Kommentar

Bretons Schrift als Spekulationsobjekt

Von Angelika Heinick, Paris

14. Juni 2008 Der Zuschlag von 3,2 Millionen Euro für das Manuskript von André Bretons "Manifeste du Surréalisme", samt der Textsammlungen "Poisson Soluble" und sieben Schreibheften, bei Sotheby's in Paris erntete Applaus im Saal. Doch hernach wurde über den neuen Besitzer des Konvoluts gerätselt. Der Käufer Gérard Lhéritier gab sich als Gründer des 2004 eröffneten privaten "Musée des Lettres et des Manuscrits" zu erkennen und kündigte die baldige Ausstellung der kostbaren Autographen an. Er erklärte, sie gemeinsam mit einer Gruppe von Privatpersonen und Firmen erworben zu haben. Das Privatmuseum in Saint-Germain-des-Prés gehört der ebenfalls von Lhéritier Anfang der neunziger Jahre gegründeten Gesellschaft "Aristophil", die Investoren Anteile an Autographen-Sammlungen anbietet: Diese Investition sei "bereichernd", so heißt es vielsagend auf der Website der Firma: "Sie werden Napoleon, Einstein, de Gaulle oder Voltaire nah sein" - neben "sehr attraktiven finanziellen Perspektiven", wenn die Konvolute nach fünf, sieben oder zehn Jahren gewinnbringend wieder verkauft werden.

Ein neuer Bereich für Anleger

Das "Manifeste du Surréalisme" soll zehn Jahre im Besitz des Museums bleiben, erklärte Lhéritier dem "Journal des Arts", vorher werde es nicht veräußert. Der Pariser Antiquar Jean-Claude Vrain, der bis 1,7 Millionen Euro dafür mitbot, sieht im "Musée des Lettres et des Manuscrits" vor allem ein Instrument für die Spekulation mit Autographen - ein bislang unbekanntes Phänomen, das Frédéric Castaing, Vorsitzender des französischen Antiquariatsverbands (Slam), als "beunruhigend" bezeichnet.

Vergeblich hatte die staatliche "Bibliothèque littéraire Jacques Doucet" versucht, das Manifest per Vorkaufsrecht zu erwerben: Die einzelnen Lose, zunächst provisorisch zugeschlagen, wurden dann noch einmal gesammelt aufgerufen und erreichten schnell ein Niveau, bei dem weder Staat noch Handel mithalten konnten. Die Erleichterung darüber, dass die surrealistischen Gründungspapiere nicht auseinandergerissen wurden, ist also befristet. Dem französischen Staat bleibt noch die Chance, sie zum "nationalen Kulturschatz" zu erklären. Und bei der nächsten Gelegenheit auf einen Mäzen zu hoffen, der die kostbaren Blätter erwirbt und dem Staat schenkt - für Steuervorteile und öffentliche Anerkennung.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

 
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