Von Björn Biester
01. September 2009 Der Mikroblogging-Dienst Twitter hat seit der Notwasserung eines Passagierflugzeugs auf dem Hudson River und den Protesten in Iran auch die deutsche Öffentlichkeit erreicht. Auf der deutschsprachigen Seite gab es im Juli 145.000 aktive Twitterer und knapp zwei Millionen Besucher. Wenig bekannt ist, dass ausgerechnet unter deutschen Antiquaren einige besonders engagierte Twitter-Nutzer zu finden sind, und das nicht nur, weil das Online-Geschäft das Antiquariat stärker verändert hat als andere Branchen. Ausschlaggebend ist, dass Twitter eine Angelegenheit für scheue, aber trotzdem kommunikationsbesessene Individualisten ist.
Diese Beschreibung trifft auf einen nicht ganz kleinen Teil der Antiquarszunft zweifellos zu. Da gibt es den zurückgezogen in einem Haus voller Bücher lebenden Power-Twitterer Tobias Wimbauer, der sich einen Namen als Ernst-Jünger-Forscher gemacht hat und seine mehr als 1000 Twitter-Anhänger am Antiquarsalltag (Katalogisieren, Bücherversand, Rechnungen schreiben, Katzen, Biowein) teilhaben lässt.
Einblicke ins antiquarische Selbstverständnis
Otto W. Plocher aus Achterstadt in der Wesermarsch besitzt ebenfalls zwei Katzen und sechs Hühner, außerdem eine Vorliebe für euphorisch-genialischen Sprachwitz. Rainer Friedrich Meyer notiert Zeit- und Branchenkritisches und verknüpft Twitter mit einem hervorragenden Antiquariats-Blog. Michael Stein schließlich, spezialisiert auf Film und Kino, zeigt unter anderem das Buchangebot des Tages an und verlinkt auf seine eigene Website mit versandkostenfreier Bestelloption. Die Aufzählung ließe sich verlängern.
Twitter ist so zu einem beliebten Medium für (selbst-)ironische Beobachtungen aus der Antiquariatspraxis geworden. Eine Auswahl: Kollege datiert eine Frontbuchhandelsausgabe auf 1938. Das ginge nur mit einer Weltbürgerkriegstheorie auf oder Habe eben 75 kg Bücher verpackt und zur Post geschleppt. Wo ist die Nürnberger Naturgeschichtliche Buchmalerei (das Buch, meine ich), WO? Verdammtes Sch...chaos, das sogar Quartbände verschluckt! Unmittelbarer als in dem unerbittlichen Twitter-Mahlstrom lässt sich antiquarisches Selbstverständnis der Gegenwart nicht erfahren. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern zeigt auch, was selbstverständlich ist, aber angesichts weltweit größter Online-Antiquariate, die als Sammelort dienen, leicht in Vergessenheit gerät: dass der Handel immer noch von einzelnen Antiquaren getragen wird.
Dreistellig muss die Leserzahl sein
Der Einstieg bei Twitter ist leicht, abgesehen von gewöhnungsbedürftiger Terminologie (Retweet, Reply, Follower Friday etc.): anmelden, erste Kontakte knüpfen ( folgen) und, das Wichtigste, einen authentischen Ton finden. Als Informationsquelle und für spontane Kommunikation ist Twitter großartig; die Verteilung von Informationen setzt jedoch eine große und aufnahmebereite Gefolgschaft voraus, die über Wochen aufgebaut werden muss.
Erst von einer gewissen, mindestens dreistelligen Anzahl von Followern an lassen sich messbare Verkehrsströme etwa auf die eigene Website erzeugen. Ein funktionierender Twitter-Account ist mit Mühe und Zeitaufwand verbunden. Das mag manchen anfänglich interessierten Antiquar verschreckt haben.
Neue Optionen für Geschäftskunden
Lohnt sich Twitter also überhaupt für Antiquare oder sonst jemanden? Zwischen Skeptikern und Enthusiasten besteht eine beträchtliche Kluft, obwohl Twitter paradoxerweise ein Lieblingsthema auf Antiquariatsveranstaltungen aller Art ist und inzwischen, wie zu erfahren war, erste größere Geschäftsanbahnungen über die Seite zustande gekommen sind (der Ankauf spielt im Antiquariatsbuchhandel bekanntlich eine zentrale Rolle). Ob Twitter aber über den Zirkel der Early Adopters hinauswächst, muss sich zeigen.
Die in Kalifornien ansässigen Betreiber schulden den Beweis, dass sich die Seite mit handfesten Geschäftsmodellen verbinden lässt. Das soll sich allerdings noch in diesem Jahr ändern, neben dem kostenlosen Basisangebot werden Optionen für Geschäftskunden eingeführt. Dann können auch die Antiquare erforschen, ob hinter Twitter mehr steckt als ein schönes und ungewöhnliches Augenblicksphänomen unserer oft so verwirrenden Zeit.
Der Verfasser ist Redakteur der Zeitschrift Aus dem Antiquariat und twittert unter dem Namen Philobiblos.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: www.twitter.com
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20:29 20:11 19:54Gorbatschow hatte die Gunst der Stunde verspielt, es hätte anders kommen können!