Im Festhalten an ihrer Kultur offenbaren sich Überlebenswille und europäische Gesinnung der Slowenen.
Der 8. Februar ist den Slowenen das, was den Iren der 16. Juni ist: ein Tag, der im Zeichen eines großen Dichters der Nation gefeiert wird. Aber während der James Joyce gewidmete Bloomsday ein zwar öffentlich begangenes, aber von privaten Enthusiasten organisiertes Ereignis ist, ist der Todestag des am 8. Februar 1849 gestorbenen Romantikers Francé Prešeren der staatlich sanktionierte slowenische Nationalfeiertag schlechthin. Er ist ranggleich mit dem Unabhängigkeitstag, der an die Souveränitätserklärung der slowenischen Nationalversammlung am 25. Juni 1991 erinnert.
Wer Laibach (Ljubljana) mit Zagreb vergleicht, wird sich in der kroatischen Hauptstadt eher an das mitteleuropäische Erbe der Habsburgermonarchie erinnert fühlen als in der Stadt, die der slowenische Architekt Jože Pleènik in den dreißiger Jahren nach einem nationalen politischen Konzept grundlegend umgestaltet hat. In Zagreb mag man an Graz oder Klagenfurt denken, in Laibach verbieten sich solche Vergleiche: Pleènik hat eine kleine österreichische Provinzstadt in einer kühnen urbanistischen Vorwegnahme in die Hauptstadt eines Staates verwandelt, der erst sechs Jahrzehnte später entstehen sollte. In Pleèniks Vision sollten weiße Brücken mit grünen Drachen, mächtige Steinfassaden und lange Säulengänge mediterrane Elemente in die Stadt am Südhang der Alpen tragen und sie somit auch optisch entösterreichern. Die unterschiedlichen Elemente, die in diesem architektonischen Synkretismus verschmelzen, mögen an andere Kulturen erinnern. Ihre Eingemeindung aber ist urslowenisch und erinnert an Prešerens Maxime, daß ein Volk nur dann frei sein könne, wenn es bereit sei, aus sich heraus die Werte anderer Kulturen in sich aufzunehmen.
Unglückliche Romantiker und visionäre Architekten hatten auch andere Völker. Auf keines aber paßt der Begriff der Kulturnation besser als auf die Slowenen, denn von der Bewahrung der eigenen Sprache und Kultur hing ihr Überleben ab. Die Slowenen sind der klassische Fall einer Volksgruppe, die sich über Jahrhunderte hinweg ihre Eigenständigkeit erhalten konnte, obwohl ihr politisches Schicksal nicht in eigenen Händen lag. Der Überlebenswille des kleinen Volkes zeigte sich darin, daß es sich während seiner Geschichte dem Assimilierungsdruck stärkerer Nachbarn widersetzen konnte.
Slawische Stämme siedelten sich im Ostalpenraum in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts an. Ihr Fürstentum Karantanien hatte hundert Jahre Bestand, mußte sich aber schon 740 den Bayern unterordnen. Christianisiert wurden die Alpenslawen im 8. Jahrhundert, ihre ältesten Schriftdenkmäler gehen auf das ausgehende 10. Jahrhundert zurück. Der alpenslawische Siedlungsraum, der früh unter die Herrschaft der Habsburger fiel, blieb stets zwischen unterschiedlichen Fürstentümern, Grafschaften und Kronländern geteilt. Bis heute unterscheiden slowenische Publikationen zwischen Slowenien, dem heutigen Staatsgebiet, und slowenischen Ländern (slovenske dežele), zu denen alle Territorien gezählt werden, in denen auch Slowenen leben.
Nach dem Urteil des Historikers Robert Kann bildeten die Slowenen das Hauptbollwerk, das sich dem Vordringen der Deutschen an die Adria und damit mittelbar dem Zugang zu der Welt des Mittelmeeres widersetzte. Der Bestand einer echten alten slowenischen Kultur, schrieb Kann vor mehr als fünfzig Jahren, sei die einzige befriedigende Erklärung dafür, daß ein armes Volk von Bergbauern und Hirten ohne politische und militärische Leistungsmöglichkeiten in eigener Sache die nach Süden drängende Germanisierung tausend Jahre lang aufhielt und diese Zeit als Volksgruppe überlebte.
Die Begriffe Slowene und slowenisch gehen auf die Reformation zurück, zu deren bedeutendsten Vertretern Primož Trubar und der Bibelübersetzer Jurij Dalmatin zählten, die beide im protestantischen Deutschland Zuflucht suchen mußten. Als Bezeichnung des Siedlungsgebiets ist Slowenien erst im 18. Jahrhundert nachweisbar. Aber auch da stand stets die sprachliche und kulturelle Einheit im Vordergrund, denn staatsrechtlich konnten die Slowenen ihr nationales Anliegen nicht begründen, sondern nur unter Aufhebung der geschichtlichen Länderbegrenzung, wie es in einer 1848 verfaßten Petition an den Kaiser hieß.
Eine unabhängige politische Geschichte haben die Slowenen erst seit dem Zerfall Jugoslawiens, und selten wurde ein Staat so sehr von einem sprachlich-kulturellen Programm in die Pflicht genommen wie das junge Slowenien. Besonders genau verfolgt man in Laibach die Lage der slowenischen Volksgruppe in Österreich und in Italien - und protestiert gegen jede noch so kleine Beeinträchtigung ihrer Errungenschaften. Im Dauerstreit mit Kroatien um einige Quadratmeter slowenischen Landes jenseits des Grenzflusses Dragonja und um die Seegrenze im Golf von Piran setzt sich jede Regierung, die sich um einen Kompromiß bemüht, sofort dem Vorwurf der Preisgabe nationaler Interessen aus. Zum Schutz des Slowenischen hat das Parlament in Laibach ein außergewöhnlich strenges Sprachengesetz beschlossen. Die Schriftstellervereinigungen des Landes mahnten die slowenischen Europa-Abgeordneten, in Straßburg ihre europäische Gesinnung durch den stolzen öffentlichen Gebrauch ihrer Muttersprache unter Beweis zu stellen.
Der Preis, den die Slowenen für diese Symbiose von Staat und Kultur entrichten, ist erheblich. Unlängst beklagte der Laibacher Slowenist Marko Stabej das Abhängigkeitsverhältnis der Literaten von staatlichen Subventionen, die viele als geradezu selbstverständliche Gegenleistung für ihren Beitrag zur slowenischen Sprach- und Kulturentwicklung in Anspruch nehmen. Entsprechend heftig war die Empörung, als der liberale Wirtschaftswissenschaftler Miæo Mrkaiæ im Dezember vergangenen Jahres der Regierung vorwarf, in der Kulturförderung das Geld beidhändig aus dem Fenster zu werfen. Der slowenische PEN-Club warf Mrkaiæ sogar vor, mit seinem zynischen Ökonomismus die Identität der slowenischen Nation zu gefährden. Ungeachtet aller sonstigen ideologischen und politischen Differenzen sind sich Linke und Rechte darin einig, daß die Kultur um jeden Preis vom Markt abzuschotten sei. In einem kleinen Land mit weniger als zwei Millionen Bürgern, die Slowenisch zur Muttersprache haben, seien Sprache und Kultur nicht anders zu schützen.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.