Damien Hirst

Weniger ist mehr

Von Rose-Maria Gropp

Blieb unverkauft: Damien Hirsts Lackbild ''Beautiful Artemis Thor Neptune Odin Delusional Sapphic Inspirational Hypnosis Painting'' von 2007

Blieb unverkauft: Damien Hirsts Lackbild ''Beautiful Artemis Thor Neptune Odin Delusional Sapphic Inspirational Hypnosis Painting'' von 2007

19. November 2008 Wer hätte das gedacht: Damien Hirst findet, dass die Preise auf dem Kunstmarkt zu hoch sind. Immerhin ist der Brite, Jahrgang 1965, einer der höchstbezahlten Künstler weltweit und entsprechend einer der vermögendsten; weshalb er das beurteilen kann. Die englische Zeitung „The Independent“ hat den Spitzenartist auf den Rückgang eines gut sechs Meter breiten Gemäldes aus dem Jahr 2007 mit vier knallbunten Schädeln angesprochen: Das Werk des relativ sinnfreien Titels „Beautiful Artemis Thor Neptune Odin Delusional Sapphic Inspirational Hypnosis Painting“ blieb in der vergangenen Woche bei den New Yorker Auktionen unverkauft.

Eingeliefert hatte es, laut Katalog, wohl Damien Hirsts amerikanischer Galerist Larry Gagosian; die Schätzung dafür lag bei drei bis vier Millionen Dollar. Neben der offensichtichen Provokation, die generell in Hirst Äußerung liegt und die der Artikel demonstrativ mißbilligt, entsteht da eine gewisse Pikanterie. Denn Hirst erklärt weiter, dass sein Großformat „von ihm vor weniger als einem Jahr zum halben Preis abgekauft worden“ sei. Es ist immer wieder spekuliert worden, dass er an seine Galeristen Jay Jopling in London und Gagosian in New York bei Verkäufen nicht den inzwischen üblichen Prozentsatz in Höhe von fünfzig Prozent abtrete. Was Hirst hier aber andeutet ist, dass Gagosian, sofern er der Einlieferer ist, gerade versucht hat, mindestens diese Spanne über eine Auktion zu erzielen.

Zum perfekten Zeitpunkt

Besonders herben Charme gewinnt die Erwähnung seines eigenen Preises für das Gemälde vor dem Hintergrund, dass Hirst vor gut zwei Monaten - in einem singulären Coup, an seinen Galeristen vorbei - 223 seiner jüngsten Arbeiten bei Sotheby's in London versteigern ließ. „Beautiful Inside My Head Forever“, so der Titel der Auktion, geriet nicht nur zur ultimativen, sondern auch zur letzten Veranstaltung eines bis dahin in nie gesehenem Ausmaß boomenden Kunstmarkts. Je länger man darüber nachdenkt, desto unglaublicher erscheint der Zufall, dass Hirsts Hundert-Millionen-Pfund-Auktion genau auf den Tag des Lehman-Brothers-Bankrotts fiel. Am „Black Monday“ standen 4500 Banker in der City von London auf der Straße, während in der New Bond Street eine Zoo- und Vanitas-Galerie atemraubende Preise brachte.

Damien Hirst fallen zum Thema Preisanpassung durchaus prägnante Sätze ein: „Ich denke, das ist ganz gut, weil es unwirklich wurde. Man beginnt zu denken, Gott habe einen berührt. Ich habe immer gedacht, dass Kunst das wert ist, was der Nächstbeste dafür zu bezahlen bereit ist.“ Das entspricht in der Tat der Spielregel des Marktes, die er selbst wie kein anderer Künstler ausgereizt hat. Und das eigentliche Ausmaß seiner Selbstherrlichkeit enthüllt sich, wenn er jetzt ankündigt, dass er die Preise für seine neuen Arbeiten senken werde. Ihn schert das Kunstsystem, das ihn groß hat werden lassen, kein Jota mehr. Er demonstriert seine Autarkie.

Man könnte es Damien Hirsts individuellen, zynischen Realismus nennen, dass er es nachgerade begrüßt, wenn seine Arbeiten jetzt, in den Zeiten der Rezession, billiger verkauft werden. Aber man kann ihm gewiß nicht nachsagen, dass er blöde wäre. Er zieht bloß seine nächste Konsequenz aus der Absurdität jener ökonomischen Wirklichkeit, wie sie bis vor wenigen Wochen auch den Kunstmarkt unangefochten beherrscht hat.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Phillips de Pury

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche