Peking und die Tibeter

Des Dalai Lamas „böse Taten“

Von Petra Kolonko, Peking

06. Mai 2008 Die schärfsten Kommentare kamen wieder von Chinas Statthalter in Tibet. Der Dalai Lama habe nicht nur seine „ungeheuren Verbrechen“ weiter geleugnet, sondern sogar seine Schwindeleien noch fortgesetzt, schrieb in Lhasa das Parteiorgan „Xizang Daily“. Während in Peking versichert wurde, dass die chinesische Regierung die Gespräche mit dem Dalai Lama mit gebotener Ernsthaftigkeit betreibe, erging sich die Verwaltung von Tibet weiter in Beschimpfungen.

Pekings Statthalter sind nicht die einzigen, die trotz der Wiederaufnahme der Gespräche mit den Exil-Tibetern ihre Kampagne gegen den Dalai Lama fortsetzen. Auch die chinesischen Zeitungen berichten weiter über die angeblichen Taten des Dalai Lamas und bleiben bei der Darstellung, die Unruhen in Tibet seien vom Dalai Lama geplant und organisiert gewesen.

Erstaunliche Gespräche

Da ist es dann schon fast erstaunlich, wenn sich beide Seiten nach den Gesprächen in der südchinesischen Stadt Shenzhen vorsichtig positiv äußerten. Die Gespräche seien nur ein erster Schritt, hieß es aus dem Pekinger Außenministerium, ein Sprecher der Exil-Tibeter sprach sogar von einer freundlichen Atmosphäre. Man hat sich geeinigt, die Gespräche fortzuführen.

Über deren Substanz wurde wie schon bei den vorigen sechs Runden nicht viel bekannt. Es wurden bislang vor allem Positionen ausgetauscht. Früher gehörten dazu Zukunftsperspektiven chinesischer Tibet-Politik oder die Frage einer Rückkehr des Dalai Lamas in seine Heimat. China muss sich angesichts der Propaganda-Kampagne fragen lassen, ob es an einer Annäherung interessiert ist oder ob es mit der neuen Gesprächsrunde nur Zeit gewinnen will, um wenigstens bis zu den Olympischen Spielen aus der internationalen Kritik zu kommen, ob es die Situation in Tibet nicht mehr nur durch Truppen, sondern auch durch Kontakte mit dem Dalai Lama befrieden will.

Schon als die Gespräche mit „privaten Gesandten“ des Dalai Lamas vor sechs Jahren aufgenommen wurden, war offensichtlich, dass Peking mit den Kontakten ausländische Kritik entkräften und vor allem Wünschen Amerikas nachkommen wollte. Für China gab es nie ein Tibet-Problem und somit auch nicht viel zu bereden. Nach chinesischer Definition hatte Tibet bereits Autonomie, und mehr war nicht zu erhandeln. Die Gesandten des Dalai Lamas wurden dann zuvorkommend behandelt, durften sich die wirtschaftlichen Errungenschaften der chinesischen Boomwirtschaft und einige Tempel ansehen und wurden dann mit leeren Händen nach Hause geschickt.

Klage über unrealistische Forderungen

Im vergangenen Jahr äußerte sich erstmals Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao öffentlich indirekt zu den Gesprächen, die bis dahin der chinesischen Öffentlichkeit verschwiegen worden waren. Bei der Pressekonferenz nach dem Volkskongress klagte Wen über die unrealistischen Forderungen der Exil-Tibeter. Sie wollten, dass China einen großen Teil seiner Truppen aus Tibet zurückziehe. Das stehe natürlich nicht zur Debatte. Ein weiteres Hindernis bei allen Gesprächsrunden war die unterschiedliche Definition des Begriffs Tibet. Nach dem Verständnis des Dalai Lamas gehören zu Tibet auch die von Tibetern bewohnten Regionen in den chinesischen Provinzen Qinghai, Sichuan, Yunnan und Gansu.

Nach den Unruhen in Tibet, nach Verhaftungen, Verurteilungen und „Erziehungskampagnen“ in den Klöstern gäbe es jetzt Konkretes zu bereden. Bevor Konzepte wie „Groß-Tibet“ oder die „Autonomie“ theoretisch erörtert werden können, könnte beiden Seiten daran gelegen sein, erst wieder Frieden zwischen Han-Chinesen und Tibetern herzustellen, damit sich die Lage in der „Autonomen Region Tibet“ und in den anderen Regionen wieder entspannt. China fordert vom Dalai Lama Taten. Woraus die bestehen sollten, bleibt aber immer offen. Auch China ist zu Entgegenkommen aufgefordert, hohe Haftstrafen für Mönche und Kampagnen in den Klöstern werden nicht zur Beruhigung der Lage beitragen.

Statt aber einzulenken, hat die chinesische Regierung daran erinnert, dass sie für die Zukunft Tibets und die Rolle des Klerus dort weiter ihre eigenen Pläne verfolgt. Im chinesischen Fernsehen trat erstmals der von China inthronisierte Panchen Lama, der zweithöchste Würdenträger in Tibet, auf. Unter der Führung der Partei würden die Tibeter sicher ein glückliches Leben führen, sagte er. Und: Er bete für einen Erfolg der Olympischen Spiele.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP