Glosse

Ralph Esmerians Steinchen

Von Lisa Zeitz, New York

19. April 2008 Für den vergangenen Dienstag hatte Christie's in New York die bedeutendste Auktion historischer Juwelen überhaupt und aller Zeiten angekündigt. Hinter dem Katalogtitel "The Eye of a Connoisseur" verbarg sich der unglückliche Ralph Esmerian, ein französisch-armenischer Juwelenhändler in der vierten Generation. In New York hat er sich damit einen Namen gemacht, dass er dem American Museum of Folk Art seine Sammlung von rund 400 Stücken an "Americana" als Schenkung versprochen hatte. Bei Christie's nun sollten 115 Lose aus der Esmerian-Kollektion insgesamt 34 Millionen Dollar einspielen. Zur Vorbesichtigung waren seine kostbarsten Schätze in einem mit Pfauenfedern geschmückten Pavillon präsentiert worden.

Im dramatischen Licht der Scheinwerfer funkelten der umwerfende Ring mit dem rosafarbenen Brillanten, der mit seinen 14,23 Karat auf zehn bis fünfzehn Millionen Dollar geschätzt war, ebenso wie eine bombastische Brillantbrosche, die François Kramer im Jahr 1855 für Kaiserin Eugénie anfertigt hat, geschätzt auf vier bis sechs Millionen Dollar, neben mehr allerfeinsten Jugendstil- und Art-déco-Schmuckstücken. "Waghalsig! Rücksichtslos!" nannte Ralph Esmerian die geplante Versteigerung; denn, so ließ er verlauten, in privaten Verkäufen könne er weitaus mehr aus den Juwelen herausholen. Freilich - Esmerian war nicht selbst der Einlieferer: Er hatte seine Sammlung von Kostbarkeiten gegen einen Kredit in Höhe von 187 Millionen Dollar bei der Investmentbank Merrill Lynch hinterlegt und damit glücklose Geschäfte finanziert.

Der Bankrott als Erlösung

Als er nun mit den Zinszahlungen in Verzug geriet, lieferte die Bank, deren eigene hohe Verluste derzeit die Schlagzeilen beherrschen, Esmerians Kollektion kurzerhand bei Christie's ein. Doch der Juwelenhändler wollte die Auktion seiner wertvollen Erbstücke mit allen Mitteln verhindern. Am Tag vor der Auktion hieß es, sie sei abgeblasen; dann wieder, sie finde doch statt. Als letzten Ausweg sahen Esmerians Anwälte schließlich, wenige Stunden vor der Versteigerung verschiedene seiner Geschäftzweige für bankrott zu erklären: Damit sind Teile von Esmerians Vermögen eingefroren. Und der Auktionator konnte dem bereits versammelten Publikum im Saal von seinem Pult aus nur noch mitteilen, dass die Auktion nun doch nicht stattfinden könne.

Höhere Diplomatie kennzeichnete die offizielle Verlautbarung von Christie's: "Natürlich waren wir enttäuscht, die Auktion nicht durchführen zu können. Aber wir sind stolz, als Auktionshaus für diese wunderbare Sammlung ausgewählt worden zu sein." Übrigens konnte Christie's die Enttäuschung am nächsten Tag teilweise wettmachen; man versteigerte andere Juwelen für fast fünfzig Millionen Dollar, so viel wie noch nie zuvor in den Vereinigten Staaten. Wieder waren einige Stücke von Ralph Esmerian darunter. Er hatte sie selbst bei Christie's hinterlegt, zur Finanzierung eines anderen Kredits.



Text: F.A.Z.

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche