Der Kommissar ist immer der Schwede

Von Robert von Lucius

Übeltäter, Klischees und geheime Sehnsuchten: Warum der Kriminalroman aus dem Norden so großen Erfolg hat.

Am Anfang steht fast immer eine Idylle: ein Angler an einem der hunderttausend Seen, ein Ferienhaus im Hintergrund, der Blick auf die Silhouette Stockholms oder Göteborgs. Doch dann wird eine Leiche angeschwemmt, der die Haut abgetrennt wurde oder der die Augen ausgestochen wurden. Kriminalromane aus Skandinavien sind seit einem Jahrzehnt so erfolgreich, vor allem in Deutschland, daß der Sekretär der Schwedischen Akademie schon gefragt wird, wann ein schwedischer Krimiautor endlich den Literatur-Nobelpreis erhalte - ausschließen will auch Horace Engdahl eine solche Auszeichnung nicht.

Abgründe der Kleinstadt: Rolf Lassgard als “Kurt Wallander“
Abgründe der Kleinstadt: Rolf Lassgard als „Kurt Wallander”

Nicht nur Schweden tragen zur Krimiwelle bei. In Dänemark - Peter Høeg fand mit seinem Welterfolg „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ Aufmerksamkeit in aller Welt - veranstaltet die Dänische Krimiakademie in Horsens alljährlich eine Krimimesse. Finnische Autoren schreiben Kinderkrimis mit einem Hundepolizisten, wobei auch sie auf verschiedene Formen des „Andersseins“ setzen. Selbst Autoren von den Atlantikinseln der Färöer tauchen auf in der Reihe „Morden im Norden“, wobei der erste Krimi bezeichnenderweise in erster Auflage den Titel „Mild ist die färöische Sommernacht“ trägt, in der zweiten „Endstation Färöer“.

Marktführer aber sind unbestritten Schweden, und das nicht nur statistisch - ein Drittel der etwa 120 Autoren aus Nordeuropa, die auf dem deutschen Büchermarkt mit Krimis präsent sind, kommt aus Schweden. Dabei gibt es einige Gemeinsamkeiten. Es sind meist „Polizistenromane“ mit literarischem Anspruch und psychologischen Charakterstudien wie bei Arne Dahl; sie sind spannend geschrieben und in Abschnitte gegliedert, die ein Unterbrechen erlauben, wenn man an seinem U-Bahn-Ziel ankommt. Fast die Hälfte aller Autoren - von Jan Guillou über Liza Marklund bis zu Åke Edwardson - sind oder waren Journalisten, die knapp formulieren und verständlich schreiben.

Urahnen dieses Genres war das Autorenduo Maj Sjöwall und Per Wahlöö, deren „Die Tote im Götakanal“ 1965 den Grundstein für den Erfolg schwedischer Kriminalromane in Deutschland legten. Bis zum Tod Wahlöös 1975 schrieben sie zehn Krimis, in deren Mittelpunkt der Kommissar Martin Beck steht. Ihre Grundidee setzte sich fast durchgängig durch: ein Kommissar, der depressiv, eigenbrötlerisch und ausgebrannt ist, Eheproblem hat, dem Alkohol nahesteht, der aber auch verbissen scheinbar Unlösbarem auf den Grund geht. Fast irritierend ist deshalb, wenn der Ermittler in Håkan Nessers just in Schweden erschienenem neuen Roman weder ein Trunkenbold ist noch magenkrank oder zerstritten mit Frau und Kind, also fast alle der von Henning Mankell vorgegebenen Lieblingsrequisiten über den Haufen wirft. Seit Sjöwall/Wahlöö werden literarische Morde brutaler und damit abwegiger. Mit ihnen können Schweden daheim ihre Urängste in Büchern ausleben und abwehren, die über ihre Fernsehschirme immer bedrohlicher und näher scheinen.

Das marxistische Ehepaar Sjöwall/Wahlöö legte mit ihrem wie viele andere schwedische Romane verfilmten Zyklus um den Kommissar Beck die Grundlage zur Gesellschaftskritik schwedischer Krimis: Sie sind nicht nur die „politischsten“ aller Kriminalromane, sondern dienen auch als moralisches Gewissen der Leser vor allem in Schweden und Deutschland - nicht zufällig handelt es sich bei beiden Ländern um üppig ausgestattete Sozialstaaten, die die Lebensrisiken für den einzelnen auf ein Minimum reduzieren. Politisch korrekt sind sie ohnehin, nicht nur die feministischen Frauenkrimis von Liza Marklund, Anne Holt, Leena Lehtolainen: gegen die Globalisierung und gegen die Mächtigen. Bösewichte sind Rassisten und Manager großer Pharmakonzerne, Gesellschaft, Staat und Regierung. Der innerlich verfaulte Staat, der mehr als sieben Jahrzehnte lang fast durchgehend von einer Partei gleichmacherisch erst aufgebaut und dann verformt wurde zu einer bürokratischen Selbstbedienungsmaschinerie, er wird oft als der wirkliche Übeltäter vorgeführt - und nicht der „konkrete“ Täter.
Die Kritik an Schweden und seinem allenfalls noch als Erinnerungsposten existierenden „glückseligen Volksheim“ kommt in den Krimis mal „von links“, mal „von rechts“. Diese Zangenkritik offenbart die Risse im Wohlfahrtsstaatsidyll und in einer Gesellschaft, die scheinbare Gleichheit durch Gleichgültigkeit ersetzt. Vor allem Mankells Kommissar Kurt Wallander weist auf die dunklere Seite, auf Abgründe auch in scheinbar ruhigen Kleinstädten wie Ystad, das dank Mankell einen eigenen Krimitourismus aus dem Süden entwickeln konnte.
Die doppelte Illusion der Deutschen gegenüber Schweden ist bemerkenswert. Die einen lesen Mankell und debattieren eifrig auf dem Literaturportal und Internetforum www.schwedenkrimi.de über ihre jeweiligen Vorlieben. Die anderen fahren mit Reisebussen entweder nach Ystad auf den Spuren Wallanders oder an die südschwedischen Seen, um den Romanfiguren von „Inga Lindström“ nachzuspüren. In ihren Fernsehserien geht es um eine anfangs unglückliche Liebe im Hochsommer zwischen Gutshof, Ferienhaus, Elchen und Booten - nur daß „Inga Lindström“ nicht Schwedin ist, sondern Berlinerin mit Gefühl für Publikumsbedarf.

Lindström knüpft, wiewohl nicht mit literarischem oder gar bleibendem Anspruch, an Astrid Lindgren mit ihren unschwedisch-widerborstigen Gestalten Pippi Langstrumpf und Kalle Blomquist oder auch an Selma Lagerlöfs „Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ an, die vor genau einhundert Jahren erschien. Auch Selma Lagerlöf, August Strindberg oder der Filmemacher Ingmar Bergman indes stellten Schweden nicht als die naturverbundene und erotisch freizügige Sommeridylle dar, als die sie weiter südlich gerne gesehen wird, sondern wiesen im Werk und im Leben auf Familienzerrüttung, Alkoholismus und Einsamkeit hin. Diese literarische Tradition setzen schwedische Kriminalromane in anderer Form fort.

Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: Cinetext, F.A.Z.

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