Von Jochen Buchsteiner, Dharamsala
02. April 2008 Der Weg zum Dalai Lama führt bergab. Sein Tempel thront nicht, wie bei Herrschern üblich, über der Stadt, sondern liegt Dharamsala zu Füßen. Die Bescheidenheit, auch im Symbolischen, verlangt dem Oberhaupt der Tibeter Respekt in aller Welt ab. Aber seit die Aufstände der Tibeter gegen die chinesischen Sicherheitskräfte begonnen haben, trägt ihm die Absage an jegliche Machtansprüche im eigenen Volk auch Kritik ein.
Nur wenige Meter vor dem Tempel hat Sonam Dorjee seinen Informationstisch aufgestellt. Dorjee gehört dem Tibetischen Jugendkongress an, der seit den siebziger Jahren eine härtere Gangart gegenüber China fordert. Wir respektieren den Dalai Lama als Führer der sechs Millionen Tibeter, sagt der junge Aktivist, aber wir machen von unserem Recht Gebrauch, andere Ziele zu verfolgen.
Wochenlanger Hungerstreik
Für die im Kongress organisierte Jugend ist der traditionelle Mittelweg des Dalai Lama kein Gebot mehr. Statt Autonomie für Tibet fordert sie die staatliche Unabhängigkeit von China, und auch das Prinzip der Gewaltfreiheit wird zunehmend in Frage gestellt. Wenn unsere Brüder und Schwestern in Tibet ihr Leben für ein Ende der chinesischen Unterdrückung opfern, dürfen wir hier im sicheren Exil nicht hinter ihre Ziele zurückgehen, sagt Dorjee. Und wenn sie irgendwann beschließen, die Waffe in die Hand zu nehmen, dann ist es unsere Pflicht, sie zu unterstützen.
Hinter dem Aktivisten kauern zwei Dutzend Tibeter, in Decken gehüllt, und warten, dass der Tag zu Ende geht. Sie nehmen an einem wochenlangen Hungerstreik teil, der alle 24 Stunden Schichtwechsel hat. Ihr Protest gegen das Vorgehen der chinesischen Sicherheitskräfte zählt zu den vielen politischen Aktivitäten, die das Stadtbild Dharamsalas prägen. Überall wehen die Nationalfahnen Tibets. Die Straße, die sich zum Haupttempel hinabschlängelt, ist gesäumt von großformatigen Fotografien, die die Opfer von jenseits der Grenze zeigen; im Tibetischen Zentrum für Menschenrechte und Demokratie wird versichert, dass es sich um Tibeter aus der chinesischen Provinz Sichuan handelt, deren Leichen ins Kloster Kirti in Ngaba gebracht und dort mit einer Digitalkamera fotografiert worden seien.
Fast jeder Ort in der Stadt macht deutlich, dass Dharamsala seit bald einem halben Jahrhundert das Zentrum der Exiltibeter ist. Die Internetcafés werben mit günstigen Tarifen für Skype-Anrufe nach China. In jedem zweiten Geschäft finden sich neben dem Bild des Dalai Lama englischsprachige Schilder, die ein Freies Tibet oder einen Stopp des Völkermordes fordern. Die tibetisch geführten Restaurants der Stadt haben sich zu einer Sammelaktion zusammengefunden. Unter der Überschrift Wanted: Shoes for the Return March to Tibet bitten die Gastwirte um Sportschuhe (keine chinesischen Produkte!) und um Socken (no Nylon!). Der Protestmarsch an die tibetische Grenze hat zwar schon begonnen, aber die neue Ausrüstung soll hinterhergeschickt werden.
Empörung unter den Zuschauern
Mit den Jahren hat sich Dharamsala zu einem einzigartigen Soziotop entwickelt. In den Gässchen mischen sich tibetische Mönche und andere Flüchtlinge mit indischen Geschäftsleuten und Bettlern sowie Touristen aus aller Welt. Viele Ausländer befinden sich hier auf spiritueller Entdeckungstour, und wenn sie auch nicht den Dalai Lama persönlich erleben, so bieten doch viele kleine Lamas Meditationen an, die wiederum mit indischen Yogalehrern und Masseuren in Konkurrenz stehen. Jene, die zum Wandern gekommen sind - Dharamsala liegt auf fast 1800 Metern Höhe -, kaufen auf den Märkten der Stadt tibetische Wolljacken und Trekkinglektüren des Dalai Lama. Abends, wenn die Mönche zum Sitz Seiner Heiligkeit ziehen, schließen sich viele Touristen dem Strom an und setzen sich am Ende mit einer Kerze im Schneidersitz auf den Tempelvorplatz.
An diesem Abend lässt sich der Dalai Lama nicht persönlich blicken. Ein anderer Geistlicher leitet das Gebet zum Gedenken an die Getöteten, Hunderte sprechen ihm nach. Dann werden die jüngsten Fernsehberichte über Tibet auf eine Leinwand übertragen. Die Kamerabilder von prügelnden Volkspolizisten in China rufen Empörung unter den Zuschauern hervor. Als ein deutschsprachiger Beitrag aus Österreich einen Aktivisten zeigt, der die Fassade der chinesischen Botschaft in Wien erklimmt, bricht Beifall vor dem Tempel aus.
