18. Mai 2008 Die Gleichzeitigkeit historischer Erfahrungen ist am Sonntag zu verspüren gewesen, als der Dalai Lama in Nürnberg über die Menschenrechte sprach - in einer Halle, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Überresten derjenigen monumentalen Bauten liegt, die das nationalsozialistische Regime auf dem Reichsparteitagsgelände errichtete. Deutlicher hätte der Kontrast zwischen den gelenkten Masseninszenierungen des Dritten Reichs und dem bescheidenden Auftreten eines einfachen Mönchs, als der sich der Dalai Lama versteht, nicht sein können; zwischen den pompösen Ritualen einer Diktatur, die mit den Nürnberger Gesetzen die Juden und andere Minderheiten in die Rechtlosigkeit stieß, und dem Plädoyer des geistlichen Oberhaupts der Tibeter für die Würde des Individuums; zwischen einer politischen Heilslehre, die im Grauen von Auschwitz endete, und dem Werben des Dalai Lamas für eine Kultur des Mitgefühls.
Die Gleichzeitigkeit historischer Erfahrungen gewann noch an schmerzlicher Aktualität, als der sozialdemokratische Oberbürgermeister von Nürnberg, Ulrich Maly, es als eine Selbstverständlichkeit bezeichnete, dass er bei der Veranstaltung mit dem Dalai Lama nicht nur anwesend war, sondern sie auch moderierte. Denn nicht nur in Malys Partei ist in diesen Tagen alles andere als selbstverständlich, was im Umgang mit dem Dalai Lama als angemessen zu gelten hat.
Ein Gespräch nicht unbedingt notwendig?
Vor dem Besuch in Nürnberg hatte sich der bayerische Ministerpräsident Beckstein mit der Feststellung zu Wort gemeldet, der Dalai Lama sei ein religiöser Führer, mit dem ein Gespräch nicht unbedingt notwendig sei. Hätte der CSU-Politiker, der in Nürnberg zu Hause ist, am Sonntag die Sprechchöre chinesischer Demonstranten vor der Halle gehört, die, angetrieben von Einpeitschern mit Megaphonen, den Gast als Dalai Lügner schmähten, wäre ihm die Einordnung, was unbedingt notwendig sei, vielleicht nicht so unbeschwert über die Lippen gegangen.
In den sonntäglichen Morgenstunden, in denen ein unablässiger Strom von Menschen zum Vortragsort eilte, wurde auch noch eine andere Gleichzeitigkeit deutlich - der religiösen und spirituellen Erfahrungen. Alle Facetten, die dem Dalai Lama in den vergangenen Jahren zugeschrieben wurden - Popstar der Erleuchtung, Symbolfigur der Sinnsuche, Projektionsfläche politischer Minderheiten -, spiegelten sich in den Verkaufsständen, in den Besuchern, in ihren Gesprächen wider.
Zu sehen und zu hören war, dass sich ganz unterschiedliche Identifikationen und Erwartungen mit ihm verbinden - vom zaghaften Käufer eines schmalen Büchleins So einfach ist das Glück bis zum Zuhörer, der in meditativer Versenkung auf einem kargen Metallsitz auf die Worte des Dalai Lamas wartete. Von der Dame, die das kleine Schwarze gewählt hatte, bis zum ergrauten Zopfträger im XXL-Shirt; von der handfesten Niederbayerin, die angesichts der langen Schlangen vor den Sicherheitskontrollen ein herzhaftes Jessas Maria ausstieß, bis zu gestrengen Verehrern des Dalai Lamas, die während des Vortrags unachtsame Zeitgenossen, deren Mobiltelefon sich rührte, mit wenig mitfühlenden Blicken maßen.
Imbiss in der VIP-Loge
Kulturkritiker, die sich an einer Wahrnehmung des tibetischen Buddhismus als Wellnessreligion stoßen, konnten reiche Beute machen - bis hin zu den VIP-Logen in der Halle, in denen sich bei einem Imbiss exklusiv auf den Dalai Lama eingestimmt werden konnte. Und doch wurden die bewährten Instrumente des Kategorisierens und Bewertens wieder einmal seltsam stumpf, als der Dalai Lama das Podium betrat und zunächst einen Augenschirm zum Schutz vor den grellen Scheinwerfern aufsetzte. Dann ließ er in gewohnter Unverstelltheit nicht nur wissen, dass er eigentlich kein ausgesprochener Fachmann für die Frage der Menschenrechte sei, sondern tat auch vorbeugend kund, er verüble es keinem Zuhörer, wenn er seinen Ausführungen nichts abgewinnen könne. Sie sollten seine Worte einfach vergessen.
Wer auf ein wissenschaftliches Symposion zum Verhältnis der Ethik des Buddhismus, der Lehre vom Nicht-Ich, und einem personal gedachten Konzept der Menschenrechte gehofft hatte, musste sich umstellen - auf milde Warnungen vor Egozentrik, vor dem Irrglauben, den inneren Frieden im Supermarkt erwerben zu können, und vor Schmähungen anderer Religionen.
Es war eine leicht bekömmliche Quintessenz des Buddhismus, welche die rund siebentausend Zuhörer mit nach Hause nehmen konnten; wer wollte, auch gleich als eilends gefertigter Mitschnitt auf CD - und sei es auch nur, um noch einmal das gutturale Lachen des Dalai Lamas zu hören, mit dem er sich während seiner Rede hin und wieder selbst nicht ganz so ernst nahm. Einen eindringlicheren nonverbalen Gegensatz zu den chinesischen Schmähchören vor der Halle hätte er ohnehin nicht setzen können.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa