Europatag

Das Porträt einer Familie

Von Berthold Kohler

Der Phönix wäre eine gute Wahl, suchte man nach einem Wappentier für die europäische Einigung: Noch nach jeder ihrer vielen Krisen erhob sie sich wieder aus der Asche. Doch selten zuvor ist die Frage, ob die erkaltete Glut abermals neues Leben gebiert, mit solchen Zweifeln gestellt worden wie nach dem Annus horribilis 2005. Franzosen und Holländer, die zu den Gründungsnationen der Europäischen Union von heute gehören, lehnten in Volksabstimmungen den Verfassungsvertrag ab, der als Kodex des Erreichten dienen sollte und als Fundament für den weiteren Ausbau der EU. Der Widerstand gegen den Vertrag traf die politischen Eliten schwer. Seither plagt sie die Furcht, das Projekt der immer enger werdenden Vereinigung könnte an sein Ende gelangt sein. Findet die EU nicht zu neuer Stärke, weil der Europa-Gedanke selbst zu schwach geworden ist?

Das Nein der Franzosen und der Holländer, das zu einem guten Teil innenpolitisch motiviert war, läßt sich indes auch anders deuten: als ein Zeichen des Interesses und des Willens, Einfluß auf die Zukunft Europas zu nehmen. Die Skepsis, die dem Verfassungsvertrag vielerorts entgegenschlug, galt nur selten der Idee der Einigung selbst. Kaum jemand will die Uhr zurückdrehen.

Doppelstrategie

Schuld an der Entfremdung hat vor allem, daß der Integrationsprozeß vielen Bürgern wie eine unheimliche automatisiert ablaufende Enteignung vorkommt, die nur schwer zu durchschauen und zu kontrollieren ist. Die im vergangenen Jahrzehnt in großen Schritten vorangetriebene Doppelstrategie der Vertiefung und Erweiterung hatte für viele Europäer ein zu hohes Tempo. Es kostete Vertrauen. In den neuen wie in den alten Mitgliedsländern ist die Befürchtung zu hören, der Leviathan EU bedrohe die nationale Identität. Am Ende gelang es den Fürsprechern der EU nicht einmal mehr, die Bürger ausreichend davon zu überzeugen, daß der Verfassungsvertrag dem Wunsch nach mehr Transparenz und Ordnung Rechnung tragen sollte.

Diese Sorgen müssen ernst genommen werden, wenn das epochale Vorhaben nicht zu einem Elitenprojekt ohne Verwurzelung in den Völkern zusammenschrumpfen soll. Dann wäre es tatsächlich am Ende. Zu neuer Kraft kommt die europäische Einigung nur, wenn sie den Bürgern selbst wieder zu einem Anliegen wird; dazu muß sie deren Interessen und Wünschen dienen. Keine Zukunft hat das Projekt, wenn es den Menschen als Bedrohung ihrer Lebensart erscheint. Auf Überforderung, Überregulierung und Überdehnung reagieren die Europäer mit Abwendung.

„Café d'Europe“

Dies war die Botschaft des Neins zum Verfassungsvertrag. Sie scheint angekommen zu sein. In den Hauptstädten der EU setzt die Einsicht sich durch, daß ein europäisches Bewußtsein nicht verordnet werden kann wie eine Währungsunion. Dem steht der Selbstbehauptungswille der Völker entgegen. Die Achtung der nationalen Identitäten ist Voraussetzung für die Herausbildung eines europäischen Selbstverständnisses, das nicht verleugnen können wird, wovon es sich ableitet.

Dem ungeheuren Reichtum Europas - seiner politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Vielfalt - widmete sich auch das „Journal Europa“, das im Mai 2006 in einer deutschen und in einer englischen Ausgabe in der gesamten EU erschien. Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichteten darin aus den 25 Mitgliedstaaten sowie den damaligen Kandidatenländern Bulgarien und Rumänien. Keine der Geschichten, die sie von ihren Reisen mitbrachten, glich einer anderen. Doch in der Gänze fügen die Steine dieses Mosaiks sich zu dem Bild einer Familie, deren Verwandtschaft bei aller Verschiedenheit der einzelnen Mitglieder nicht zu übersehen ist.

Nicht zuletzt spiegelt dieses Porträt die ungebrochene Vitalität Europas und seiner Bürger wider. Wenn es gelänge, diese Lebenskraft auf die Mühlen der europäischen Einigung zu lenken, dann müßte man um deren Zukunft nicht fürchten.

Downloads im Zeitungslayout:
- Journal Europa.pdf (deutsche Version)
- The Europe Journal.pdf (englische Version)

Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.

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