Insolvenz mit Folgen

Die Kunstsammlung von Lehman Brothers

Von Lisa Zeitz

Kunst wird Konkursmasse: So wie die Büros vieler Angestellter wird wohl auch die Kunstsammlung der Firma Lehman Brothers aufgelöst.

Kunst wird Konkursmasse: So wie die Büros vieler Angestellter wird wohl auch die Kunstsammlung der Firma Lehman Brothers aufgelöst.

19. September 2008 Im Jahr 1850 taten sich drei Brüder aus dem bayerischen Rimpar im amerikanischen Alabama zur Firma „Lehman Brothers“ zusammen. Was als kleiner Kurzwarenladen begann, weitete sich schnell zum Baumwollhandel aus und wurde im Lauf der nächsten 150 Jahre zu einer der wichtigsten Investmentbanken der Welt. Viele Lehmans wurden zu bedeutenden Kunstsammlern: Der Robert Lehman Wing des Metropolitan Museum in New York mit bedeutenden Werken des Impressionismus und der Renaissance ist das prominenteste Beispiel für die Kunstbegeisterung und das Mäzenatentum der Familie.

Dass die Firma Lehman Brothers, die seit ihrer Gründung in keinem einzigen Quartal rote Zahlen geschrieben hat, am vergangenen Montag ihren Bankrott erklären musste, schockierte nicht nur die Wall Street. Derzeit wird untersucht, welche Vermögenswerte sich aus den Filialen herausholen lassen. Lindsay Pollock von Bloomberg News gibt die Anzahl der Kunstwerke in der Firmensammlung mit rund 3500 an. Es würde nicht sehr überraschen, kapitale Stücke der Sammlung, etwa von Andreas Gursky oder Takashi Murakami, demnächst in Auktionskatalogen zu finden; Gemälde von Wayne Thiebaud, Graphiken von Frank Stella und Jasper Johns und eine große Skulptur von Louise Nevelson wurden um 1980 erworben.

Frühe Werke von Damien Hirst

Als Lehman Brothers im Jahr 2003 die Firma Neuberger Berman kaufte, kam damit auch eine besonders prominente Sammlung von rund 600 Werken zeitgenössischer Kunst mit an Bord. Der Gründer dieser Firma, Roy Neuberger, war ein großer Kunstsammler und schenkte dem nach ihm benannten Neuberger Museum an der Universität des Staats New York in Purchase Gemälde von Edward Hopper, Helen Frankenthaler und vielen anderen. Sein Kollege Arthur Goldberg hatte in den Neunzigern für die Firma junge Kunst von damals noch wenig bekannten Künstlern wie Damien Hirst und Marlene Dumas gekauft. 55 Werke der Sammlung Neuberger gingen 2003/2004 auf Museumstour von Seattle über Chicago bis nach Tampa in Florida.

Darunter waren Skulpturen von Jim Hodges, Yoshimoto Nara und Don Brown, Fotografien von Candida Höfer, Vik Muniz, Olafur Eliasson, Thomas Struth und Gregory Crewdson und Gemälde von Neo Rauch, Karin Davie, Marilyn Minter und Laylah Ali. Es gibt einige Privatkapitalgesellschaften, die als Kandidaten zum Kauf der Einheit Neuberger Berman inklusive der Kunstsammlung bereitstehen. Doch es ist fraglich, ob die Firmensammlung im Fall einer Übernahme intakt bleiben würde. Sotheby's und Christie's könnten bei der Liquidierung sicher behilflich sein. Christie's hat vor zwei Jahren zum Beispiel rund 500 Werke der Fotografie-Sammlung des bankrotten Terminhandelsunternehmens Refco versteigert. Als großer Verlierer stehen die Museen da, denen die Investmentbank Lehman Brothers in den vergangenen Jahren viele Millionen Dollar zukommen ließ.

Lehman Brothers waren Sponsoren der Brice Marden Retrospektive im Museum of Modern Art, einer Jackson Pollock-Ausstellung im Guggenheim Museum und unzähliger anderer kultureller Aktivitäten. Allein im Jahr 2007 soll Lehman Brothers 39 Millionen Dollar gespendet haben. Zu den Begünstigten gehörten die Asia Society, die Frick Collection, das American Folk Art Museum, das International Center of Photography, das New Museum of Contemporary Art, das Whitney Museum und das Art Institute of Chicago. Wer in Amerika durch Museumsausstellungen geht, liest derzeit noch die Namen von Investmentfirmen an oberster Stelle. Eine Kultur, die sich so sehr auf Finanzierung aus diesem Sektor verlassen konnte, wird nun schnell bitterkalte Füße bekommen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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