Die Ost-Erweiterung war eine moralische Pflicht - doch jetzt muß die Union wissen, wo sie endet. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut im Interview mit der Frankfurter Allgemeine Zeizung zur europäischen Debatte.
Gab es in Ihrer Existenz als französischer Intellektueller Momente, in denen Sie von Europa träumten?
Ich war nicht immer europäisch gesinnt. Es wäre es mir nie in den Sinn gekommen, mich nach Europa zu orientieren. Ich war Jude und links, das reichte. Mit Europa brachte ich nur den Kabeljau-Krieg und Bürokratie in Verbindung.
Später haben Sie Europa als Mitteleuropa und durch den Antitotalitarismus entdeckt.
Czeslaw Milosz und Milan Kundera haben mir klargemacht, daß es beim Widerstand gegen die Sowjetunion nicht nur um eine Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Diktatur ging. Sondern um noch etwas anderes - und das war Europa. Kundera zeigte mir, daß es innerhalb Europas einen Krieg der Zivilisationen gab: Tschechen, Polen, Ungarn wurden politisch unterdrückt - und kulturell kolonialisiert. Ihr Freiheitskampf hat mir Europa vermittelt.
Was heißt das denn für die Ost-Erweiterung?
Daß sie eine moralische Pflicht war. Es gab pragmatische Gründe dagegen. Aber ein Projekt mit dem Namen Europa ist eine Verpflichtung. Der alte Kontinent war geteilt - er wächst wieder zusammen.
Welche Bedeutung geben Sie dem Begriff der Zivilisation im Zusammenhang mit Europa?
Man wünscht sich insgeheim oder redet sich ein, daß Europa in Auschwitz geboren wurde. Auschwitz steht in dieser Auffassung für den Bruch zwischen Europa und seiner Geschichte. Europa gibt sich wie das revolutionäre Frankreich 1789: Was zuvor war, ist schlecht und wird ausradiert. Auschwitz steht für die Ausschließung und die Vernichtung. Deshalb will sich Europa keine starke Identität geben: aus Angst, es könnte daraus eine neuerliche Ausschließung entstehen. Die Geschichte wird durch die Menschenrechte ersetzt. Europa zelebriert diese Religion im Kult und in der Pflicht des Erinnerns.
Sie verweigern sich diesem Gebet?
Ich will Erinnern nicht ausschließlich als Selbstkritik einer Nation verstehen. Es würde dadurch auf das Verbrechen schlechthin reduziert. Auschwitz wird zur Verheißung einer einmütigen Menschheit, durch die keine Trennlinien gehen.Europa ist von dieser zivilisatorischen Mission beseelt. Das Spezifische und das Besondere sind suspekt, die Wurzeln werden abgeschnitten, die Geschichte muß korrigiert und jegliche Zugehörigkeit überwunden werden. Es handelt sich hier um eine Tendenz, die genau dem widerspricht, was wir unter den Begriffen Zivilisation und Kultur verstehen. Der französische Habermas-Schüler Jean-Marc Ferry definiert die Identität Europas als Identität, die sich gegenüber anderen Identitäten öffnet. Und Ulrich Beck will ein ausschließlich kosmopolitisches Europa.
Im Namen dieser Konzepte wird der Beitritt der Türkei bejaht.
Wer mit historischen Argumenten und der geographischen Zugehörigkeit dagegen ist, wird als Rassist dargestellt: Die Kritiker eines Beitritts der Türkei begehen eine Blasphemie gegen die Religion der Menschenrechte. Das hält man für gefährlich. Ich denke anders, und ich tue dies unter dem Einfluß der mitteleuropäischen Dichter und Denker, die mir die wertvollen und bedrohten Schätze der europäischen Kultur erschlossen haben. Der Preis des Unheils, den Europa über das zwanzigste Jahrhundert gebracht hat, darf nicht seine Unbestimmtheit sein, nicht ein Verzicht auf jede Grenze. Die Vergangenheit ist nicht nur abschreckendes Beispiel. Wer sich dem Besten seiner eigenen Tradition verpflichtet und in ihrem Sinne handelt, ist kein schlechter Mensch. Die scheinbar so generöse Religion der Menschenrechte vergißt, daß die Verbrechen von Auschwitz keineswegs die ganze Welt betreffen. Der Film Im Tal der Wölfe beweist es. Ich habe ihn gesehen. Er ist unglaublich dumm, Propaganda im Stile von Goebbels. Der Arzt im Foltergefängnis der Amerikaner wird als jüdischer Mengele dargestellt. Wer sich das erlaubt, will uns sagen: Auschwitz ist eure, ist europäische Geschichte. Natürlich ist Europa der Name der Zivilisation, die untrennbar mit Auschwitz, Sobibor, Buchenwald verknüpft ist. Er steht für eine gemeinsame Geschichte und Erfahrung und keineswegs für eine moralische Überlegenheit, die man ihm heute beimessen möchte.Europa befindet sich nicht Himmel der universellen Werte.
Frankreich tat sich schwer mit der Ost-Erweiterung.
Frankreich hat das Schicksal Mitteleuropas nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen. Die Ost-Erweiterung wurde auch deshalb als problematisch empfunden, weil man gleichzeitig die Türkei ins Spiel brachte. Es ging nicht um die Wiedervereinigung der europäischen Familie, sondern um eine grenzenlose Öffnung. Man leitete einen Prozeß ein, dessen Ende von niemandem abgesehen werden konnte.
Europa braucht also Grenzen?
Es gibt sie, und man braucht sie aus ganz pragmatischen Gründen. Es kann nicht das Ziel und die Berufung Europas sein, die Welt zu werden.
Sie haben sich stets für die europäischen Kleinstaaten engagiert.
Wegen ihrer historischen Gefährdung. Binnenmarkt und Bürokratie scheinen ihnen ein Ende zu setzen. Die Kleinstaaten befinden sich in einem Prozeß der Normalisierung. Sie erheben keine eigene Stimme mehr. Der zentrale Wert in Europa war die Religion - danach wurde es die Kultur. Jetzt wird Europa eine politische Einheit, aber die Kultur löst sich auf. Ich denke an das humanistische Bildungsideal, auf dem Europa vor Auschwitz beruhte. Es gab die Unterschiede der nationalen Kulturen. Es gab aber auch eine gemeinsame Welt der Werke. Die Werke verschwinden. Ich vermisse das Bewußtsein geistiger Kontinuität.
Wie könnte man es erneuern? Ist das die Aufgabe europäischer Intellektueller?
Zweifellos. Aber ein europäischer Intellektueller drückt sich in seiner Sprache aus. Das Zeitalter der Nationen mag zu Ende sein, jenes der Vielfalt der Sprachen ist es nicht. Lange vor der EU gab es europäische Intellektuelle. Thomas Mann zum Beispiel. Man müßte ihn gegen Habermas und Beck ins Feld führen. Thomas Mann hat die Verbrechen nicht ausgeklammert, er hat die Nazis bekämpft, aber gleichzeitig gesagt: Auch ich bin die deutsche Nation und Kultur.
Es kann also keinen europäischen Verfassungspatriotismus à la Habermas geben?
Ich habe dem Entwurf der europäischen Verfassung zugestimmt. Aber sie war zu blauäugig formuliert, es fehlte dem Text die Verankerung Europas.
Ein europäischer Patriotismus könnte somit nur ein kultureller sein?
Er muß in jedem Fall die Vielfalt und die Eigenheiten Europas ausdrücken. Es könnte vielleicht sogar einen politischen europäischen Patriotismus geben, zur Zeit des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien hätte er seine Wurzeln schlagen können. Aber diese Chance wurde verpaßt. Und aus der Verteidigung des Sozialstaats kann kein Patriotismus entstehen.
Das Gespräch führte Jürg Altwegg.
Text: F.A.Z. vom 09.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z.