Venedig-Biennale und Art Basel

Manche können's einfach besser

Von Rose-Maria Gropp

Arme Spiegel: Michelangelo Pistoletto noch mal auf der Höhe seiner Kunst

Arme Spiegel: Michelangelo Pistoletto noch mal auf der Höhe seiner Kunst

15. Juni 2009 Schauplatz eins: Für die 53. Biennale in Venedig hat in den Giardini das skandinavische Künstlerduo Elmgreen & Dragset den dänischen und den Pavillon der nordischen Länder vereinigt unter dem Motto „The Collectors“, als fulminante Farce auf den Kunstbetrieb und -markt, mit durchaus agonalem bis letalem Ausgang für die Beteiligten. Bei den Dänen steht das ganze Haus zum Verkauf, inszeniert als schieres Memento des Immobiliendebakels, staffiert mit Appropriation-Art und angepriesen in einer Performance von einer Maklerperson, die „d-i-e“ als Motto der Firma ausruft - discretion, integrity, efficiency. Hübscher nicht sind die drei „großen D“ des Auktionsgeschäfts zu überbieten - debt, divorce, death.

Nebenan, bei den Skandinaviern, schwimmt im eigens gebauten Pool bäuchlings tot der Sammler, dessen Eigenheim sardonisch als Lounge eines homosexuellen Connaisseurs zugerichtet ist, inklusive in Designersesseln lungernder Echt-Knaben. Das ist großartig, und genauso wahr ist, dass man es bei diesem Auftritt mit einer aggressiven Invektive gegen den Kunstmarkt zu tun hat. Die schöne Leich', die da bei Elmgreen & Dragset dümpelt, als hätte David Hockney aus Versehen ein unfrohes Sujet gewählt, stammt vom italienischen Großkünstler Maurizio Cattelan, dem nichts heilig ist, sondern alles Sakrosankte nur Anlass für seine sündhaft hochbezahlten Provokationen. Hier wird Cattelan seine Mitarbeit, so ist zu vermuten, ein Vergnügen gewesen sein.

Cattelans Pferd im Wasserspeicher

Schauplatz zwei: Der französische Entrepreneur François Pinault eröffnet, parallel zu den Vorbesichtigungstagen der Biennale, das Filetstück seiner Eroberungszüge gen Venedig - den Palazzo Grassi hat er ja schon -, die Punta della Dogana, für angeblich 25 Millionen Dollar durchgebessert vom Architekten Tadao Ando. Was für ein Auftrieb beim Empfang des Kunst-Kolonialherrn. Und was bohrt sich da mit dem Schädel hoch oben in die Ziegelwände des einstigen Warenspeichers der Serenissima? Ein titelloser taxidermierter Gaul aus dem Jahr 2007 von Maurizio Cattelan.

Nur so zum Spaß hier: Wir wissen nicht, was Pinault für dieses unglückliche Tier bezahlt hat, aber bekannt ist, dass sein schärfster französischer Rivale Bernard Arnault, Eigentümer des LVMH-Luxusgüterkonzerns, 2001 in einer Londoner Auktion knapp 620.000 Pfund für ein ähnliches ausgestopftes Pferd bezahlte, das als „La ballata di Trotsky“ von der Decke zu hängen hat. Viel günstiger wird Pinaults Trophäe nicht gewesen sein. Cattelan weiß, was er tut - vor der Krise, nach der Krise und ganz bestimmt in der Krise. Die Leiche im Pool in den Giardini ist nur die andere Seite seines Januskopfs. Cattelan ist der Joker, der Mann für den Spagat in Venedig: Das Ross ist so tot wie der Sammler.

Eine Rückkehr auf Zeit

Schauplatz drei: In den Arsenalen waltete noch einmal Michelangelo Pistoletto, wo ihm in der Corderie der zweite Raum gewidmet ist. In einem melancholischen Rambazamba zertrümmert der Recke der Arte Povera mit einem Vorschlaghammer riesige goldgerahmte Spiegel, dass die Splitter nur so fliegen und das Publikum jubelt. Pistoletto genießt das sichtlich, aber er vollstreckt auch ein Stück Historie. Solche Performances sind (beinah) aus der Welt. Daniel Birnbaum, der Direktor dieser Biennale, hat eine von ihnen noch einmal auf die große Bühne der Kunst zurückgeholt.

Jetzt ist Pistolettos Zertrümmerungswerk ein Statement, eine Erinnerung daran, dass Kunst in Raum und Zeit verläuft, dass im Dazwischen von vorher und nachher ihr Momentum bleibt. Der Kunstmarkt freilich nimmt auch diese Herausforderung an: Auf der Art Basel hängen bei der Galerie Continua aus San Gimignano zwei kleinere Spiegel dieser Art, einer heil, der andere kaputt. Übrigens hat diese Spur von Pistolettos vergänglicher Operation ihren Preis bei 140.000 Euro.

Verschmolzene Sammlungen

Schauplatz vier: Parallel zur Venedig-Biennale 2007 breitete der belgische Kunsthändler Axel Vervoort im Palazzo Fortuny erstmals seine delikaten Waren aus, ununterscheidbar verschmolzen mit Werken aus seiner eigenen und anderen Kollektionen. Vervoort überführte damit das Konzept, das er vor Jahren für seine spektakulären Verkaufsstände auf der „European Fine Art Fair“ in Maastricht erfunden hat, in museale Dimensionen. Die erste Schau „Artempo: Where Time Becomes Art“ - da ist sie wieder, die Zeit - sieht jetzt ihre Fortsetzung in einer Überwältigungsinszenierung des Titels „In-Finitum“.

Man könnte Vervoort, in Analogie zu fusion-food oder fusion-cuisine, als Erfinder der fusion-art feiern, der dem Alten das Neue zuführt, dem Vertrauten das Fremde und dem Wertvollen das Vernachlässigbare. Inzwischen hat sich auch das herumgesprochen: Der Mann verkauft seine Synästhesien im Paket, er richtet teure Häuser damit ein, deren Bewohner ihm dankbar dafür sind, nicht ihren eigenen Geschmack, so denn vorhanden, walten lassen zu müssen. Gäbe es dafür einen besseren show-room als den gebrechlich schönen Palazzo, zur Zeit der Biennale, wenn all das Geld in Venedig gestaut ist?

Spieler gegen Stützen

Vier Orte in Venedig, die Sottise trifft auf das Ridiküle, die Aktion auf das Geschmäcklerische. Das läuft diesmal doch wunderbar: Die aufsässigen Spieler und die Stützen im etablierten Markt treten gegeneinander an, gar nicht böse, aber konfrontativ. Da passt es bestens, dass in Pinaults Schau der Superlative „Mapping the Studio: Artists from the François Pinault Collection“ beispielsweise auch jener Zyklus von Sigmar Polke aus dem internationalen Pavillon von 2007 seine Ruhestatt gefunden hat, um dessen Kauf er sich angeblich mit dem russischen Milliardär Roman Abramowitsch gestritten haben soll. Es gibt noch mehr gute Nachrichten; denn keineswegs stehen die intelligenten Akteure des Kunstmarkts draußen vor den Toren von Birnbaums erfindungsreichem „Welten machen“: So ist als Förderin von Nathalie Djurberg, die zu Recht den Silbernen Löwen bekam als beste Nachwuchskünstlerin, die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz verzeichnet.

Und die obstinaten Staffelhölzer des frühvollendeten André Cadere (1934 bis 1978), wiederkehrende Eckensteher im internationalen Pavillon, waren im Herbst 2007 in der Kunsthalle Baden-Baden zu sehen als „painture sans fin“, nomadisches Prinzip der Subversion des Ausstellbaren schlechthin. Niemand wundert sich, dass sie bei Kennern ihre Preise haben: 2005 war eine dieser „Barre de bois“ bei einer Auktion in Paris noch für 15.000 Euro zu haben; 2008 kostete ein zwei Meter langes Exemplar schon 74.000 Euro und Ende Mai dieses Jahres ein 42 Zentimeter messendes Stäbchen 50.000 Euro (Taxe 8000/12.000). So ist Cadere, bis auf weiteres, ein hübsches Exempel dafür, wie dem blindwütigen „mit den Ohren kaufen“ auf die Nase gehauen werden kann.

Vor zwei Jahren, als der Kunsttrupp von Venedig über Basel zur Documenta in Kassel migrierte, war tatsächlich die Basler Messe die bessere Kunstschau. Denn über Venedig lag der Herbst der Patriarchen, da konnte Basel mit den besten Stücken der beteiligten Galeristen und Händler geradezu mit Frische auftrumpfen. Jetzt sind die Weichen anders gestellt. Daniel Birnbaum hat Ernst gemacht mit dem „Welten machen“ und lauter Nuclei zusammengebracht in Venedig, gar nicht zwingend junge Kunst, sondern eben explosionsfähige. Jetzt ist die Messe wieder in ihrem Element. Basel kommt wieder die klassische Rolle der unüberbietbaren Verkaufsschau zu. Wie es sich gehört.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Gropp

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