommentiert Bojko Borissow den ungewöhnlichen Wandschmuck in seinem Büro. Wenn der erste Mann der bulgarischen Hauptstadt über sich spricht, wird bald deutlich, warum ein altes Filmplakat sein Büro ziert. Die glorreichen Sieben, ein Western aus dem Jahr 1960, erzählt die Geschichte des mexikanischen Dorfes Ixcatlan, dessen Bauern Jahr für Jahr von Banditen ausgeraubt werden. Verzweifelt werben sie schließlich sieben Revolverhelden an, die sie gegen die Banditen beschützen sollen. Gut gegen Böse, Schwarz gegen Weiß, Recht gegen Macht - das ist auch das Selbstbild des Bojko Borissow. Bei ihm geht es noch zu wie im Western, als rauhe Männer mit gutem Herzen ernst in den Horizont blinzelten. Die Bösen, das sind bei Borissow alle, die den kleinen Bulgaren ausrauben. Der Gute ist er selbst - und Sofia ist Ixcatlan.
Auf die Frage, was er als Chef der einzigen Millionenstadt des Landes zu tun gedenke, antwortet er filmrollenhaft knapp: Was ich will, ist das eine. Was ich kann, das andere. Punkt. Keine weitere Erklärung. Eloquent wird Borissow erst, wenn er über politische Gegner oder seine Vorgänger im Bürgermeisteramt schimpft, sie inkompetente Bolschewiken oder Lügner heißt. Diese Stadt hat sechzehn Jahre verloren. Wir haben heute nicht einmal eine Mülldeponie.
Die Müllentsorgung ist tatsächlich das große Problem der Stadt. Deshalb war der Bürgermeister nach seinem Wahlsieg als unabhängiger Kandidat im November 2005 als Mülltourist unterwegs: um zu lernen, wie andere europäische Großstädte die Abfälle ihrer Einwohner entsorgen. Weil sich die Müllfrage aber nicht schnell lösen läßt, widmet sich Borissow lieber Aufgaben, die leichtere Siege versprechen. In den Wintermonaten marschierte er nachts durch die Straßen Sofias, um zu prüfen, ob der Schnee geräumt wurde. Als erste Amtshandlung, aber noch bevor er seinen Eid abgelegt hatte, füllte Borissow symbolisch ein Schlagloch in der Innenstadt. Selbstverständlich vor laufenden Kameras.
So ist es immer, wenn Borissow in Aktion tritt - denn die Regeln der Mediendemokratur hält der begnadete Populist penibel ein. So ist ihm auch der miserable Zustand der Straßen bestens vertraut, weil er am liebsten selbst am Steuer seiner Dienstfahrzeuge sitzt - das kommt gut an und schafft Volksnähe. Das war schon früher Borissows Stärke, als er noch zweiter Mann des Innenministeriums war, zuständig für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität, und viel populärer als sein Chef, der Innenminister. Nach einem der vielen Auftragsmorde auf Sofias Straßen war er stets zur Stelle, um vor laufenden Kameras einige markige Kampfansagen an die Mafia zu schleudern. Obwohl die Morde nie aufgeklärt wurden, wurde Borissow immer populärer - und dieser Höhenflug ging auch in den ersten Monaten als Bürgermeister weiter. Borissow ist einer von jenen Illusionskünstlern, die sich mit der Strömung treiben lassen, ihr Publikum aber glauben machen, sie ruderten dagegen an.
Hartnäckig halten sich deshalb Gerüchte, er werde bei der Präsidentenwahl in diesem Herbst gegen den Amtsinhaber Georgi Parwanow antreten, der in ziemlich allem das Gegenteil von Borissow ist. Ein Gewächs der postkommunistischen sozialistischen Partei Bulgariens, spricht Parwanow stets zurückhaltend. Er beleidigt seine Gegner nicht, sondern ignoriert sie mit präsidialer Erhabenheit. Er spielt die Rolle des Landesvaters so würdevoll, als sei er als Präsident auf die Welt gekommen. Auf die Frage, ob er gegen Parwanow antreten werde, antwortet Borissow wieder mit Versatzstücken aus dem Arsenal seiner Revolverheldensätze: Eines ist sicher: Es werden neue Parteien entstehen in Bulgarien. Und es wird neue Führer geben. Wird er einer von ihnen sein? Ich mache nur meine Arbeit. Über seinen potentiellen Konkurrenten äußert er sich nicht. Aber sein immenses Selbstbewußtsein vermittelt den Eindruck, als wollte er Parwanow im nahen Präsidentenpalast zurufen, daß Sofia für beide zu klein sei. In den Albträumen der Protokollbeamten des Präsidentenapparats dürfte ein Staatsoberhaupt Borissow jedenfalls regelmäßig vorkommen. Auch Politiker der regierenden Parteien wollen sich lieber nicht zu der Vorstellung äußern, daß ausgerechnet Borissow an der Spitze des neuen EU-Mitglieds Bulgarien stehen könnte. Für die Journalisten wird es hingegen ein großes Fest werden. Sie stellen sich schon vor, wie Borissow, ein Schrank von einem Kerl, europäischen Staatsoberhäuptern zur Begrüßung freundschaftlich die Hände zerquetscht oder der Königin von Großbritannien einen unanständigen Witz erzählt.
Noch ist aber nicht einmal sicher, ob Bulgariens populärster Machthaber zur Wahl antritt, denn seine nächsten Pläne enthüllt er meist erst im letzten Moment. Das mag an seinem früheren Job liegen: Zu Beginn der neunziger Jahre war er eine Weile Leibwächter des gestürzten kommunistischen Diktators Schiwkow. Die Bulgaren nehmen ihm das nicht übel, zumal er ihnen Tag für Tag jene Gerechtigkeit verspricht, um die sie sich von den anderen Politikern betrogen fühlen. Vielleicht wird er auf diese Weise in wenigen Monaten sogar Präsident. Ixcatlan ist überall.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.