
Andrej Jerofejew mit Mitgliedern der Gruppe „Woina“ (Krieg) vor der Parole „Ich bumse für das Bärchen“.
15. Juni 2009 Diesmal war eigentlich etwas ganz Akademisches geplant. Andrej Jerofejew, der frühere Kurator der Tretjakow-Galerie für zeitgenössische Kunst, der derzeit wegen seiner Schau zensierter Kunstwerke vor Gericht steht, wollte die Textfixiertheit der russischen Kunst der vergangenen fünfzig Jahre in einer großen Retrospektive vorführen. Jerofejews sinnigerweise zusammen mit dem Moskauer Buchfestival im Zentralen Künstlerhaus eröffnete Ausstellung Lettrism versammelt Gemälde, Graphik, Fotoarbeiten, Objekte von Klassikern des Moskauer Konzeptualismus bis zu Graffitikünstlern, aber auch traditionelle Maler der Gegenwart, deren Werk von Schriftzeichen lebt. Da die Neue Tretjakow-Galerie, die unter dem gleichen Dach untergebracht ist, sich weigerte, aus ihrer aktuellen Sammlung, die sie von Jerofejew bekam, ihm Leihgaben zur Verfügung zu stellen, beginnt der Rundgang mit Bildern von Kabakov, Bulatov und Stejnberg, die der Kurator bei sich zu Hause von der Wand nahm.
Das Finale bildete ein hauswandgroßes Foto der Orgie Bumsen für das Bärchen, die die Aktionsgruppe Woina (Krieg) zu Ehren der Inauguration von Präsident Medwedjew, wohl als Beschwörung einer Dynastie veranstaltete, denn sein Name leitet sich von Bär (Medwed) ab. Daneben prangten bis zum Eröffnungstag Bilddokumente ihrer Performances im Supermarkt, wo sie symbolisch Gastarbeiter aufhängten und, mit Priesterkutte und Polizeimütze doppelt verkleidet, einen vollen Einkaufswagen an der Kasse vorbeimanövrierten. Doch die Vernissage der Retrospektive wurde jetzt von echten Polizisten gestört, die die Werke entfernten und ein Mitglied von Woina abführten.
Von Kunstwerken und Blumen
Dass der Mensch kein beseelter Körper ist, sondern in eine animalische und in eine intellektuelle Hälfte zerfällt, veranschaulichten schon die Fotos der Gruppe Kollektive Aktionen aus den siebziger Jahren, wo feierliche Spruchbänder wie Mir gefällt es hier belanglose Schneelandschaften krönen, aber auch die neueren Bildmontagen von Oleg Kulik, in denen der Künstler mit Hufen und Hörnern als Ihr Abgeordneter auftritt. Die meisten Arbeiten gehören ihren Autoren oder Galerien, sind also käuflich zu erwerben. Nikita Alexejew steuerte eine Batterie Blumentöpfe bei, aus denen je ein Stöckchen mit beschrifteter Pappscheibe wächst - weil Kunstwerke wie Blumen ja oft eher nach Etikett bewundert werden als nach dem Augenschein.
Von großartiger Tragikomik sind Dmitri Gutows Jelzin-Denkmal, bestehend aus den übereinander gebauten Betonbuchstaben des Namens des ersten Präsidenten, beschallt vom Kalinka-Gesang, durch den Jelzins Gebrumm zu hören ist, aber auch Alexander Sokolows Kalender von 1990, an dessen Stahlring man drei zentimeterdicke Holztäfelchen mit der Aufschrift Gestern, Heute und Morgen hin- und herwenden kann.
Schützenhilfe für den verfolgten Jerofejew leisten die Gruppe Blaue Nasen, die in Film und Fotos einen Krieg gegen die für zersetzende Kunst verantwortliche Supre-Mafia entfesseln, und Avdej Ter-Oganjan mit seinen abstrakten Linien- und Hieroglyphenbildern mit Unterschriften wie: Dieses Bild sät religiöse Zwietracht oder Dieses Bild fördert Rauschgiftkonsum. Die Gruppe Woina schadete mit ihrer künstlerischen Solidaritätsdemonstration sich selbst und möglicherweise auch Jerofejew. Das liegt auch daran, seufzt der Kurator, dass die Krieger im Unterschied zu ihren Künstlerkollegen fast ironiefrei sind.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Konstantin Rubachin
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