22. April 2008 Ungeachtet der chinesisch-französischen Dissonanzen hat das Pariser Stadtparlament zugestimmt, das geistliche Oberhaupt der Tibeter und den jüngst zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilten Dissidenten Hu Jia zu Ehrenbürgern zu erklären. Nun kam die scharfe Reaktion aus Peking: Dieser Akt habe die Beziehungen zwischen China und Frankreich schwer beschädigt, ließ das chinesische Außenministerium verlauten. Es handle sich um eine Provokation des chinesischen Volks und eine grobe Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chinas.
Zwar war die Entscheidung am Montagabend in Paris einstimmig gefallen, allerdings nahmen die meisten Abgeordneten der Opposition nicht an der Abstimmung teil. Die sozialistische Fraktion und die Grünen unterstützten den Vorschlag des sozialistischen Bürgermeisters Bertrand Delanoë für den Dalai Lama. Die konservative UMP von Staatspräsident Nicolas Sarkozy lehnte die Ehrung ab. (Siehe auch: Ehrenbürger Dalai Lama: Pariser Bürgermeister als Paralleldiplomat)
Individuelle radikale Handlungen

"Dialog notwendig": Die Amerikanerin Paula Dobriansky beim Treffen mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter
In Frankreich war es Anfang April beim Olympischen Fackellauf durch Paris zu massiven Protesten gegen das chinesische Vorgehen in Tibet gekommen. Daraufhin gab es in China zuletzt Boykottaufrufe und Demonstrationen gegen Frankreich und französische Unternehmen.
Die Sprecherin des Außenministeriums in Peking forderte Frankreich nun auf, konkrete Schritte zum Schutz der chinesisch-französischen Beziehungen zu unternehmen. Zu den jüngsten anti-französischen Proteste in mehreren chinesischen Städten erklärte die Sprecherin, die Demonstranten dürften ihren Patriotismus auf rechtmäßige und vernünftige Weise zum Ausdruck bringen. Die chinesische Regierung lehne allerdings individuelle radikale Handlungen ab. (Siehe auch: Proteste in China gegen ausländische Berichterstattung)
Sarkozy will schlichten
Sarkozy bemühte sich zuletzt um Entspannung mit der chinesischen Staatsführung und entsendete hochrangige Emissäre nach Peking: Senatspräsident Christian Poncelet, der im Verfassungsrang gleich nach Sarkozy folgt, sowie der frühere Premierminister Raffarin und Sarkozys diplomatischer Berater (Sherpa) Jean-David Levitte sollen die chinesischen Verantwortlichen nach den Protesten beim olympischen Fackellauf in Paris besänftigen.
Poncelet hatte am Montag einen Brief des Präsidenten überbracht an die behinderte chinesische Fechterin Jin Jing, deren Rollstuhl beim Fackellauf von Demonstranten umringt worden war. Die Entscheidung in Paris bedeutete für ihn nun einen Rückschlag in seinen Bemühungen. (Siehe auch: Sorge in Frankreich über chinesische Boykottaufrufe sowie Video: Sarkozy bemüht sich um Deeskalation )
Dalai Lama bittet Amerika um Hilfe
Unterdessen hat der Dalai Lama die Vereinigten Staaten um Unterstützung im Tibet-Konflikt gebeten. In diesem Augenblick benötigen wir Ihre Hilfe, sagte er am Montag bei einem Treffen in Michigan mit der Staatssekretärin im amerikanischen Außenministerium, Paula Dobriansky.
Frau Dobriansky, die im State Departement für Tibet zuständig ist, verwies auf einen Appell Washingtons an alle Seiten, sich zurückzuhalten. Ihre Regierung sei besorgt und trete für einen Dialog der chinesischen Führung mit dem Dalai Lama ein. Auch Präsident George W. Bush habe seine Besorgnis über die Lage in Tibet zum Ausdruck gebracht habe und Peking zur Zurückhaltung gemahnt.
Grenzen materieller Werte
An der Universität von Michigan rief der Dalai Lama bei einem Vortrag zu Änderungen im westlichen Lebensstil auf. Es sei wichtig, sich die Grenzen materieller Werte bewusst zu machen. Mehr als 7.000 Menschen nahmen in Ann Arbor an der Veranstaltung mit dem Titel Earth Day Reflections teil, unter ihnen auch der Automobilmanager Bill Ford und der Schauspieler Richard Gere.
Vor dem Vortragsort in der Basketball-Halle der Universität demonstrierten nach Polizeiangaben 600 bis 700 Menschen für die Haltung der chinesischen Regierung im Konflikt um Tibet.
Text: FAZ.NET mit dpa/AFP
Bildmaterial: AFP/Oktober 2003, AP, REUTERS