Erst die Kinder, dann die Enkel

Von Michael Stabenow

Die portugiesischen Einwanderer im luxemburgischen Echternach sind heimisch geworden. Das hat vermutlich auch mit ihrem Glauben zu tun - sie sind sehr katholisch.

Ein Blickfang ist das graue Eckgebäude an der Hauptstraße nach Luxemburg nicht. Allenfalls das Vereinswappen, in den rot-grünen portugiesischen Landesfarben auf das große Fenster im Erdgeschoß gemalt, weckt die Aufmerksamkeit der Besucher Echternachs, eines am luxemburgisch-deutschen Grenzfluß Sauer gelegenen Städtchens. Von den 5200 Einwohnern stammen rund 1700 aus Portugal. Und davon ist fast die Hälfte Mitglied der Vereinigung „Amitiés Portugal - Luxembourg“. Ein Schritt über die Schwelle des Vereinslokals ist auch ein virtueller kultureller Ortswechsel: vom Ostzipfel des Großherzogtums in Europas Südwestecke.
Zehn Minuten Fußweg entfernt liegt die idyllische Innenstadt mit romanischer Basilika und barocker Benediktinerabtei. Echternach 2006 - das sind nicht nur Wandlungen auf den Spuren des Mönchs Willibrord, den es im frühen Mittelalter aus Irland an die Sauer verschlagen hatte. Er gilt als Gründer der Stadt und bescherte ihr eine Buchmacherschule. Zudem wird über Willibrord augenzwinkernd vermerkt, er sei der einzige Heilige mit eigener Internet-Website (www.willibrord.lu).

So weit ist der technische Fortschritt im Vereinslokal der „Amitiés Portugal -Luxembourg“ noch nicht vorgedrungen. Über Satellitenfernsehen lassen sich jedoch Fußballspiele in Portugal live verfolgen. Das kurz vor der Renovierung stehende Lokal ist spärlich ausgestattet mit Holztischen und -stühlen sowie einem Tresen, an dem Kaffee, Portwein und andere Spezialitäten der Heimat ausgeschenkt werden. Bunt sind dagegen die Fotos an der Wand, die Mitglieder in vielfarbigen traditionellen Trachten zeigen. Sogar der frühere portugiesische Präsident Jorge Sampaio und das luxemburgische Staatsoberhaupt Großherzog Henri haben sich mit Vereinsmitgliedern ablichten lassen.

Immer wieder ist ein grauhaariger Herr mit Schnauzbart zu sehen, den auch viele Einheimische nur bei seinem Vornamen Silvio nennen. Duarte Santos lautet der Nachname des 52 Jahre alten Vorarbeiters einer Baufirma, der 1970 nach Luxemburg kam und der seit 1990 Vereinsvorsitzender ist. Nein, Spannungen mit Einheimischen gebe es nicht, seine Landsleute, vorwiegend in der Bauwirtschaft und im Dienstleistungsgewerbe tätig, hätten sich bestens integriert. „Ein hier lebendes portugiesisches Kind beherrscht mit acht Jahren neben seiner Muttersprache noch Luxemburgisch, Französisch und Deutsch. So etwas gibt es sonst nirgends“, sagt Duarte Santos. Dennoch bedeute Integration für die Echternacher Portugiesen keineswegs, die Herkunft zu vernachlässigen. „Wir versuchen ihnen die Möglichkeit zu geben, hier ihr Brauchtum wie in Portugal zu pflegen“, sagt der Vereinsvorsitzende.
Mit dem Mönch Willibrord verbindet die meist aus Nordportugal stammenden Zuwanderer der Gegenwart der Glauben. So beherbergt die Krypta der Basilika ein Standbild der portugiesischen Schutzheiligen Fatima. Auch Bürgermeister Marc Diederich lobt die portugiesischen Mitbürger. „Luxemburg hat jedoch das Glück, daß es als katholisch geprägtes Land eine Bevölkerung aufgenommen hat, die noch katholischer als die Luxemburger ist“, erläutert der Christliche Demokrat. Viele Portugiesen nehmen an der alljährlich am Dienstag nach Pfingsten stattfindenden „Springprozession“ teil, die Echternach weit über die Grenzen Luxemburgs hinaus bekannt gemacht hat.

Nach wie vor ist der Fremdenverkehr die wichtigste Einnahmequelle für die Stadt. Das Profil der Touristen ändert sich jedoch. „Wir setzen heute verstärkt auf Qualität“, sagt Georges Calteux, Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins. So biete die Stadt heute Ferienwohnungen in mittelalterlichen Turmbauten an. Zulauf erhalte Echternach auch durch das jährlich ausgerichtete Musikfestival.

Auch Bürgermeister Diederich sieht im Tourismus einen entscheidenden Trumpf. Rund 25 Millionen Euro kostet der Bau eines neuen Kulturzentrums, das Platz für bis zu 700 Besucher bieten soll und auch für Fachkongresse geeignet sein könnte. Allerdings gelte es auch, im Gewerbegebiet südlich der Stadt Neuansiedlungen zu erleichtern. Dort hat das auf die Herstellung von Triebwerksverkleidungen und die Innenausstattung von Flugzeugen oder Eisenbahnen spezialisierte Hochtechnologie-Unternehmen Euro-Composites seinen Hauptsitz. Es beschäftigt rund 500 Arbeitnehmer. Viele Beschäftigte pendeln aus Deutschland, doch es bietet auch Einheimischen Arbeit. Es ist ein gerngesehener Steuerzahler und überdies einer der Sponsoren des Musikfestivals. Vorstandsmitglied Horst Willkomm lobt die gute Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden - und die kurzen Wege zum Wirtschaftsministerium des Großherzogtums. „Mit der Vielsprachigkeit der Mitarbeiter geht zudem ein offeneres Denken einher“, sagt Willkomm.

Den deutschen Manager, seit einem Dutzend Jahren bei Euro-Composites tätig, scheint es nicht aus Luxemburg wegzuziehen. Darin unterscheidet er sich nicht von Echternacher Portugiesen. Nur wenige entscheiden sich für die Heimkehr. „Erst kommen die Kinder, dann die Enkel. Wer zurückgehen will, sollte dies tun, wenn die Kinder jünger als 15 Jahre sind“, sagt der Vereinsvorsitzende Duarte Santos. Mindestens einmal im Jahr zieht es ihn jedoch zurück in die Heimat. Auch die in diesen Wochen vielbeschäftigte Stadtführerin Martine Wielkowolsky verspürt zuweilen Fernweh: „Wenn es in diesen Breitengraden November wird, dann denkt man hier auch gelegentlich ans Auswandern nach Portugal - selbst wenn man gar nicht von dort stammt.“

Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.

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