Der Aufstand in Tibet nutzt unserer Sache, sagt Tenzin Takhla. Er hat der Welt die Augen geöffnet. Takhla, ein westlich gekleideter Tibeter mit amerikanischem Pass, ist der Sekretär des Dalai Lama und weiß, dass eine solche Bestandsaufnahme nicht ohne Risiko ist. Seit drei Wochen wird sein Chef von der Regierung in Peking auf Pressekonferenzen beschuldigt, die anhaltenden Proteste in Tibet zu steuern. Takhla, der auch als Sprecher des Dalai Lama fungiert, weist dies als gegenstandslos zurück und verlangt von der chinesischen Führung Beweise.
Keiner hat die Aktionen der Volksarmee und Polizei gesehen
Öffentlich hat der Dalai Lama in den vergangenen Wochen alles getan, um den Konflikt nicht weiter anzuheizen. Er drohte sogar mit Rücktritt, sollten die Tibeter auf Gewalt setzen. Und er fuhr jenen in die Parade, die sich für einen Boykott der Olympischen Spiele einsetzten. Das größte Volk der Erde verdiene das Sportfest, sagte er, und pochte lediglich darauf, dass die olympischen Werte auch von Peking geachtet würden. Seine Heiligkeit, erläutert Tahkla, sei überzeugt, dass eine friedliche Lösung der Tibetfrage nur möglich ist, wenn das chinesische Volk seine Sympathien für die Tibeter nicht verliert. Und dies drohe für den Fall, dass man die Boykottaufrufe unterstützen würde.
Der umsichtige, auf Entschärfung zielende Kurs des Dalai Lama ist nicht nur in der politisch organisierten Jugend umstritten. Der Raupenfahrer Gyamtso hatte vom rebellischen Jugendkongress noch nie etwas gehört, als er sich vor drei Wochen von einem Fluchthelfer in Lhasa im Gepäckraum eines Transporters verstecken und über die nepalesische Grenze schmuggeln ließ. Jetzt sitzt er im Auffanglager von Dharamsala und sagt: Wenn ich gewusst hätte, dass bald ein richtiger Aufstand beginnt, wäre ich geblieben und hätte mitgemacht.
Gyamtso zählt zu den letzten Tibetern, denen die Flucht noch geglückt ist. Gleich nach dem Beginn der Aufstände am 10. März riegelten die Chinesen die Grenzen nach Nepal und Indien ab. Nur noch fünfzig Flüchtlinge sind in dem Übergangslager im Zentrum Dharamsalas untergebracht, das in normalen Jahren zweitausend Tibeter aufnimmt. Kein einziger hat die Aktionen der Volksarmee und der chinesischen Polizei mit eigenen Augen gesehen. Die Informationen, die über die aktuelle Lage in der Heimat kursieren, stammen aus Telefongesprächen und Mails. Auch Gyamtso weiß nur vom Hörensagen, dass die Auseinandersetzungen in Tibet angeblich weitergehen, insbesondere in seiner Heimatprovinz Amdo.
Ein schwerer Verlust für die Chinesen
150.000 Tibeter leben inzwischen im Ausland, etwa zwei Drittel von ihnen auf dem Subkontinent. In Dharamsala, hoch im Nordosten des indischen Bundesstaates Himachal Pradesh, haben sich nur einige tausend dauerhaft eingerichtet, und auch Gyamtso will die kleine Stadt in Richtung Süden verlassen, sobald er die Tibetan Transit School absolviert hat. Zu Hause in Tibet, sagt er, habe er sich keine Schulausbildung leisten können. Am unerträglichsten sei aber die religiöse Bevormundung gewesen. Mindestens einmal in der Woche kam die Polizei ins Haus meiner Eltern und kontrollierte, ob ein Bild des Dalai Lama an der Wand hing.
140 Tibeter seien bisher bei den Aufständen ums Leben gekommen, sagt Urgen Tenzin, der das Menschenrechtszentrum leitet, das auf dem Dach des Informationsamtes der Exilregierung untergebracht ist. Zur Zeit verschlinge die Sorge um die Landsleute die ganze Energie, sagt er. Aber natürlich mache man sich auch Gedanken über die politischen Folgen der jüngsten Ereignisse. Er sieht die Gefahr, dass die Hardliner in Peking nach dem Ende der Olympischen Spiele umso entschiedener gegen die tibetischen Autonomieansprüche vorgehen; der Exilregierung liegt angeblich ein geheimes Dokument aus Peking vor, in dem über eine massive Besiedlungspolitik nachgedacht wird. Für ebenso denkbar hält Tenzin aber, dass die Aufstände die Regierung Peking zum Umdenken bewegen. Unter den chinesischen Intellektuellen hat eine lebhafte Debatte um die Tibetpolitik begonnen, weiß er.
Dass immer mehr junge Tibeter ungeduldig werden, kann Tenzin nachvollziehen. Sie sehen, dass die seit Jahrzehnten verfolgte Mittelwegpolitik nichts erreicht hat und suchen nun in ihrer Frustration nach neuen Wegen. Noch stehe das Bollwerk gegen Gewalt und für eine gewaltfreie Lösung des Konflikts, sagt Tenzin - aber mit welchen Mitteln der nationale Kampf weitergeführt werde, wenn der Dalai Lama die Tibeter eines Tages nicht mehr führe, sei schwer vorauszusagen. Der Tod des Dalai Lama wäre ein ungeheurer Verlust für die Tibeter - aber auch ein schwerer Verlust für die Chinesen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, Reuters