Von Lisa Zeitz
17. Januar 2007 Die Engländer Andrew und Christine Hall sind die wahrscheinlich größten Sammler zeitgenössischer deutscher Kunst in den Vereinigten Staaten. Vergangenes Jahr haben die beiden Schlagzeilen gemacht, als sie Georg Baselitz Schloss Derneburg samt den dort versammelten Kunstwerken von Immendorf, Penck, Polke, Kiefer und Lüpertz abkauften. Doch das historische Städtchen Southport in Connecticut, im Speckgürtel von New York an der Atlantikküste gelegen, kann sich nicht so recht über die Sammlung des Bankiers und seiner Frau freuen. Genauer gesagt geht es um eine einzelne Skulptur, die manche Gemüter erregt.
Seit fünfzehn Jahren leben die Halls in der Harbor Road in einer klassizistischen Villa auf einem großen Gartengrundstück am Meer. Der Stein des Anstoßes für die traditionsbewussten Bürger von Southport liegt im Vorgarten und heißt Etroits sont les vaisseaux. Es ist eine rund vierzig Tonnen schwere Betonskulptur von Anselm Kiefer von 2002. Der Titel ist ein Zitat aus Saint-John Perses Ode an die See und heißt so viel wie eng sind die Schiffe. Geborstene wellenförmige Betonbahnen türmen sich auf einer Länge von über zwanzig Metern übereinander. Aus ihren Rändern ragen Armierungseisen, und in der Mitte liegt ein aufgeschlagenes Buch aus Blei.
Kunst als Bauwerk ohne Genehmigung
Als es in der Gagosian Gallery in Chelsea ausgestellt war, wurde das Werk hoch gelobt und dahingehend gedeutet, dass Zerstörung ein stetig wiederkehrendes Element der Geschichte sei. Seit Sommer 2003 liegen die bedeutungsschweren Betonteile nun auf dem Rasen in Andrew Halls Vorgarten. 33.000 Dollar hat allein die Installation gekostet, für die fünf Lastwagen und ein Kran benötigt wurden. Zwar ist Anselm Kiefers Werk von der Straße aus durch Hecken abgeschirmt, und die Nachbarn sind der außergewöhnlichen Hallschen Kunstsammlung gegenüber tolerant, aber die städtische Denkmalpflegebehörde ist trotzdem auf Kollisionskurs. Sie argumentiert, es handle sich bei der Monumentalskulptur um ein Bauwerk, das nicht ohne Genehmigung hätte aufgestellt werden dürfen.
Auch Schilder, Zäune und Mauern unterliegen der Genehmigungspflicht, da sie im Boden verankert sind. Andrew Hall, so heißt es, habe damit gekontert, dass auch ein Klettergerüst keine Genehmigung benötige. Worauf die Gegenseite erwidert hätte, das schiere Gewicht der Skulptur verankere sie im Boden wie ein Bauwerk. Der Rechtsstreit läuft: Nachdem ein Richter am Kammergericht 2005 der städtischen Behörde Recht gegeben hatte, wird der Fall jetzt am obersten Landesgericht von Connecticut verhandelt. Im Februar soll entschieden werden, wie es weitergeht. Die Anwälte beider Seiten können sich sogar vorstellen, dass der Fall auf einen Streit um das Recht auf freie Meinungsäußerung hinauslaufen könnte. Eines aber steht schon jetzt fest: Die zeitgenössische Kunst hat es schwer, aber schwere Kunst hat es noch schwerer.
Text: F.A.Z., 13.01.2007, Nr. 11 / Seite 45
Bildmaterial: Andrew Henderson, The New York Times
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