20. März 2008 Seit 49 Jahren lebt der Dalai Lama schon im Exil. Im März 1959, nach brutal niedergeschlagenen Straßendemonstrationen für die Freiheit und Unabhängigkeit Tibets, entschloss er sich zur Flucht. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich richtig Angst — nicht so sehr um mich selbst, sondern um die Millionen von Menschen, die in ihrem Glauben auf mich vertrauten“, berichtete er in seiner Autobiographie. Würde ich gefangen, wäre alles verloren.“ 23 Jahre alt war er damals. Seit seiner Flucht begehen die Tibeter den 10. März als Tag des nationalen Aufstands“. Auch die jüngsten, mit Gewalt unterdrückten Demonstrationen haben an diesem Tag begonnen.
Nach einem dreiwöchigen Marsch über mehr als fünftausend Meter hoch liegende Gebirgspässe erreichten Tenzin Gyatzo, wie der Mönchsname des 14. Dalai Lama lautet, und die vielen tausend Tibeter, die ihm damals ins Exil folgten, das benachbarte Indien, wo ihnen bis heute politisches Asyl gewährt wird. In Dharamsala, im Bundesstaat Himachal Pradesh am Fuße des Himalaja, überließ ihnen Premierminister Nehru einen Zufluchtsort. Etwa fünftausend Tibeter leben heute dort oder, genauer gesagt, an einem bis auf 2000 Meter steil aufragenden Bergrücken, der sich über die hauptsächlich von Indern bewohnte Stadt in der Ebene erhebt. Auf der engen Straße, die sich in Serpentinen in die Höhe windet, bestimmen buddhistische Mönche in ihren weinroten Kutten und Pilger aus aller Welt das Bild.
In der Fremde als Tibeter aufwachsen
In Zweckbauten aus Stein oder Beton sind hier neue Klöster für Männer und Frauen entstanden, in der die Traditionen jahrhundertealter Gemeinschaften fortgesetzt werden. Und fast täglich kommen neue Gruppen von Flüchtlingen an, die es zunächst einmal nach Nepal schaffen müssen, ehe sie von dort mit vorläufigen Papieren des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen nach Dharamsala kommen dürfen und auf tibetische Gemeinden oder Klöster in ganz Indien verteilt werden.
Die meisten sind junge Männer und Frauen, die in ein Kloster eintreten möchten oder eine tibetische Erziehung erhalten wollen. Auch viele Kinder werden von ihren Eltern gebracht oder in kleinen Flüchtlingsgruppen mitgeschickt, damit sie in der Fremde als Tibeter aufwachsen können. In Klein-Lhasa, wie dieser Teil Dharamsalas auch genannt wird, bewahrt das Sechs-Millionen-Volk die im eigenen Land bedrohte Kultur.
Als Flüchtling unter Flüchtlingen lebt hier auch der Dalai Lama, wenn er nicht, wie insgesamt fast sechs Monate im Jahr, als Botschafter seines Volkes, verehrte Kultgestalt des tibetischen Buddhismus und Verkünder einfacher Lebensweisheiten auf Reisen ist. Schon 1950, ein Jahr nach dem Einmarsch der chinesischen Armee und der Niederlage der 8000 Mann zählenden Armee Tibets, war er im Alter von 15 Jahren vorzeitig zum Staatsoberhaupt ernannt worden. Diese Verantwortung lastet auf ihm noch immer. Allerdings hat er sich bemüht, seinen einem Gottkönig nahekommenden Status durch eine allmähliche Demokratisierung“ abzuschwächen. Seit 1991 stützt sich die provisorische Regierung in Dharamsala, die allerdings von keinem Staat der Welt anerkannt wird, auf eine Art Verfassung.
Zwischen Unabhängigkeit und Status quo
Etwa 130.000 Tibeter leben heute im Exil, ein Drittel in Indien, der Rest ist über die ganze Welt verstreut. Stellvertretend für alle Angehörigen ihres unterdrückten Volkes wählen sie ein Parlament mit 46 Abgeordneten. Ministerpräsident“ ist zur Zeit Samdhong Rinpoche, ein hoch gelehrter Mönch (Lama). Seit 2001 kommt der Regierungschef, der mit Zustimmung des Parlaments bis zu acht Regierungsmitglieder beruft, durch direkte Wahl in sein Amt und wird nicht mehr vom Dalai Lama ernannt.
Das Wahlrecht für die Exil-Tibeter ist an eine Art Steuer geknüpft, die sich, in verschiedenen Abstufungen, auf bis zu etwa 100 Dollar jährlich beläuft. Trotz des halben Ruhestands“ als Staatsoberhaupt, wie der Dalai Lama es ausdrückt, bleibt er aufgrund seiner religiösen Stellung als wiedergeborener Buddha der unbestrittene Führer der Tibeter. Er verkörpert ihre Identität und die Hoffnung auf eine Befreiung des Landes von fremder Herrschaft.
Die Anwendung von Gewalt zur Befreiung Tibets hat er ausdrücklich untersagt. Durch seine Ankündigung vor einigen Tagen, er werde als Staatsoberhaupt zurücktreten, falls es doch dazu komme, ist diese Position noch einmal bekräftigt worden. Seit dem Ende der Kulturrevolution in China tritt die provisorische Regierung für einen Mittelweg“ zwischen Unabhängigkeit und Status quo ein: die echte, nationale und regionale Autonomie Tibets im Rahmen der chinesischen Verfassung. Nach ihren Vorstellungen ist das Territorium, für das dieser Status gelten soll, allerdings fast doppelt so groß wie die derzeitige Autonome Region Tibet“.
Demographische Aggression
Nach einem Fünf-Punkte-Programm, das der Dalai Lama 1987 zum ersten Mal verkündete, soll Tibet in Assoziierung mit der Volksrepublik China eine sich selbst regierende, demokratische-politische Einheit“ sein. Für Peking ist der Dalai Lama freilich nur eine politische Figur, die unter dem Deckmantel der Religion separatistische Aktivitäten betreibt“. Seit 2002 haben zwar fünf Gesprächsrunden von Vertretern des Dalai Lama mit Angehörigen der chinesischen Regierung stattgefunden. In der Sache bewegt hat sich aber nichts.
Gerade bei jüngeren Tibetern, aber selbst bei Mitgliedern des Parlaments ist der Mittelweg“ umstritten, weil auf ihm bisher nichts erreicht werden konnte und China die Kolonisierung Tibets fortsetzt. Zwei Drittel der etwa 300.000 Einwohner von Lhasa sind heute Chinesen; und in den kommenden Jahren soll die Bevölkerung auf 700.000 anwachsen. Der Dalai Lama nennt das eine demographische Aggression“.
In Dharamsala gibt es nicht viele, die einem Ausländer gegenüber offen für Gewalt eintreten und dem Dalai Lama damit widersprechen. Aber mit dem Gedanken, ob durch Sabotage oder Anschläge nicht wenigstens versucht werden sollte, für die chinesische Besatzung die Kosten zu erhöhen und die Aufmerksamkeit der Welt auf die Verhältnisse in Tibet zu lenken, spielen doch einige.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP