Von Leonhard Kazda
06. Februar 2008 Daphne Bouzikou runzelt die Stirn. Hmm“, sagt die Assistenztrainerin des Basketball-Bundesligaklubs Frankfurt Skyliners, was könnte das wohl bedeuten?“ Auf dem Blatt vor ihr sind Linien, Pfeile, Punkte, Kreuze, Buchstaben und ein paar flott dahinskizzierte Buchstabenkombinationen zu sehen. Der Künstler, aus dessen Filzstift die Zeichnung stammt, ist in Frankfurt und auch darüber hinaus ein bekannter Mann: Skyliners-Cheftrainer Murat Didin. Gezeichnet hat er es nach einer Heimniederlage an einem dieser schwierigen Abende, an denen er sich stets mit Reportern in einem kleinen, stickigen Raum unter der Tribüne der Frankfurter Ballsporthalle trifft, um noch einmal über das gerade Erlebte zu sprechen.
Didin erklärt bei solchen Gelegenheiten viel und schnell; und weil er von der Sache Basketball einiges versteht, geht das für den einen oder anderen doch etwas zu schnell. Didin merkt es, und versucht mit Hilfe des Filzstiftes mehr Licht ins taktische Dunkel zu bringen. In wenigen Augenblicken hat er drei Spielsituationen aufs karierte Papier gebracht. Es geht rasend schnell. Dieser Spieler stand zu lange da, der andere hat sich nicht rechtzeitig als Hilfe angeboten und sich zu lange auf seinen direkten Gegenspieler konzentriert; diese Abwehrformation muss sich so bewegen, wenn der Gegner den Ball in seinen Reihen bewegt. Ballrotation“ – ein Wort, das Didin oft benutzt, wenn es um die Analyse von Spielzügen geht.
Kampf mit den Linien und Kreuzchen
Assistenztrainerin Daphne Bouzikou kennt Didin als Zeichenkünstler aus vielen Teambesprechungen und aus den Auszeiten, in denen die meisten Headcoaches die knappe Zeit nutzen, um in Sekundenschnelle einen möglichen nächsten Spielzug zu umreißen, oder Korrekturen am Spielsystem vorzunehmen. Zeichnungen, wie die untenstehende erklärten sich aber freilich selten von selbst, sondern seien stets situationsabhängig, erklärt Daphne Bouzikou. Werke wie dieses sind also anspruchsvoll und lassen dem Betrachter viel Raum zur Interpretation.
Den gibt es freilich am Spielfeldrand, wenn sich das Team bei Auszeiten um den Headcoach schart, nicht. Die Sprache der Zeichen auf dem kleinen Brett, das ein Basketballspielfeld zeigt, hat Konstanten. Ein X steht für einen Spieler in der Abwehr, ein O für einen Angreifer. Durchgezogene Linien sind Laufwege, gestrichelte Linien stellen den Flug des Balles bei Pässen dar. Und es gibt eine beachtliche Zahl von Abkürzungen. Ein Dreieck stellt häufig eine Mischverteidigung dar, bei der drei Spieler in Korbnähe Zonenverteidigung spielen und zwei ihre Gegenspieler in Manndeckung nehmen. Der Kampf mit den Linien und Kreuzchen auf dem Taktikboard wird nicht selten in großer Hektik ausgetragen – vor allem dann, wenn das eigene Team in Rückstand liegt, der Gesprächbedarf groß ist und der Trainer seine Spieler zur Klärung der Lage zusammenruft.
Zwei einminütige Auszeiten stehen in der Bundesliga jeder Mannschaft in der ersten, drei in der zweiten Halbzeit zu. In diesen kurzen Pausen das Team auf Kurs zu bringen, fordert den ganzen Trainer. Didin ist es nach dem Spiel oft deutlich anzusehen, wie sehr er an der Seitenlinie mitgeht, während sich seine Profis auf dem Parkett verausgaben.
Die Sprache der Auszeit
Was in der Hitze des Gefechtes bei allen Spielern ankommt, ob sie alles verstehen, was der Trainer da auf dem Taktikboard in der gebotenen Eile flott umreißt? Fragen, die wohl niemand mit absoluter Sicherheit beantworten kann. In Hallen, in denen mächtige Lautsprecheranlagen die Wände vibrieren lassen, während die Teams in den Auszeiten nach neuen Spielwegen suchen, ist die Kommunikation oft schwierig. Daphne Bouzikou verweist auf eine Untersuchung, in der festgestellt worden ist, dass während solcher Auszeiten nur wenig von dem, was über das Taktikbrett vermittelt werden soll, bei den Adressaten ankommt.
Die Spieler sehen sich häufig mit nicht informativen, unvollständigen und floskelhaften Traineräußerungen konfrontiert, mit Aussagen, die aus Leerformeln und Allgemeinplätzen bestehen, dem Spieler somit keine verwertbaren Informationen liefern“, heißt es in der Examenarbeit von Thorsten Skibbe, die das Thema trägt: Die Sprache der Auszeit“. Sollte ein Trainer einmal zufrieden sein mit der Reaktion seines Team, so heißt es dort weiter, sollte er keinesfalls nur aus dem Gefühl heraus, die Zeit nutzen zu müssen, sprachliche Akte produzieren“. Ein in der Auszeit schweigender Didin? Manchmal liegen Wissenschaft und Wirklichkeit doch ein wenig auseinander.
Text: F.A.Z.
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